
Lebensveränderung mit einem lebendigen Gott an der Seite
Andacht von Pfarrer Tobias Brendel, Turin
Lebensveränderung mit einem lebendigen Gott an der Seite
Liebe Leserinnern und Leser!
Noch erleben viele von uns in Italien ein paar ruhige Tage der langen Sommerpause, bevor bald die Schule wieder anfängt. Die ruhigeren Tage des Sommers tun gut, um vom hektischen Alltag Abstand zu gewinnen und zur Ruhe zu kommen. Manchmal bietet sich dabei die Gelegenheit, in tieferer Weise über das eigene Leben nachzudenken. Vielleicht hast Du im Sommer auch eine solche Erfahrung gemacht?
Ich hatte einen solchen Moment Anfang August, als ich mit meiner Frau auf einer Städtereise in Valencia in Spanien war. An einem Abend saßen wir an einem viele Kilometer langen Sandstrand in einem Naturpark. Er war sehr beschaulich, links und rechts neben uns waren nur ein paar wenige andere Leute. Am blauen Himmel stand die Sonne schon tiefer. Mein Blick fiel über die Wellen, die sich kurz vor dem Strand brachen, hinaus auf etliche, teils sehr große Frachtschiffe, die still auf dem Meer vor Anker lagen, einige Kilometer von uns entfernt. Wahrscheinlich warteten sie auf die Einfahrt in den Hafen.
In mir löste der Anblick der Schiffe den Gedanken nach Freiheit und Aufbruch aus. Einem Schiff sind nicht viele Grenzen gesetzt, das Meer liegt offen vor ihm; sobald es den Hafen verlassen hat, ist es frei zu fahren, wohin es will. Die Luft der Freiheit der Meere zu atmen, ist es wohl, was viele Seeleute an ihrem Beruf fasziniert. Da würde man doch gerne mit einem solchen Schiff mitfahren.
Wohin man dabei wohl käme?
Ich dachte zurück an meine Kindheit und Jugend. In solchem Alter sind wir Menschen noch wenig festgelegt, viele Möglichkeiten stehen uns offen. Es entwickeln sich Vorstellungen und Träume in uns von dem, was wir einmal machen und werden wollen. Werden wir älter, bekommt unser Leben eine festere Struktur und unser Träumen tritt zurück. Aber als ich die Schiffe auf dem Meer liegen sah, fragte ich mich, ob nicht auch in fortgeschrittenem Alter der eine oder andere Aufbruch möglich sein könnte, eine Veränderung des Lebens. Wahrscheinlich ist es das, nur braucht es dazu die Fähigkeit zu träumen, die Fähigkeit, sich etwas Neues vorzustellen und auch einen Antrieb von innen, den Wunsch nach Veränderung und schließlich eine Erwartung an das Leben, dass es Möglichkeiten von Veränderung bietet.
Weiter fragte ich mich, ob der christliche Glaube dazu eine Hilfe sein könnte. Mir fielen schnell einige Geschichten ein, in denen die Bibel von Menschen berichtet, die aufbrechen und ihr Leben verändern, weil sie Gott begegnen. Abraham, zum Beispiel, verlässt noch in hohem Alter seine Heimat, weil Gott ihn dazu ruft, und zieht in ein neues, unbekanntes Land. Eigentlich ist die Bibel voll solcher Aufbruchsgeschichten, weil sie von einem Gott erzählt, der lebendig ist und im Leben von Menschen wirkt. Veränderung des Lebens kann erfahren, wer sein Leben für Gott offenhält – in jüngerem, aber auch fortgeschrittenem Alter. Wie Veränderung im Leben durch unsere Gottesbeziehung geschehen kann, lässt sich schön an der biblischen Geschichte von Hananias und Saulus aus dem Buch der Apostelgeschichte (Kapitel 9, Verse 10-17) sehen:
10 Es war ein Jünger in Damaskus mit Namen Hananias; dem erschien der Herr und sprach: Hananias! Und er sprach: Hier bin ich, Herr. 11 Der Herr sprach zu ihm: Steh auf und geh in die Straße, die die Gerade heißt, und frage in dem Haus des Judas nach einem Mann mit Namen Saulus von Tarsus. Denn siehe, er betet 12 und hat in einer Erscheinung einen Mann gesehen mit Namen Hananias, der zu ihm hereinkam und ihm die Hände auflegte, dass er wieder sehend werde. 13 Hananias aber antwortete: Herr, ich habe von vielen gehört über diesen Mann, wie viel Böses er deinen Heiligen in Jerusalem angetan hat; 14 und hier hat er Vollmacht von den Hohenpriestern, alle gefangen zu nehmen, die deinen Namen anrufen. 15 Doch der Herr sprach zu ihm: Geh nur hin; denn dieser ist mein auserwähltes Werkzeug, dass er meinen Namen trage vor Heiden und vor Könige und vor das Volk Israel. 16 Ich will ihm zeigen, wie viel er leiden muss um meines Namens willen. 17 Und Hananias ging hin und kam in das Haus und legte die Hände auf Saul.
