
Gaza: Wann soll eine Kirche ihre Stimme erheben?
Die vorherige Version dieses Artikels hat eine lebhafte Debatte ausgelöst, über die wir uns freuen. Aus Respekt gegenüber den Teilnehmern möchten wir einige unklare Passagen präzisieren, damit die Diskussion fortgesetzt und vertieft werden kann. Es muss hinzugefügt werden, dass der Dialog wichtig ist und nicht abgebrochen werden darf.
Wann und für wen?
Angesichts der Krise im Gazastreifen muss die Kirche den Sinn ihres Zeugnisgebens hinterfragen.
Wann und für wen erheben wir die Stimme und brechen das „diplomatische Schweigen“?
Schon immer ist die Kirche aufgerufen, für die Letzten, die Geschundenen und Gefolterten einzustehen. Sie ist Stimme derer, die gerade keine Stimme haben – und das kann sich im Laufe der Geschichte durchaus immer mal wieder ändern. Aus der tragischen Geschichte Deutschlands während des Naziregimes haben wir gelernt, dass es falsch ist, in Schweigen zu verharren und geschehendem Unrecht nicht Widerstand zu leisten, wenn Kirche sich mit dem Unrecht, dem herrschenden Regime verbündet. Statt einzustehen für die, denen Unrecht angetan wird. Auch damals gab es einzelne mutige Stimmen, die im Namen des Evangeliums ihre Stimme erhoben, die dem Wort Gottes Folge leisteten, von den Propheten bis zu Jesus Christus, für die einzustehen, die sich nicht wehren können. Dies ist keine politische Stellungnahme, sondern die Notwendigkeit der Verkündigung vom Wort Gottes, welches zu Gerechtigkeit und Frieden aufruft. Immer und überall.

Ein Drama, das uns angeht
Inmitten der humanitären Katastrophe im Gazastreifen klingen viele Worte heute eher wie vorsichtige diplomatische Appelle denn wie ein Echo evangelischer Radikalität.
Verurteilungen ja, aber mit vielen Ausnahmen. Obwohl es doch für alle sichtbar ist: Die Tragödie hat die Ausmaße eines Völkermords angenommen. Diesen Begriff nicht zu verwenden, schützt uns nicht, sondern stellt uns bloß.
Gerade hat die israelische Regierung die Errichtung von 22 neuen Siedlungen im Westjordanland genehmigt, die größte Ausweitung seit Jahrzehnten. Einige sind Wiederansiedlungen in einem Gebiet, das 2005 im Rahmen eines Rückzugplans von Israel geräumt worden war. Die erklärte Strategie? Die Palästinenser aus dem Gazastreifen vertreiben und die Kontrolle darüber übernehmen. Worte und Taten, die wir nicht stillschweigend hinnehmen können. Weitere Angriffe auf Nachbarstaaten, in „vorauseilender Verteidigung“, machen alle Friedensverhandlungen, die auf Dialog und Überwindung der Feindseligkeiten gründen, zunichte.
Das „erschütternde“ Wort Gottes in die Tat umsetzen
Und hier kommt der Glaube ins Spiel. Die Kirchen können sich nicht darauf beschränken, innerhalb der bestehenden geopolitischen Debatte nach Spielräumen zu suchen.
Das Wort der Kirchen muss manchmal auch erschüttern, Gewissheiten nehmen, unbequeme Fragen stellen. Das haben die Propheten schon immer getan, und Jesus von Nazareth steht in dieser Tradition – er hat Unrecht beim Namen genannt, Schuld aufgedeckt – und so den Weg geebnet für das befreiende Wort Gottes, der zu Umkehr befähigt und Gerechtigkeit und Frieden will und schafft. Wenn wir auf das Wort Gottes hören, so unbequem, und nicht Geld einbringend, es dann auch sein kann.
Jede Christin und jeder Christ sollte sich fragen: Was kann ich tun?

