
Die Zukunft
Andacht von Pfarrerin Jutta Sperber, Gemeinde Genua und Sanremo
Die Zukunft
Wie sehen Sie Ihre Zukunft? Nein, nicht das, was Sie im nàchsten Jahr machen wollen? Meine Frage war mehr grundsaetzlich gemeint. Wie können wir die Zukunft sehen? Wir müssen Entscheidungen treffen, die die Zukunft betreffen, aber wir können sie nicht sehen. Normalerweise denken wir, dass wir der Zukunft entgegengehen und überlegen nur, was uns da erwartet und wie wir uns darauf vorbereiten können. Und in den letzten Jahren, so scheint mir, sind die Aussichten immer schlechter geworden. Was haben Sie in den letzten Monaten über die Katastrophen gehört, die uns bis zum Frühjahr erwarten? Wann wird der Krieg auch zu uns kommen? Oder was sonst haben Sie gehört? Nicht viel Gutes, befürchte ich. Und viele dieser Vorhersagen kommen im religiösem Gewand, sind der Bibel entnommen, vor allem der Offenbarung und dem Buch Daniel, aber auch anderen, als prophetisch erachteten Schriften. Und sie machen oft mehr Angst als alles, was man im Internet findet – und das ist nicht von schlechten Eltern.
Aber was sagt die Bibel allgemein über die Zukunft? Bücher wie die Offenbarung und Daniel, die so oft zitiert werden, machen ja nur einen kleinen Teil der Bibel aus. Aber das Grundkonzept ist ein anderes. Wir denken normalerweise, dass die Zukunft vor uns liegt und wir ihr entgegengehen. Aber das hebraeische Wort für davor, “lifnei”, spricht von dem, was vor unseren Augen liegt. Und vor unseren Augen liegt nicht die Zukunft, sondern die Vergangenheit. Vor unseren Augen liegt alles, was wir gesehen und erlebt haben. Und nicht nur das: Vor uns liegt auch das, was die Menschen vor uns gesehen und erlebt haben. Es sind unsere menschlichen Erfahrungen, die wir, direkt oder indirekt, vor uns haben, die wir kennen und studieren können, Die Vergangenheit können wir einigermassen kennen, aber die Zukunft können wir nicht sehen, denn sie liegt hinter uns, wo wir keine Augen haben. Prophetie gibt es, aber sie ist selten und ihre Interpretation ist immer schon nicht einfach gewesen. Das, was wir von Gott wissen, wissen wir hauptsaechlich aus der Geschichte Gottes, mit der Welt, mit unserer Gemeinde, mit uns selbst. Nach der Bibel ist die Geschichte der Menschheit eine Geschichte von Katastrophen, die die Menschen dank der Güte Gottes überlebt haben. Katastrophen sind also nichts Neues, sondern sind in der Geschichte der Menschheit immer wieder vorgekommen, vielleicht auch in unserer kleinen Kirche oder Gemeinde, in der Familie oder ganz persönlich, mit der Hilfe Gottes. Deshalb werden wir mit der Zeit und mit den Erfahrungen sicherer.
Wir können dann, mit Blick darauf, dass die Vergangenheit vor uns und die Zukunft hinter unserem Rücken liegt, auch zugeben, dass wir der Zukunft nicht mutig entgegentreten sondern eher in sie hineingetragen werden. Wir müssen nicht so tun, als würden wir mit voller Kraft der Zukunft entgegentreten, wenn wir in Wirklichkeit Angst haben und oft nicht wissen, was wir tun sollen oder können. Wir können nur Gott vertraün, dass er uns weiterhin hilft. Und wenn wir diese Erfahrungen nicht in unserem Leben finden, dann brauchen wir nur auf jeden Herbst schaün, auf jede Ernte, auf die von Gott geschaffene Natur, die uns das taegliche Brot gibt. Jede Ernte ist ein Zeichen der grossen, tröstlichen Kontinuitaet in der Geschichte, an die wir bisher kaum gedacht haben. Also: Wenn die Zukunft uns Angst machen will, dann denken wir an die Gnade Gottes, die uns umgibt, persönlich und, in grossem Stil, an die Natur und ihre Gaben.
Pfarrerin Jutta Sperber, Lutherische Gemeinden Genua und Sanremo
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