Es sind in dieser Geschichte gleich zwei Menschen, deren Leben sich durch Gott verändert. Bei beiden Männern ist gleich, dass die Veränderung von außen, von Gott, ja genauer, von Jesus kommt, der der Initiator ist und in das Leben der beiden eingreift. Unterschieden sind die beiden Männer darin, dass der eine, Hananias, ein Christ ist, der sein Leben mit Jesus führt, während der andere, Saulus, der spätere Apostel Paulus, gerade das Gegenteil ist, nämlich ein Christenverfolger und Jesushasser. Aber beide Männer sind bei Jesus gleich viel wert, beiden wendet Jesus sich zu, beide verändert er, weil er sie für seinen Dienst gebrauchen möchte.
Schauen wir zuerst genauer auf Hananias.
Er ist ein Christ, der zur bereits bestehenden christlichen Gemeinde in Damaskus gehört. Es ist die Christengemeinde, die Saulus vorhatte zu verfolgen, wenn Saulus nicht kurz vor Damaskus Jesus erschienen und er dadurch erblindet wäre. Hananias, einem Mitglied dieser Gemeinde also, begegnet Jesus durch eine Erscheinung und redet ihn mit seinem Namen an: Hananias. Der Name stammt aus dem Hebräischen und bedeutet „Gott ist gnädig“ oder „Gott hat Gnade gegeben“. Jesus kennt Hananias persönlich, und wir sehen durch die gesamte Bibel hindurch, wie Gott oder Jesus immer wieder Menschen persönlich mit ihrem Namen anredet. Im christlichen Glauben setzen wir voraus, dass kein Mensch Gott unbekannt ist, sondern Gott uns persönlich kennt, weil wir seine Geschöpfe sind, die er aus liebevoller Absicht geschaffen hat und die bei ihm nicht in Vergessenheit geraten. Wenn Gott unser Leben verändert, dann weiß Gott ganz genau, mit wem er es zu tun hat und was er tut.
Hananias scheint all das zu wissen. Er ist nicht überrascht, dass er von Jesus mit seinem Namen angesprochen wird. Denn kaum hat er aus dem Mund Jesu seinen Namen gehört, antwortet er: „Hier bin ich, Herr.“ Offensichtlich hat Hananias einen vertrauten Umgang mit Jesus. Hananias ist auch nicht erschrocken, als ihn Jesus anredet, sondern er ist offen, bereit für eine Veränderung seines Lebens: „‘Hier bin ich, Herr.‘ Sag mir, worum geht es diesmal? Ich bin bereit, dir zu folgen.“ Eine solche Haltung der Offenheit Gott und Jesus gegenüber ist die beste Voraussetzung für Veränderung in unserem Leben. So kann Gott in unser Leben hineinsprechen und Veränderungen bei uns anstoßen.
Was Gott in unser Leben spricht, können wir Gott allerdings nicht vorschreiben. Gott ist frei in seinem Handeln. Aber wenn wir Gott die Freiheit lassen, kann das Gute, das von Gott kommt, bei uns wirksam werden. Bei Hananias ist es so, dass er von Jesus einen herausfordernden Auftrag erhält. Er soll in einer Wohnung in Damaskus Saulus besuchen und ihm die Hände auflegen, damit Saulus wieder sehen kann. Hananias wird dieser Auftrag kaum gefallen. Er wird befürchten, dass Saulus die Christenverfolgung neu aufnimmt, wenn er wieder sehen kann. Wenn Gott uns anspricht, kann uns das Angst machen, vor allem wenn uns die Sache unbekannt und gefährlich erscheint und wir ihren Ausgang nicht kennen. Das kann der Fall sein, wenn Gott uns zu Menschen schickt, die uns herausfordern, wie hier den Hananias zu Saulus. Vielleicht wäre das für uns ein Mensch, der unsere Hilfe braucht oder mit dem wir uns versöhnen sollen; Gott schickt uns, weil es sonst nicht zu einer Veränderung unseres Lebens und des Lebens des anderen käme. Aber auch wenn wir Bedenken haben: Wir sollen wissen, dass aus allem, was Gott mit uns tut, immer etwas Gutes erwächst.
