
Von einem Haustier Abschied nehmen: Wie der christliche Glaube dabei helfen kann
Viele von uns haben Haustiere. Wir haben sie in unser Herz geschlossen. Unsere Tiere sind uns nah und sind uns Begleiter durch das Leben meist über viele Jahre. Sie gehören zu unseren Familien, zu unserem Leben, sie sind ein großer Teil unseres Herzens.

Darum ist es sehr schmerzhaft, wenn wir von ihnen Abschied nehmen müssen. Ich selber nehme gerade zusammen mit meiner Frau Abschied von unserem Hund Ludi. Ludi ist mit ihren fast 15 Hundejahren eine hochbetagte Urgroßoma. Ludi hatte ein bewegtes Leben und hat viele Länder dieser Welt gesehen. Sie ist ein Mischling eines Australian Cattle Dogs, eines Hütehundes, und stammt vom australischen Dingo ab. Sie ist geboren in Ost-Timor, eines kleinen, nördlich von Australien gelegenen Staates in Südostasien, wo meine Frau einige Jahre gearbeitet hat. Meine Frau hat Ludi als ganz jungen Straßenwelpen von der Straße geholt und damit Ludi bestimmt das Leben gerettet. Meine Frau hat Ludi seither immer an ihrer Seite gehabt, und Ludi war überall dabei. So haben die beiden, bedingt durch die zahlreichen Auslandseinsätze meiner Frau, viele unterschiedliche Länder, Menschen und Situationen erlebt. Über die vielen Jahre sind beide ganz fest zusammengewachsen. Ihre letzten Lebensjahre verbringt Ludi gerade im italienischen Turin, wo ich meine Frau und Ludi kennen- und lieben gelernt und meine Frau geheiratet habe.

Ludi hatte bis zuletzt keinerlei gesundheitliche Einschränkungen und war immer in Bewegung und munter und fröhlich. Vor ein paar Tagen allerdings fing sie an, sehr schwach zu werden und weniger oder gar nicht mehr zu fressen. Eine Diagnose beim Tierarzt ergab unheilbarer Krebsbefall an Ludis Leber. Es ist klar, dass Ludi bald eingeschläfert werden muss, doch derzeit scheint sie noch keine Schmerzen zu haben und so wurden ihr für die nächsten Tage Cortison-Tabletten verschrieben. Ludi hat dadurch neue Kraft und Lebensfreude bekommen, und wir können Ludi noch einmal unsere Liebe und Fürsorge zeigen und ihr ein paar letzte Freuden bereiten, sie mit Leckerchen verwöhnen und ohne enormen Zeitdruck in Ruhe von ihr Abschied nehmen. Aber der baldige Abschied steht fest, nur der genaue Zeitpunkt ist noch offen.