Die Politik der israelischen Regierung zu verurteilen, ist kein Antisemitismus. Wer hingegen schweigt, läuft Gefahr, sich schuldig zu machen. Wir sehen uns in Solidarität mit vielen Israeliten, in Israel, Palästina und auf der ganzen Welt, die gegen das Regime von Netanjahu protestieren und sich davon abgrenzen. Ein politisches Regime für seine Missachtung der Menschenrechte anzuklagen hat überhaupt nichts mit dem Volk Israel zu tun.
Deutschland und Italien, ganz Europa rüstet auf, Israel radikalisiert sich, Palästina stirbt. Keiner dieser Fakten ist neutral. Weder untereinander, noch für uns.
Bewusstes Zeugnis
Wir sind eine kleine Kirche. Dessen sind wir uns bewusst. Aber wir sind auch eine Kirche, die an die Macht des Wortes glaubt, nicht an die eigene; an die Macht des Glaubens und der Gnade; an den Wert der Geste.
Wir wollen uns nicht auf ein Symbol, eine Flagge oder eine Spendenaktion beschränken. Wir wollen Verantwortung übernehmen und Zeugnis ablegen.
Das Wort Gottes ist nicht neutral. Es ist kein altmodischer Trost. Es ist ein Wort, das jede und jeden erschüttert, das uns unserer Gewissheiten beraubt und uns zwingt, in uns selbst und um uns herum zu blicken.
Wenn die Politik heute stottert, müssen die Kirchen den Mut haben zu sagen, „Es reicht!“

Dem Hass trotzen
Aus Bonhoeffers Rede auf der ökumenischen Fanö-Konferenz, gehalten am 28.8.1934
„Ach daß ich hören sollte, was der Herr redet, daß er Frieden zusagte seinem Volk und seinen Heiligen“ (Ps. 85,9) … Unsere theologische Aufgabe besteht darum hier allein darin, dieses Gebot als bindendes Gebot zu vernehmen und nicht als offene Frage zu diskutieren. „Friede auf Erden“, das ist kein Problem, sondern ein mit der Erscheinung Christi selbst gegebenes Gebot. Zum Gebot gibt es ein doppeltes Verhalten: den unbedingten, blinden Gehorsam der Tat oder die scheinheilige Frage der Schlange: sollte Gott gesagt haben? Diese Frage ist der Todfeind des Gehorsams, ist darum der Todfeind jeden echten Friedens.(…)
Wer Gottes Gebot in Frage zieht, bevor er gehorcht, der hat ihn schon verleugnet.
Friede soll sein, weil Christus in der Welt ist, d. h. Friede soll sein, weil es eine Kirche Christi gibt, um deretwillen allein die ganze Welt noch lebt. Und diese Kirche Christi lebt zugleich in allen Völkern und doch jenseits aller Grenzen völkischer, politischer, sozialer, rassischer Art, und die Brüder dieser Kirche sind durch das Gebot des einen Herrn Christus, auf das sie hören, unzertrennlicher verbunden als alle Bande der Geschichte, des Blutes, der Klassen und der Sprachen Menschen binden können. (…)
Wie wird Friede? Durch ein System von politischen Verträgen? Durch Investierung internationalen Kapitals in den verschiedenen Ländern? d. h. durch die Großbanken, durch das Geld? Oder gar durch eine allseitige friedliche Aufrüstung zum Zweck der Sicherstellung des Friedens? Nein, durch dieses alles aus dem einen Grunde nicht, weil hier Friede und Sicherheit verwechselt wird. Es gibt keinen Weg zum Frieden auf dem Weg der Sicherheit. Denn Friede muß gewagt werden, ist das eine große Wagnis, und läßt sich nie und nimmer sichern. Friede ist das Gegenteil von Sicherung.
Wer ruft zum Frieden, daß die Welt es hört, zu hören gezwungen ist?
Die einzelne Kirche kann auch wohl zeugen und leiden – ach, wenn sie es nur täte – aber auch sie wird erdrückt von der Gewalt des Hasses. Nur das Eine große ökumenische Konzil der Heiligen Kirche Christi aus aller Welt kann es so sagen, daß die Welt zähneknirschend das Wort vom Frieden vernehmen muß und daß die Völker froh werden, weil diese Kirche Christi ihren Söhnen im Namen Christi die Waffen aus der Hand nimmt und ihnen den Krieg verbietet und den Frieden Christi ausruft über die rasende Welt. Warum fürchten wir das Wutgeheul der Weltmächte? Warum rauben wir ihnen nicht die Macht und geben sie Christus zurück? Wir können es heute noch tun.“
