
Fürchte dich nicht!
Offenbarung 1.17-18
17 Und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen wie tot; und er legte seine rechte Hand auf mich und sprach: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte
18 und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig, von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schüssel des Todes und der Hölle
Im Buch der Offenbarung hat der Apostel Johannes eine Vision auf der Insel Patmos. Über dieses Buch wird wenig gesprochen, weil es voller starker Bilder, geheimnisvoller Visionen und Ängste ist, die manchmal unverständlich erscheinen. Und doch entstand es als Wort der Hoffnung für die ersten verwundeten und verfolgten Gemeinden, um zu zeigen, dass Gott sie nicht verlässt und dass seine Liebe auch die dunkelsten Nächte durchdringt. Johannes präsentiert sich nicht als Held, sondern als Bruder und Gefährte in der Not: ein müder, verbannt, vielleicht verlorener Mann. Auch wir kennen solche Momente, in denen wir uns wie auf einer fernen Insel fühlen, mit unbeantworteten Fragen. Und genau dort, an diesem Ort der Zerbrechlichkeit, erreicht ihn das Licht Christi und verwandelt ihn.
Johannes sieht Christus inmitten der sieben Leuchter (die sieben Kirchen der damaligen Zeit), ein Zeichen dafür, dass der Herr unter seinem Volk gegenwärtig ist. Er sieht ihn in Herrlichkeit gekleidet: durchdringende Augen, eine Stimme, mächtig wie rauschende Wasser, das Wort wie ein Schwert, das rettet und richtet. Angesichts dieser Gegenwart fällt Johannes wie tot zu Boden: Die Heiligkeit Gottes übersteigt uns, sie entblößt uns. Aber dann geschieht etwas, das der ganzen Vision einen Sinn gibt. Christus legt seine Hand auf ihn – die Hand, die geheilt, gesegnet, das Brot gebrochen hat, die Hand, die bis zum Ende die Zeichen der Liebe trägt – und sagt zu ihm:
“Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und er Letzte und der Lebendige”
Dieses Wort gilt auch für unsere heutigen Stürme. Viele erleben eine plötzliche „Patmos“: überflutete und zerstörte Häuser, verlorene Arbeit, verletzte Familien, viele Verluste. Und doch ist Christus gerade hier gegenwärtig. Er ist inmitten der Leuchter, inmitten seines Volkes, inmitten unserer Wunden. Seine Hand legt sich auch auf uns und wiederholt:
“Fürchte dich nicht! Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig”
Der Prophet im Buch Jesaja (60,2) erinnert uns daran: „Finsternis bedeckt die Erde … aber über dir geht der Herr auf.“ Die Bibel leugnet den Schmerz nicht, sie löscht die Stürme nicht aus, sondern bekräftigt, dass das Licht Gottes gerade auf diejenigen scheint, die leiden. Glaube bedeutet nicht, dem Sturm auszuweichen, sondern ihn zu durchqueren, in dem Wissen, dass der Lebendige neben uns geht.
Auf diesem Weg können wir uns auf drei Gewissheiten verlassen: Christus ist der Erste – und wenn er an erster Stelle steht, kehren unsere Ängste an ihren Platz zurück; Christus ist der Letzte – wenn alles zusammenbricht, bleibt seine Treue bestehen; Christus ist der Lebendige – Tod und Böses haben nicht das letzte Wort. So können wir mutig leben, in Solidarität mit den Schwachen, mit konkretem Engagement für diejenigen, die betroffen sind und alles verloren haben, und zu einer Gemeinschaft werden, die unterstützt und niemanden zurücklässt.
Der Christus, der Johannes in seiner Angst berührt hat, beugt sich heute auch über uns. Seine Stimme ist lebendig, seine Hand ist ausgestreckt, seine Gegenwart ist real. Nehmen wir sein „Fürchte dich nicht” an und lassen wir sein Licht unsere Dunkelheit erhellen. So wird der Lebendige uns zu Werkzeugen der Hoffnung für unsere Erde machen, für diejenigen, die leiden, für diejenigen, die keinen Ausweg sehen. Christus ist der Erste und der Letzte, das Alpha und das Omega. Christus ist der Lebendige. Und wo er ist, da ist Hoffnung, da ist Zukunft, da ist Leben. Amen.
Pfarrerin Heidi Lengler, Gemeinde Sizilien
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