Trotzdem ist es möglich, ja wichtig, dass wir Gott unsere Ängste und Einwände mitteilen. So tut es Hananias: „Hananias aber antwortete: „Herr, ich haben von vielen gehört über diesen Mann.“, und Hananias zählt Gott die bösen Geschichten auf, die er über Saulus erfahren hat. Wir sind vor Gott keine Marionetten, sondern Menschen mit ihren eigenen Gedanken und Gefühlen. Diese dürfen wir vor Gott äußern; ja, ohne sie zu äußern, ist Veränderung in unserem Leben manchmal gar nicht möglich. Manche Veränderung braucht Zeit und muss in uns reifen und mit der Zeit Gestalt gewinnen. Gott nimmt uns darin ernst. Bei Hananias sehen wir, dass Jesus auf die Bedenken des Hananias eingeht, indem er ihm seine Pläne mit Saulus näher erklärt: „Geh nur hin; denn dieser ist mein auserwähltes Werkzeug.“ Jesus erklärt Hananias, dass Saulus Jesus in aller Welt bekannt machen wird. Danach geht Hananias zu Saulus. Weil er geht, darf er die Freude erfahren, ein Diener Jesu zu sein und Saulus sehend zu machen und selbst zu sehen, wie Saulus vom Christenverfolger zum Christen wird. Wenn wir uns von Gott verändern lassen, kommen wir in die Kraft seiner Veränderung hinein, und das kann nur zu unserem Guten sein und uns mit Glück erfüllen.
Nun aber noch zu Saulus. Jesus sagt über ihn: „Er ist mein auserwähltes Werkzeug.“ Wir könnten auch übersetzen: „Er ist mein auserwähltes Gefäß.“ Das Wort „Gefäß“ erinnert an die Erschaffung des Menschen durch Gott aus Staub von der Erde, wie wir es im 1. Buch Mose im 2. Kapitel lesen. Wie ein Töpfer sein Gefäß so formt Gott den Menschen und schenkt ihm das Leben. Aus Gottes Händen haben wir unser Leben und in Gottes Händen ist unser Leben auch zu unseren Lebzeiten. Wie Gott unser Leben formt, ist ganz eindrücklich am Leben des Saulus zu sehen. Gott nimmt es in seine Hand und wendet es um 180 Grad, er macht mit Saulus aus einem Christenverfolger nicht nur einen Christen, sondern einen der größten Verkündiger des Evangeliums. Saulus selbst wäre zu einer solchen Veränderung seines Lebens nie in der Lage gewesen, er hätte nie begriffen, dass er Unrecht tut. Wie gut, dass Gott es ist, der über das Leben des Saulus verfügt! Saulus, später Paulus, hat es sein ganzes Leben lang als eine kaum zu begreifende, gänzlich unverdiente Gnade Gottes angesehen, dass Gott ihn, den Christenverfolger, nicht vernichtet, sondern ihn bekehrt und gewürdigt hat, als Apostel in seinem Dienst zu stehen. Amazing grace – o Gnade Gottes wunderbar!
Falsch eingeschlagene Wege der Vergangenheit können bei uns Veränderungen in eine gute Zukunft bremsen oder gar verhindern. Sie liegen wie aufgetürmte Barrieren in unserem Weg oder drücken uns wie schwere Lasten nieder und ersticken in uns die Kraft zur Veränderung. Doch kein Mensch, wirklich kein Mensch, muss in den Fehlern und Verschuldungen seiner Vergangenheit stecken bleiben. Denn keinen von uns gibt Gott auf; keinem von uns würde Gott seine Gnade und Vergebung verweigern; keinem von uns würde Gott nicht neue Zukunft schenken. Wir alle sind wie Ton in Gottes Händen, den Gott formt – und selbst aus einem Leben, das entstellt zu sein scheint, kann Gott noch immer und jederzeit ein wunderschönes Gefäß erschaffen. Gott hat Zukunft für jeden von uns; neue Wege, Aufbrüche, Veränderungen sind uns allen möglich.
Nun mögen diese Gedanken bei Dir eigene Gedanken, Ideen, Wünsche, Sehnsüchte, vielleicht auch Traurigkeit auslösen. Sollte das der Fall sein, besprich diese Dinge in Ruhe mit Gott im Gebet und vertraue sie Gott an. Trage sie weiter in Deinem Herzen und lass Dich von Gott in die Zukunft führen. Vielleicht verändert sich Dein Weg in die Zukunft, und es bricht in Dir etwas auf, was Du nicht erwartet hast, und Du fühlst das Leben wieder neu, siehst neue Wege vor Dir liegen, spürst Glück in Dir aufsteigen. Oder Du siehst auf der andere Seite keine Notwendigkeit zu größeren Veränderungen, sondern möchtest dein Leben von Gott beständig verändern lassen, indem Du mit ihm durch die vielen, kleinen Herausforderungen des Alltags gehst.
Wenn Du magst, sprich das folgende Gebet zu Gott:
Herr, mein Gott! Ich danke Dir, dass Du mein Schöpfer bist, aus dessen Händen ich komme und der mein Leben auch heute in seinen Händen hält. Ich bitte Dich, lege den Ton meines Lebens nicht beiseite, sondern forme mein Leben beständig weiter, forme es jeden Tag aufs Neue und halte mich auf Deinen Wegen, auf denen mein Leben gelingt. Stelle mir deinen Sohn Jesus zur Seite und lass mein Leben in seinem Dienst stehen, so dass ich Jesus folge. Das bitte ich Dich in Jesu Namen.
Amen.
Pfarrer Tobias Brendel, Lutherische Gemende Turin