Andacht Jahreslosung 2020 

„Alle Dinge sind möglich dem, der glaubt“, sagt Jesus zu einem Vater, der mit seinem kranken Kind zu ihm kommt. Der Vater gibt seine Zweifel zu und antwortete: „Ich glaube. Hilf meinem Unglauben!” Daraufhin macht Jesus den Jungen gesund.

Ach, ginge das doch immer so einfach! Nur ein bisschen mehr glauben, und schon wären alle Dinge möglich? Schön wär´s, denke ich mir. Zu schön, um wahr zu sein. Wenn da nicht der Zweifel wäre. Aber Glaube und Zweifel, dieses ungleiche Paar, gehören wohl bis heute zusammen.

Die Welt, verglichen mit der vor einem Jahrzehnt, ist eine völlig andere geworden: sie ist besser geworden, insgesamt friedlicher. Uns Menschen in Europa geht es so gut wie noch nie zuvor. Medizin, Technik, Wirtschaft haben unglaubliche Fortschritte gemacht. Aber die Menschen zweifeln. Sie glauben es nicht und klagen, auch weil man es ihnen oft genug einredet: „Die Welt ist aus den Fugen.“ „Alles wird schlechter.“ „Überall geht’s den Bach runter.“ Unglaube ist in unserer weltlichen Welt eine weitverbreitete Eigenschaft geworden.

Aus meinem eigenen Leben kenne ich das auch: da gibt es Phasen, in denen ich mein Leben genießt, mich daran freue und dafür Gott dankbar bin. Es gibt aber auch Phasen, in denen ich den Eindruck habe, dass nichts mehr trägt und auch auf meinen Glauben kein Verlass ist – wenn das Leben einfach nicht so verläuft, wie ich mir das vorstelle.

Der spannungsvolle Kampf zwischen Glaube und Unglaube, zwischen Vertrauen und Misstrauen, zwischen Zuversicht und Zweifel steht auch zu Beginn eines neuen Jahres: Nur zu gerne will ich voller Zuversicht darauf vertrauen, dass mein Glaube ein fester Halt ist, mit dem ich froh und neugierig in das neues Kalenderjahr hineingehen kann. Andererseits weiß ich um die Zweifel, die sich in den ersten Tagen und Wochen auftun werden: Wie soll ich all die Anforderungen dieses neuen Jahres bewältigen? Wird die Gesundheit mitmachen? Bekomme ich endlich Klarheit in meinen Lebensfragen?

„Ich glaube. Hilf meinem Unglauben!” Mein Unglaube braucht Hilfe. Das ist nicht schlimm, weil ich damit anerkenne, dass Glaube keine Errungenschaft ist, die ich selber erwerben, erwirtschaften oder erlernen kann. Glaube ist selbst schon Geschenk – eine Grunderkenntnis der Reformation. Ihn muss ich mir immer wieder schenken lassen. Es ist ein Prozess, der tagtäglich neu passiert und der gepflegt werden will. Schon deshalb passt für mich die Jahreslosung gut in das Jahr 2020, weil wir in einer Zeit leben, in der Menschen glauben, dass sie alles selber schaffen und machen können. Wir Menschen versuchen, selber Gott zu werden mit Hilfe von Technik, von künstlicher Intelligenz, von allem Möglichen. Die Jahreslosung und der Zustand der Welt aber zeigen: Wir sind nicht in der Lage, unser Leben oder das Leben dieser Schöpfung selbst zu gestalten, sondern wir brauchen jeden Tag Gott und das Geschenk Gottes, den Glauben an ihn.

Dies annehmen und darauf vertrauen, das will ich im neuen Jahr. Aber mich darauf ausruhen, darf ich nicht. Gottes Geschenk muss mich auch erreichen und anstecken, so dass ich was daraus mache.

Mit ihm ist das Unmögliche möglich. Auch dort wo ich keine Perspektive sehe, kann es hell werden. Auch dort, wo ich kein Licht vermute, gibt es Leben, gibt es Zukunft. Zu Beginn des neuen Jahres macht mir diese aufrichtende Jahreslosung Mut: Hab keine Angst! Lass dich nicht entmutigen! Vertraue! Es ist, als ob Jesus zu mir spricht: „Ein Jahr liegt vor dir mit vielen Aussichten, mit Möglichkeiten und Begegnungen. Geh mit viel Vertrauen los und schaue gespannt, was dir begegnet! Auch wenn du nicht weißt, welche Wege du im Einzelnen gehen wirst, ich bin bei dir, ich stärke dich.“

„Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“, hat der besorgte Vater in seiner Not gerufen. Glaube ist eine Erwartung, die vertrauensvoll alles auf Christus setzt, auch wenn nicht alle unsere Wünsche erfüllt werden.

 

Herzlich grüßt Sie zum Jahresanfang 2020 aus Mailand, Ihr Pfarrer Johannes de Fallois