Wie aber gehen wir mit Ludis baldigem Sterben und ihrem Tod um? Kann auch der christliche Glaube an dieser Stelle Trost und Hilfe sein? Vielleicht sind das nicht nur unsere Fragen, sondern die Fragen aller, die durch einen solchen schmerzhaften Abschied von ihrem geliebten Haustier hindurchgehen müssen. Ich habe mir dazu diese Gedanken gemacht:
1. Es ist ein großes Glück, ein Haustier haben und mit ihm in Liebe verbunden sein zu dürfen. So eine Bereicherung des Lebens ist nicht selbstverständlich. Es kann uns mit großer Dankbarkeit erfüllen, wenn wir uns dieses bewusst machen. Unsere Dankbarkeit kann sich noch steigern, wenn wir uns gegenseitig erzählen, welche Eigenschaften unseres Haustieres besonders gewesen sind und uns beglückt haben und welche wir darum vermissen werden, wenn es nicht mehr unter uns ist. Ludi etwa hat ihren eigenen Kopf und tut, was sie für richtig hält, sie lässt uns durch ihr Gesicht und ihre Körperhaltung ihre Emotionen wie Freude, Trauer oder Angst erkennen, sie ist als Hütehund auch der Wächter unserer Wohnung und liebt den Garten und liegt dort oft auf der Wacht oder bellt bei Gefahr. In gleicher Weise können wir uns gegenseitig von der Geschichte unseres Haustieres und den Erlebnissen erzählen, die wir mit ihm gehabt haben.
2. Wenn wir uns an solchen Beobachtungen Anteil haben lassen, kann uns das nicht nur dankbar machen, sondern uns auch trösten, weil wir erkennen, welch eine reiche Zeit wir mit unserem Haustier verbringen konnten. Gegenseitig trösten können wir uns auch, wenn wir in der Phase des Abschieds und nach dem Tod unseres Haustieres füreinander da sind, einander in den Arm nehmen, die Hand halten, einander zuhören und einander annehmen in der oftmals unterschiedlichen Art und Weise, wie ein jeder von uns trauert.
3. Sollten wir unser Haustier einschläfern lassen müssen, wie es für uns bei Ludi absehbar ist, um sie nicht unnötig lange leiden zu lassen, sollten wir vorher miteinander die Umstände besprechen, die wir für unser Haustier und für uns selbst für die besten halten. Unsere Ludi soll in ihrem geliebten Garten eingeschläfert werden und nicht beim Tierarzt, und wir möchten sie nicht einäschern lassen, sondern ihren Körper in unserem Garten an einer Stelle begraben, die eine ihrer Lieblingsstellen im Garten ist. Im Moment des sanften Sterbens von Ludi möchten wir Ludi und einander berühren und uns so spüren lassen, dass niemand von uns alleine ist. Vielleicht stehen wir dann noch eine Weile still oder weinend um sie, vielleicht erzählen wir uns dann von ihr, vielleicht sprechen wir ein spontan formuliertes oder vorher niedergeschriebenes (Dank-/Bitt-)Gebet und ein Vaterunser. Wenn wir anschließend das Grab für Ludi ausheben, erwarte ich, dass uns diese Arbeit, die wir aus Liebe zu Ludi tun, bei der Realisierung ihres Todes und bei der Trauerbewältigung helfen kann. Pflanzen wir schließlich in Andenken an Ludi eine Blume auf ihr Grab und/oder setzen ein Kreuz mit ihrem Namen darauf?
4. Wo ist unser Haustier, wenn es gestorben ist? Viele Menschen bewegt diese Frage, diese Frage ist Teil der Trauerbewältigung. Ist dann der Körper unseres Haustieres tot, aber sein Geist ist noch unter uns? Können auch Tiere in den Himmel kommen (so wie Menschen), wo wir sie einmal wiedersehen werden? Der christliche Glaube macht dazu keine konkrete Aussage. Aber der Glaube sagt, dass Gott Tiere liebt, weil Gott sie in bewusster Absicht geschaffen und gesegnet hat und sie als „gut“ angesehen hat (1. Mose 1,21-25) bzw. im Rahmen seiner ganzen Schöpfung sogar als „sehr gut“ (1. Mose 1,31). In der Bibel aber hat nicht nur Gott ein positives Bild der Tiere, sondern auch Menschen in der Bibel loben Gott für die Schöpfung der Tiere, in großartiger Weise zum Beispiel in Psalm 104. Das Alte Testament erwartet für die Tiere ein friedvolles Zuhause im zukünftigen Friedensreich Gottes (Jesaja 11,6-8). Im Neuen Testament beschreibt der Apostel Paulus, wie die Schöpfung unter ihrer Vergänglichkeit leidet, und er denkt dabei ohne Zweifel auch an die Tiere, die stöhnen, weil sie sterben müssen. Aber Paulus erwartet ähnlich wie das Alte Testament, dass in der zukünftigen Welt Gottes „die Schöpfung frei werden wird von der Knechtschaft der Vergänglichkeit“ (Römer 8,21), so dass auch die Tiere in dieser erlösten Welt nicht mehr sterben werden.

Der christliche Glaube zeigt uns also, wie sehr die Tiere Gott am Herzen liegen. Gott erschafft sie aus Liebe, Gott lässt die Tiere immer Teil seiner Schöpfung sein, Gott schmerzt selber ihr Leiden und so wird Gott den Tieren in seiner zukünftigen Welt, von Leid und Tod befreit, ihren Ort zum Leben geben.

Können wir daraus den Schluss ziehen, dass wir unser Haustier einmal im Himmel bzw. in dieser neuen Welt Gottes wiedersehen werden? Werde ich Ludi einmal wiedersehen? Oder werden dort die Tiere, die wir aus der gegenwärtigen Welt kennen und lieben – wie Ludi –, Vergangenheit sein und es werden dort einfach nur andere Tiere leben? Ich kann die Frage leider nicht so konkret beantworten, weil mir unser christlicher Glaube darauf keine so konkrete Antwort gibt. Aber für mich selber denke ich: Ich kann es mir schwer vorstellen, dass Gott im Himmel ein Tier vergessen wird, das er einmal aus Liebe erschaffen hat.
Ich werde von unserer Ludi so Abschied nehmen, dass ich Ludi vertrauensvoll in die Hände Gottes zurücklege, durch die sie erschaffen wurde. Wenn Gott Ludi wirklich liebt, so bin ich überzeugt, wird Ludi es bei Gott gut haben, und Gott wird alles gut und richtig mit Ludi machen. Und vielleicht werde ich Ludi bei Gott einmal wiedersehen. Das wäre wunderschön!
Pfarrer Tobias Brendel (Turin)