
Ein Wunder: Hoffnung haben mitten im Unglück
Überraschende Reaktion
Jeder von uns kennt es: Unglücksmeldungen, Tragödien, Katastrophen, die in keiner Nachrichtensendung fehlen, sei es im Fernsehen, im Radio, in der Zeitung, auf dem Handy, im Internet. Manche von uns schalten vielleicht den Fernseher aus, wenn zu viel davon kommt. Andere haben sich eine dicke Haut zugelegt und lassen diese Geschichten nicht so weit an sich herankommen. Doch sind das die einzigen zwei Möglichkeiten, mit solchen Meldungen umzugehen? Und was ist, wenn uns ein solches Unglück persönlich betrifft?
Vor Jahren habe ich ein Lied der deutschen, christlichen Band Groundstaff kennengelernt. (Diese Band wartet übrigens noch darauf, als Gast beim Festival von Sanremo aufzutreten; ich würde sie sehr empfehlen.) „Ein Wunder“ heißt das Lied. Das Lied greift genau solche schlimmen Meldungen auf, beschreibt Unglück und Tragödien. Doch dann macht es auf einmal einen Bogen, der völlig unerwartet kommt, aber der so gut ist, der das ganze Schlimme in ein so anderes Licht stellt, dass ich beim ersten Hören völlig überrascht und wirklich betroffen war. Und ich dachte mir: So mit Unglück umgehen, das ist beeindruckend und nachahmenswert.
Das Lied „Ein Wunder“
Das Lied „Ein Wunder“ kann im deutschen Original unter diesem Link von YouTube angehört werden:
https://www.youtube.com/watch?v=MQ9ZwF6qY3s
Hier folgt der Text:
1. Wo der Vater nicht da ist, die Mutter es nicht schafft, wo Familie kein Halt ist, Streit kein Ende hat. Wo das Zuhause nicht schützt, Zusammenhalt nicht zählt, seh ich einen Sonnenstrahl, einen Hauch von Leben, einen Hoffnungsschimmer, Knochen werden lebendig, Liebe liegt in der Luft.
2. Wo man Respekt nicht kennt und nicht nach dem andern fragt, wo ein Land sich nicht kümmert, die Kirche versagt, wo die Zukunft in Trümmern liegt und Hoffnung verzagt, seh ich einen Sonnenstrahl, einen Hauch von Leben, einen Hoffnungsschimmer, Knochen werden lebendig, Liebe liegt in der Luft. Und sie laufen los mit Feuer in den Augen, gezeichnet vom Leben, bereit zu vergeben, das Unmögliche zu erlangen, nichts hält sie gefangen. Es gibt nichts zu verlieren, alles zu gewinnen, sie leben die Freiheit, die ihnen genommen, stehn ein für die Liebe, warten auf sein Wiederkommen.
3. Wo die Scheinwelt der Ausweg ist, sich Ehrlichkeit nicht lohnt, wo die Liebe allen fremd ist und Schmerz in jedem Herzen thront, wo Werte nichts zählen, man lernt sich zu hassen, seh ich einen Sonnenstrahl…
Ein Sonnenstrahl in der Finsternis
Das hat mich beim ersten Hören verwirrt: „Wo der Vater nicht da ist, die Mutter es nicht schafft, wo Familie kein Halt ist, Streit kein Ende hat. Wo das Zuhause nicht schützt, Zusammenhalt nicht zählt, seh ich einen Sonnenstrahl.“ – Wie? „Seh ich einen Sonnenstrahl“? Was soll denn das? Da seh ich keinen Sonnenstrahl, da sehe ich das Gegenteil: Finsternis, da fühl ich mich nur hoffnungslos, das macht mich traurig, da hör ich zur Not nicht mehr hin, mach den Fernseher aus oder nehm das irgendwann nicht mehr zu Herzen. Aber die Band singt weiter: Da seh ich „einen Hauch von Leben, einen Hoffnungsschimmer, Knochen werden lebendig, Liebe liegt in der Luft.“
Die Band meint das wirklich so, ich habe mich nicht verhört. Sie singen: Wo das ganze Unglück geschieht, da „seh ich einen Sonnenstrahl“. Und sie meinen damit: Da ist nicht alles aus, nicht alles finster, sondern da scheint noch immer die Liebe Gottes hinein, unaufhaltsam, unbeugsam, unüberwindlich, mit ihrer starken Botschaft: Lass die Hoffnung nicht sinken, ich, Gott, bin doch bei dir! Und darum, trotz allem: „seh ich einen Sonnenstrahl, einen Hauch von Leben, einen Hoffnungsschimmer, Knochen werden lebendig, Liebe liegt in der Luft.“ Das hat mich beeindruckt, mir imponiert – und mich betroffen gemacht, weil ich selber oft keinen solchen Sonnenstrahl in der Finsternis sehe.
