
Autonomes Fahren: Chancen und Herausforderungen
Welches Potenzial und welche positiven Seiten birgt autonomes Fahren? Welche kritischen Punkte gilt es zu bedenken? Und welcher Zusammenhang besteht zur Schöpfung? Das sehen wir uns im vorliegenden Beitrag an.
Vorwort
Autonomes Fahren, insbesondere autonome Busse im öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV), wie sie kürzlich erstmals in Bozen getestet worden sind, bietet zahlreiche Möglichkeiten, wirft aber auch manche Fragen auf.
Soziale Gerechtigkeit und Teilhabe
Autonome Fahrzeuge können Mobilität für ältere Menschen, Menschen mit Beeinträchtigung oder finanziell Benachteiligte verbessern. Da sie ohne FahrerIn funktionieren, ermöglichen sie es auch Personen ohne Führerschein oder mit körperlichen Einschränkungen, selbstständig unterwegs zu sein. Durch den Wegfall von Personal- und Betriebskosten könnten zudem kostengünstigere Angebote entstehen, was besonders für Menschen mit geringem Einkommen relevant ist. Außerdem lassen sich autonome Shuttles flexibel und bedarfsorientiert einsetzen, wodurch auch abgelegene oder bisher schlecht angebundene Orte, etwa im ländlichen Raum, besser erreichbar werden. Die Forschungseinrichtung Eurac Research in Bozen z. B. hat sich dem Thema in einem internationalen Projekt gewidmet. Die evangelische Ethik betont Inklusion und soziale Gerechtigkeit – eine Kirche, die sich für innovative Mobilitätskonzepte interessiert, kann dazu beitragen, dass niemand abgehängt wird.

Bewahrung der Schöpfung und Nachhaltigkeit
Autonome Busse können den Verkehr effizienter gestalten, weil sie dazu beitragen, den motorisierten Individualverkehr zu verringern und damit Emissionen zu reduzieren, einmal mehr, wenn es Busse mit Antrieb aus erneuerbaren Energien sind. Das entspricht dem evangelischen Verständnis von Verantwortung für die Schöpfung. Gemäß Genesis 2,15 sind wir aufgefordert, die Schöpfung zu „bebauen und bewahren“ – autonome E-Busse können dabei helfen, diese Verantwortung wahrzunehmen.
Gott, der Herr, nahm also den Menschen und setzte ihn in den Garten von Eden,
damit er ihn bebaue und hüte. (Genesis 2,15)
Technologie, Ethik und Vertrauen
Autonomes Fahren wirft auch ethische Aspekte auf. Wenn Maschinen Entscheidungen im Straßenverkehr treffen, stellt sich die Frage: Wer trägt Verantwortung bei Unfällen oder Fehlentscheidungen? Der christliche Glaube betont die persönliche Verantwortung und Nächstenliebe und lehrt ebenso Vertrauen. Kann ein Algorithmus diese Werte wirklich übernehmen und wie gehen wir mit der Übertragung von Verantwortung auf Maschinen um? Gemeinden können solche Entwicklungen kritisch begleiten und ethische Orientierung geben, indem sie Technologie mit christlichen Werten verknüpfen und sicherstellen, dass moralische Überlegungen nicht außer Acht gelassen werden.
Verlust von Menschlichkeit und zwischenmenschlicher Begegnung
Autonome Busse ersetzen menschliche FahrerInnen, die oft eine wichtige soziale Funktion erfüllen – sei es durch ein freundliches Wort, Hilfe für ältere Fahrgäste oder das Gefühl von Sicherheit. In einer zunehmend automatisierten Welt stellt sich die Frage: Wie bewahren wir den Wert der direkten menschlichen Begegnung, die auch im christlichen Glauben eine zentrale Rolle spielt?
Gefahr der sozialen Ausgrenzung durch Digitalisierung
Während technologische Innovationen oft Fortschritt bedeuten, besteht auch die Gefahr, dass Menschen ohne digitalen Zugang oder technisches Verständnis ausgeschlossen werden. Wenn der ÖPNV zunehmend oder gar ausschließlich auf Apps, digitale Bezahlsysteme und automatisierte Prozesse setzt, könnte das für ältere Menschen oder sozial Benachteiligte wiederum zu neuen Barrieren führen.
Und wie ist das in Eurer Gemeinde?
Autonome Busse bieten sicherlich zahlreiche positive Möglichkeiten, sowohl ökologischer als auch sozialer Natur. Gleichzeitig dürfen die kritischen Aspekte nicht außer Acht gelassen werden, insbesondere die Frage der Menschlichkeit, Verantwortung und Inklusion. Die evangelische Gemeinde kann eine wichtige Rolle spielen, indem sie sich für eine ethisch verantwortungsvolle und inklusive Umsetzung autonomer Technologien einsetzt. Spielt autonomes Fahren in Eurer Stadt, Eurem Dort oder gar für Eure Gemeinde bereits eine Rolle? Welche Vorteile birgt es aus Eurer Sicht? Wie nützlich könnte es für Eure Gemeindeglieder sein?
Miriam L. Weiß, Evangelisch-Lutherische Gemeinde Bozen