
Singen ist Gottesdienst!
„Singen ist für mich Gottesdienst!“, sagt sie und schmunzelt.
Ein kleines Wohnzimmer im fünften Stock eines Mietshauses in Venedig. Es ist Mitte März, die Fenster sind weit geöffnet und von der Lagune her weht ein frischer Wind herein. Vor uns zwei Gläser Prosecco und Bussolai, ziemlich trockene Kekse.
Mit großen Augen schaut mich die Frau an. Es ist ihr 86. Geburtstag. Munter erzählt sie aus ihrem Leben: „Singen ist für mich Gottesdienst. Ich glaube, dass Gott in Musik zu uns spricht. Haben sie nicht auch manchmal dieses Gefühl?“ Ich nicke. Als evangelischer Christ besonders stark. Denn wie wichtig ist doch die Musik für unseren Glauben! Eine feste Burg ist unser Gott, der Genfer Psalter, Johann Sebastian Bach, Paul Gerhardt…wahre Perlen evangelischer Musik.
Singen ist Gottesdienst. So ähnlich drückt es auch Paul Gerhardt aus. Vor 350 Jahren ist er gestorben. Er war ein Genie. Selbstbewusst, fromm, streitlustig. Nicht Luther, sondern er ist der bedeutendste protestantische Dichter. Er hat die evangelische Frömmigkeit geprägt wie kaum ein anderer.
Paul Gerhardt sagt: Singen ist Trost, der zur Seligkeit führt. Gott will Menschen trösten. Paul Gerhardt hat mit seinen Dichtungen versucht, diesen Trost in Worte zu fassen.
Was kann uns trösten? Was kann uns trösten angesichts von Leid, von Krieg, von Tod? Was kann uns trösten, wenn uns immer neue Schreckensnachrichten erreichen? Das fragen sich Menschen zu allen Zeiten. Nicht nur im 17. Jahrhundert, dieser chaotischen Zeit mit brutalen Kriegen, Hungersnöten, Pestausbrüchen und Hexenverfolgungen.
Paul Gerhardt war ein Kind der Barockzeit, in der sich Künstler, Musiker und Dichter neuen Horizonten öffneten und unseren evangelischen Glauben bis heute prägen.
Seine Lieder sind theologisch fundiert. Angesichts eigener Leiderfahrungen sind seine Trostlieder glaubhaft und nachvollziehbar. Oder umgangssprachlich gesagt: Der Mann weiß, wovon er redet. Er bleibt nicht bei abstrakten Beschreibungen stehen, sondern thematisiert menschliche Grunderfahrungen wie Nöte, Ängste, Leid und Hoffnungen in ernster und anschaulicher Weise.
Gerhardt knüpft an das Erleben der Menschen im Alltag an, um von Gott zu reden. Seine Verse sind niemals abstrakt und lebensfern, sondern nah am Leben. Gerade das macht sie so eindringlich:
Manchmal drückt einen das Leben nieder. Manchmal scheinen alle Sicherheiten, die unser Leben ausmachen, zu wanken. Angesicht militärischer Aufrüstung wird der Friede scheinbar ausgelacht. Was kann dann trösten? Du, Jesus, der du zu uns bereits gekommen bist. Öffnen wir uns seiner Botschaft!
„Was hast du unterlassen / zu meinem Trost und Freud“
Als Leib und Seele saßen / in ihrem größten Leid?
Als mir das Reich genommen / da Fried und Freude lacht,
da bist du, mein Heil kommen / und hast mich froh gemacht!“
Wenn uns das Reich dieser Welt zu schaffen macht, stellen wir uns Trost-reich dagegen.
Mit Worten, die Menschen abholen im Alltag, in der Welt. Mit Worten, die sie kennen und verstehen, wenn diese Sprache sie in ihrem Herzen trifft.
Zurück zum Wohnzimmer im fünften Stock. „Wenn ich singe, wird’s mir im Herzen warm“ sagt die Frau. „Haben sie Lust, dass wir gemeinsam singen?“ Ich nicke euphorisch. So muss ich auch keine weiteren trockenen Bussolai mehr essen.
„Mein Lieblingslied ist: ‚Wie soll ich dich empfangen?‘. Das erinnert mich immer so an meine Mama.“ Und so finden wir Trost im Singen. Was für ein Gottesdienst!
Ich wünsche Ihnen eine trost-reiche Zeit und einen erfrischenden Sommer!
Johannes Ruschke, Venedig / Abano Terme.