Das Lied geht dann so weiter: Und sie laufen los mit Feuer in den Augen, gezeichnet vom Leben, bereit zu vergeben, das Unmögliche zu erlangen, nichts hält sie gefangen. Es gibt nichts zu verlieren, alles zu gewinnen, sie leben die Freiheit, die ihnen genommen, stehn ein für die Liebe, warten auf sein [Jesu Christi] Wiederkommen. Ich glaube, das ist so gemeint: Wo der Sonnenstrahl der Liebe Gottes in das ganze Unglück hinein scheint, da kann auf einmal wieder Hoffnung aufkommen, da regt sich Leben in den Menschen, da heben sie den Blick, da stehen sie auf und „laufen los mit Feuer in den Augen“, da wissen sie: Ich kann nichts verlieren, es gibt nur „alles zu gewinnen“, und ihre Blicke sind nach vorne gerichtet auf das Ziel dieser Welt und ihres Lebens: Sie „warten auf sein Wiederkommen“, dass Jesus Christus wiederkommt und allem Bösen ein Ende bereitet und sein Reich aufrichtet, wo Friede herrscht, nur Friede herrscht.
Der verlässliche Grund christlicher Hoffnung
Auf diese Weise, mit solcher Hoffnung, mit Unglück umzugehen, versteht sich nicht von selbst. Vielleicht sagt einer von uns: Wenn ich das nur könnte! Unglück kann uns so sehr schwächen, es kann uns zerbrechen. Statt zu glauben, dass Gott für uns ist, können wir gerade das Gegenteil meinen, nämlich dass Gott gegen uns ist. Das ist einerseits schon wahr. Wohl aus diesem Grund nennt die Band Groundstaff ihr Lied auch „Ein Wunder“, weil es in manchen Situationen einem Wunder gleicht, wenn wir die Hoffnung bewahren, wenn wir mitten in totaler Finsternis einen „Sonnenstrahl“ sehen und mitten in größter Bedrängnis glauben „Liebe liegt in der Luft“.
Auf der anderen Seite müssen wir als Christen eine solche Hoffnung nicht erfinden oder wir müssen auch nicht besonders optimistisch veranlagt sein. Sondern wir haben einen klaren Grund, eine Begründung, die außerhalb unserer selbst liegt, weshalb wir mitten im Unglück am Glauben festhalten und sagen können: Gott ist da, da bei uns.
Der Apostel Paulus nennt diesen Grund im 5. Kapitel seines Römerbriefes. Paulus spricht von Gottes Gegenwart gerade auch in den scheinbar aussichtslosesten Lagen unseres Leben, weil Gott bereits in der Vergangenheit seine Liebe zu uns in unvergleichlicher Weise demonstriert hat: Gott erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren (Römer 5,8). Gott zeigt uns seine Liebe, indem er das Wertvollste, was er hat, seinen eigenen Sohn Jesus Christus, für uns hergibt und opfert, und zwar in keiner geringeren Weise als durch den Kreuzestod Jesu. Hinzu kommt, dass Gott das nicht für große Gottesliebhaber tut, sondern nach den Worten des Paulus stirbt Jesus für uns, als wir noch Sünder waren, Jesus stirbt für solche, die nicht nach Gott fragen, die Gott von ihrem Thron gestoßen haben, um sich selbst darauf zu setzen, Paulus sagt: die die Feinde Gottes sind (V 10), die also Gott gerade nicht lieben. Für solche, für seine Gegner, gibt Gott seinen einzigen, geliebten Sohn. Für solche, für seine Gegner, gibt Jesus sein Leben und stirbt – damit wir, für die vor Gott gar nichts mehr spricht, gerettet werden, damit wir Frieden mit Gott haben und einmal in Gottes Herrlichkeit leben dürfen. Paulus – und sehr wahrscheinlich auch die Band Groundstaff – blicken also auf das Kreuz, um sich der Liebe und Gegenwart Gottes sicher zu werden. Am Kreuz hat Gott ein für alle Mal die überwältigende Größe seiner Liebe zu uns demonstriert. Und weil Gottes Liebe beständig ist und nicht wie menschliche Liebe in Hass umschlagen kann, darum wissen sie: Gott ist für uns, er ist da für uns, selbst mitten in allem Unglück. Auf das Kreuz blicken sie in ihrer Bedrängnis, vom Kreuz her fällt ein „Sonnenstrahl“ mitten in ihre Finsternis, und vom Kreuz her spüren sie den „Hauch von Leben“ und „Liebe liegt in der Luft“.
Möge auch uns, gerade in den schwersten Zeiten unseres Lebens, dieses „Wunder“ widerfahren, dass wir im Kreuz Jesu immer wieder neu der großen und unwandelbaren Liebe Gottes gewiss werden – und so mitten im Unglück Hoffnung haben.
Pfarrer Tobias Brendel (Turin)