
Leben im Gleichgewicht, wie die Wolken
Leben im Gleichgewicht: Die Familienfreizeit der evangelisch-lutherischen Gemeinde Florenz an den Quellen des Tiber – zwischen Bibel und Slackline.
Fünfundzwanzig Menschen an den Quellen des Tiber

„Leben im Gleichgewicht“ lautete das Thema der Familienfreizeit der evangelisch-lutherischen Gemeinde Florenz, bei der vom 4. bis 6. September in Balze di Verghereto im toskanisch-romagnolischen Apennin 25 Erwachsene und Jugendliche zusammenkamen.
Nur wenige Kilometer von den Quellen des Tiber entfernt verbrachten die Teilnehmer ein Wochenende zwischen Erholung und Neuanfang. Dabei arbeitete die Gruppe unter der Leitung von Pastorin Susanne Krage-Dautel mit Ugo Albano, einem Journalisten und Sozialarbeiter, Bettina von Friedolsheim, einer Prädikantin der ELKI, und Gianluca Fiusco zusammen.
Bibel und Work-Life-Balance
Die Ausgangsfrage war eine, die heute sehr aktuell erscheint: Gibt uns die Bibel eine Antwort auf das Problem des Gleichgewichts zwischen Arbeit und Leben?
Die Formulierung Work-Life-Balance ist sicher ein Spezifikum unserer Zeit. Doch schon in der Schöpfungserzählung wird davon berichtet, dass das Leben nicht allein aus Arbeit bestehen soll. Der siebte Tag ist sogar für Gott selber ein Ruhetag.

Und es gibt eine Stelle im Buch Exodus, die die Frage von der individuellen auf die gesellschaftliche Ebene verlagert: „Sechs Tage kannst du deine Arbeit verrichten, am siebten Tag aber sollst du ruhen, damit dein Rind und dein Esel ausruhen und der Sohn deiner Sklavin und der Fremde zu Atem kommen“ (Exodus 23,12)
Die Ruhezeit ist daher keine verhandelbare Vereinbarung zwischen einem Arbeitnehmer und einem Arbeitgeber. Sie ist ein Recht, das keine Standesunterschiede kennt und das auch Tiere und diejenigen betrifft, die keine Stimme haben. Der Sabbat für Gott ermöglicht der gesamten erschöpften Schöpfung das Atemholen.
Ein Seil zwischen Bäumen
Ausgangspunkt der zentralen Meditation war eine Slackline: ein zwischen zwei Bäumen niedrig gespanntes Seil, auf dem jeder innerhalb von zwei Sekunden feststellt, dass das Stillhalten eine ständige muskuläre Anstrengung erfordert.

Dann der Text, der zu den seltsamsten der Bibel gehört. Hiob hat alles verloren, und irgendwann hört Elihu auf, ihm die Gründe dafür zu erklären, und beginnt, ihm unmögliche Fragen zu stellen: „Weißt du, wie die Wolken im Gleichgewicht schweben, diese Wunderwerke aus vollkommener Meisterhand?“ (Hiob 37,16).
Der hebräische Ausdruck kommt in der gesamten Heiligen Schrift nur ein einziges Mal vor und stammt von derselben Wortwurzel wie die Kaufmannswaage. Elihu fragt wörtlich: Weißt du, wie man Wolken wiegt?
Eine Wolke schwebt am Himmel, gerade weil sie scheinbar nichts wiegt – und doch wiegt sie etwas. Eine durchschnittliche Cumuluswolke trägt über unseren Köpfen so viel Wasser wie ein Schwimmbecken. Sie fällt nicht herunter, weil jeder Tropfen von einer Bewegung gehalten wird, die keinen Augenblick stillsteht. Wenn diese Bewegung aufhört, regnet es.
Das Gleichgewicht der Wolke ist kein Zustand. Es ist ein fortwährender Prozess. Und die Bibel bezeichnet es als Wunderwerk, nicht als Ordnung.

Aber was ist Gleichgewicht eigentlich nicht?
Hier wurden nacheinander drei Missverständnisse ausgeräumt.
Es ist keine Bewegungslosigkeit: Alle stehen, schließen die Augen, halten dreißig Sekunden lang Stille – und niemand steht wirklich still.
Es ist keine Neutralität: Das toskanische „Pane sciocco“ ist kein geschmackloses Brot, sondern ein Brot, das in den Hintergrund tritt, damit andere Speisen – zum Beispiel Wurst und Käse – voll und ganz genossen werden können. In einer Familie sind die Lasten nie gleich verteilt – sie verändern sich von Jahr zu Jahr und müssen ausgesprochen werden.
Es ist kein rechnerischer Ausgleich: Der Knecht, der das Vermögen vergräbt, ist der Einzige, bei dem die Rechnung vollkommen aufgeht – und zugleich der Einzige, der verurteilt wird. Den Grund dafür nennt er selbst: „Ich fürchtete mich“.
Von den privaten Schulden bis hin zu den Schulden der Völker

Das Sabbatgebot im Alten Testament erstreckt sich bis zum Sabbatjahr: Im siebten Jahr soll der Boden nicht bestellt werden, aber auch Schulden erlassen werden.
Daraus ist die deutsche Initiative erlassjahr.de entstanden, ein Bündnis von über 600 Organisationen, das einen gerechten und verbindlichen Schuldenerlass für die Länder des Globalen Südens fordert. In der Bibel ist Gleichgewicht niemals nur eine private Angelegenheit.
Das Abendgebet
„Herr, am Ende dieses Tages suchen wir bei dir ein neues Gleichgewicht. Möge diese Suche uns zu neuen Einsichten führen, den Staub der Traurigkeit und die Last der Sorgen von uns nehmen. In der Ruhe schenke uns die Kraft, unsere Gedanken zu ordnen, die Knoten zu lösen, die uns bedrücken, und die Fäden der Freundschaft, die uns verbinden, neu zu knüpfen. Wir legen unsere Ruhe in deine Hände, im Schutz deiner Liebe sind wir geborgen. Die Früchte dieser gemeinsamen Zeit, Herr, mögest du sie bewahren und wachsen lassen. Amen“.
Der Verfasser hat als Mitglied des Organisationsteams an der Familienfreizeit teilgenommen