
Erinnerung, ein Funke
Am Holocaust-Gedenktag ist es notwendig und wichtig, über Schuld, Verantwortung, Antisemitismus und die Hoffnung auf Menschenrechte in der heutigen Zeit nachzudenken.
„Entschlossenes“ Gedenken
Die Resolution 60/7 der Generalversammlung der Vereinten Nationen vom 1. November 2005 hat den 27. Januar zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust erklärt.
Seitdem gedenkt die Welt jedes Jahr dem Jahrestag der Befreiung des nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau durch die Rote Armee.
Der diesjährige Tag des Gedenkens steht unter dem Motto „Holocaust-Gedenken für Würde und Menschenrechte“.
Dabei handelt es sich nicht nur um einen weiteren Slogan, sondern um eine eindringliche Mahnung: Erinnerung ist keine Stilübung, sondern eine Frage der Würde, der Gerechtigkeit und der Menschlichkeit.
Auch die christlichen Kirchen waren in die während der Shoah begangenen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verstrickt.
Daraus erwächst eine bleibende Verantwortung, eine tägliche Aufgabe und eine Haltung in Demut und klarer Solidarität.
Die Bischöfe der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland haben in ihrer Botschaft zum 27. Januar eindringlich daran erinnert.
Wir leben in einer Zeit, in der Antisemitismus wieder zunimmt.
In vielen europäischen Ländern, insbesondere in Deutschland, fühlen sich jüdische Frauen und Männer nicht sicher. Institutionen, Synagogen und Orte des jüdischen Lebens sind Ziel von Drohungen und Angriffen.
Gedenken als Verantwortung
Die lutherische Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt erinnerte nach ihrem Besuch der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem daran, dass Erinnerung kein abstrakter Akt ist, sondern eine existenzielle Verpflichtung für Gegenwart und Zukunft.
Sich immer wieder und schmerzhaft an die Shoah zu erinnern bedeutet, sich damit auseinanderzusetzen, wohin Antisemitismus, Judenhass, Entmenschlichung und Gleichgültigkeit führen können.
Die lutherische Bischöfin Kirsten Fehrs, Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), betonte, dass der 27. Januar kein Tag sei, den man einfach nur „begeht”.
Es ist ein Tag, an dem man innehält und nachdenkt, auch ganz in der Stille.
Jedes Jahr aufs Neue drohen diese unvorstellbaren Zahlen der Shoah, uns sprachlos zu machen. Und doch suchen wir weiterhin nach Worten, um ein Leid zu beschreiben, das sich nicht fassen lässt.
Bei dieser Suche nach Worten wird Erinnerung zu einer konkreten Verantwortung: Wir müssen Namen und ihre Geschichten bewahren und der Versuchung widerstehen, die Augen zu verschließen, nichts mehr hören zu wollen, abzustumpfen.
„Nie wieder“ ist kein Satz aus der Vergangenheit, sondern eine tägliche Aufgabe, die aus dem christlichen Glauben hervorgeht, der immer auch eine Frage der Einstellung ist.
Heute tragen Antisemitismus und die Verachtung der Würde anderer Menschen alte und neue Masken, verwenden alte und neue Parolen und nutzen alte und neue Plattformen. Aber die Methoden bleiben dieselben: Entmenschlichung, Abwertung, Ausgrenzung.
In der Bibel steht: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein.“ (Jesaja 43,1)
Diese Worte sind nicht abstrakt gemeint, sondern richten sich an jeden Menschen, ohne Ausnahme. Darin liegt Trost und Auftrag zugleich: Leben muss geschützt werden, heute und in Zukunft
Wurzeln und Worte
Als Christen dürfen wir nicht vergessen, dass die Wurzeln unseres Glaubens im Judentum liegen: Jesus war Jude; viele der Begriffe, die wir im Gottesdienst verwenden – „Halleluja“, „Amen“ – kommen aus dem Hebräischen.
Wenn diese Wurzeln entfernt oder verschwiegen werden, verliert man schnell die Orientierung. Die Geschichte der Kirche, die von heftigen antisemitischen Kontroversen und Gewalttaten geprägt ist, belegt dies.
Ebenso wenig vergessen dürfen wir die antijüdischen Schriften des späten Luther, die dann aufgegriffen und bis zur Zeit des Nationalsozialismus instrumentalisiert wurden. Allzu oft haben die Kirchen zugesehen, anstatt sich zu widersetzen.
Ein Funken Hoffnung
In unseren Gesellschaften scheint mitunter eine Art „Wettbewerb“ darüber entbrannt zu sein, wer der wahre Hüter der Erinnerung ist.
Die Erinnerung wird als Maßstab für die Beurteilung der Missstände unserer Zeit herangezogen, und es werden Parallelen gezogen – manche fragwürdig, andere unerträglich. Das führt letztendlich zu Spaltungen: Einige werden wütend, andere empören sich, wieder andere verschließen sich.
Die Shoah bleibt jedoch ein so schreckliches Ereignis, dass man sich ihr nur „mit Furcht und Zittern“ nähern kann. Jeder gewagte Vergleich, jede Instrumentalisierung, jede oberflächliche Verwendung der Erinnerung ist eine weitere Wunde auf den bereits offenen Wunden.
Aber auch die Weigerung, sich mit dem Schrecklichen auseinanderzusetzen, das wir von diesem Übel geerbt haben, birgt die Gefahr, genauso viel Oberflächlichkeit zu offenbaren.
Dennoch ist Erinnerung nicht nur eine schmerzhafte Pflicht: Sie ist auch ein Funke, der die Gegenwart entzünden kann.
Die Bibel mahnt immer wieder zur Erinnerung: zur Erinnerung daran, wie die „Väter“ glaubten, lebten und beteten; zur Erinnerung an ihre Befreiungen, ihre Untreue, ihre Rückkehr. Erinnerung ist niemals neutral: Sie orientiert, korrigiert, eröffnet neue Zukunftsperspektiven.
Heute müssen wir zur ursprünglichen Funktion der Erinnerung zurückkehren, anstatt sie für unsere Zwecke anzupassen. Wozu dient das Gedächtnis, wenn nicht in erster Linie zum Erinnern?
Um uns an die tragischen Geschehnisse der Vergangenheit zu erinnern und uns gleichzeitig vor Augen zu führen, wie wir sie überstanden haben und dass wir sie überstanden haben.
Dieses „Überstandensein“ ist kein Triumph, sondern ein Aufruf: wachsam zu sein, nicht gleichgültig zu bleiben, nicht der moralischen Erschöpfung nachzugeben.
In Zeiten voller Verzweiflung und Lethargie kann die Erinnerung zu einer Quelle der Hoffnung werden.
Keine naive Hoffnung, sondern die wachsame Hoffnung derer, die gesehen haben, wohin Hass führen kann, und sich deshalb jeden Tag aufs Neue dafür entscheiden, auf der Seite des Lebens, der Menschenrechte und der Würde jedes Einzelnen zu stehen.
„Nie wieder“ gehört nicht der Vergangenheit an. Es ist die Aufgabe, die jeden Morgen auf uns wartet.