
Andacht Israelsonntag
Andacht von Pfarrerin Jutta Sperber
Israelsonntag
Normalerweise scheint der Monat August für uns Lutheraner liturgisch nicht besonders wichtig zu sein. Nur wenige machen sich klar, dass seit dem 16. Jahrhundert der zehnte Sonntag nach Trinitatis den Beziehungen zwischen Christentum und Judentum gewidmet ist. Lange Zeit bedeutete das, dass die Christen sich auf die großen Fehler der Juden konzentrieren. Nach der Shoah änderte sich das. Heute sehen wir, dass der Israelsonntag sehr nah an einem wichtigen jüdischen Gedenktag liegt, an Tisha‘ beAw: Nach dem jüdischen Kalender wurden sowohl der erste also auch der zweite Tempel in Jerusalem am selben Tag zerstört, dem neunten Tag des Monats Aw im Sommer. Es ist der düsterste Tag im liturgischen Jahr des Judentums. Das Buch der Klagelieder wird gelesen, die Gemeinde sitzt auf dem Boden und darf keine neuen Kleider tragen. Aber man erinnert nicht nur die Zerstörung des ersten und des zweiten Tempels, sondern an jedes Unglück in der Geschichte des Volkes Israel, zuletzt der 3. Oktober 2023. Aber die Liturgie von Tisha‘ beAw endet nicht mit der Trauer, sondern mit der Hoffnung auf neue Hilfe Gottes.
Am Israelsonntag erinnern auch wir uns daran und an unsere Rolle dabei, angefangen von der Zerstörung des zweiten Tempels in Jerusalem. Diese Zerstörung war auch eine Katastrophe für die ersten Christen die, wie wir aus der Apostelgeschichte wissen, regelmäßig in den Tempel zum Gebet gingen. Aber dieses Gefühl einer Katastrophe änderte sich und wurde zu einem Gefühl des Triumphs: aus der Tatsache, dass Jesus all das vorhergesagt hatte, wurde die Überzeugung, dass die Christen die wahren Erben des Volkes Israel in der Liebe Gottes seien. Das ist nicht das, was wir im Neuen Testament finden, nicht von Seiten Jesu selbst, nicht von Seiten des Apostels Paulus, des großen Theologen der Christenheit und des Apostels der Heiden. Ganz im Gegenteil. Paulus und Jesus sagen klar, dass Gott seine Wahl nicht ändert, eine Wahrheit, die für fast 2.000 Jahre ignoriert wurde. Es brauchte, im Schlechten wie im Guten, das 20. Jahrhunderts, um den Großteil der Christenheit zu dieser Wahrheit zurückzubringen.
Für die, denen das zu einfach, zu politisch erscheint: Gott, der seine Wahl einmal ändert, kann sie auch ein zweites oder ein drittes Mal ändern. Das ist keine Theorie, es eine Wahrheit, die in der islamischen Welt gelebt wird. Für den Großteil der Muslime sind wir Christen das, was die Juden für den Großteil der Christenheit gewesen worden waren: Personen, die religiös und von daher auch sozial zweiter Klasse sind. Sie haben dieses Modell von uns übernommen, ohne uns zu fragen – eine grausame Wahrheit. Es ist eine schwierig, etwas zu ändern, was eine Geschichte von fast 2.000 Jahren hat, aber wie Tisha‘ beAw: Die Geschichte endet niemals mit den Katastrophen, sondern sie endet mit der Hoffnung, dass Gott uns helfen kann und die Welt besser machen.
Pfarrerin Jutta Sperber, Genua und Sanremo