
Die tausend Leben des Recyclings
Eine neue Überlegung, die uns das Umweltnetzwerk zur Diskussion stellt: Welche Art von Recycling für welche Zukunft?
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Die Achtung vor der Schöpfung, die aktuelle wirtschaftliche Lage und die Ungewissheit im Blick auf die Zukunft fordern uns zu einem Umdenken heraus – auch im Umgang mit Konsum und Besitz.
Die Herausforderung besteht darin, bereits gebrauchte Gegenstände nicht als Abfall, sondern als Ressource, zu betrachten.
Die bäuerliche Kultur war darin sehr geübt. Gegenstände wurden nach einfachen Grundsätzen genutzt: 1. „Erhalte es so lange wie möglich“ – gehe sorgsam mit den Dingen um, um ihre Lebensdauer zu verlängern. 2. „Repariere, was kaputt ist.“ 3. „Wenn du es nicht mehr gebrauchen kannst, verwende seine Materialien weiter.“
Das galt sowohl für Arbeitsgeräte als auch für Kleidung. Gegenstände aus guten Materialien erhielten nach ihrem ersten Gebrauch neue Bestimmungen. Das Ergebnis: Auf dem Land gab es keine Müllhalden. Ob Stoff, Metall oder Asche – alles blieb in verschiedener Form nützlich. Manchmal mit überraschenden Ergebnissen, wie etwa die Keksdose, die als Behälter für Nadeln und Fäden weiterverwendet wird. Solche Dosen finden sich bis heute in vielen Haushalten. Und so können sie uns weiterhin inspirieren, wenn uns die Bewahrung der Schöpfung am Herzen liegt.
Auch der gesunde Menschenverstand ist ein guter Ratgeber – etwa im Blick auf Kleidung und Spielzeug für Kinder. Kinder wachsen schnell, und neue Kleidung, die nur wenige Monate getragen wird, kostet Geld. Es ist also selbstverständlich, gut erhaltene Kleidung und Spielzeug an andere Kinder weiterzugeben, etwa an Kinder von Verwandten oder Bekannten. Aus solchen einfachen Lösungen können auch Projekte entstehen, wie das Projekt „Orsacchiotto“ der lutherischen Gemeinde in Rom: Kleidung und Spielzeug werden gesammelt und an Mütter mit kleinen Kindern weitergegeben – in diesem Fall an afrikanische Familien.
Recycling kann auch eine soziale Dimension haben. Es kann ein Weg sein, Menschen in schwierigen Lebenslagen in Arbeit zu bringen oder wieder einzugliedern. In Österreich gibt es das Projekt RepaNet: ein Netzwerk von Reparatur- und Wiederverwendungszentren, das Abfälle reduzieren und Arbeitsplätze für ehemalige Häftlinge, Arbeitslose und Migranten schaffen will. Es werden Haushaltsgeräte und Fahrräder repariert sowie Computer wiederaufbereitet. So verbinden sich ökologische Verantwortung, soziale Arbeit und lokale Wirtschaft.
Auch in Deutschland gibt es ein ähnliches Modell, die sogenannten Repair Café. Ebenfalls in Österreich existiert der „Reparaturbonus“: Der Staat übernimmt bis zu 50 % der Reparaturkosten (bis zu 200 Euro), vor allem für elektronische Geräte; rund 1200 Werkstätten sind daran beteiligt.
In Italien gibt es Zentren der Wiederverwendung und soziale Werkstätten – von der Aufarbeitung von Möbeln bis hin zu Werkstätten für Menschen in schwierigen Lebenssituationen und Schneidereien, die mit recycelten Stoffen arbeiten.
Es gibt auch Projekte, die nicht nur Materialien, sondern vor allem Menschen eine zweite Chance geben wollen. Dazu gehören Initiativen in Gefängnissen, die auf die soziale Wiedereingliederung von Inhaftierten zielen. In Italien gibt es davon viele; einige setzen ausdrücklich auf Recycling.
So gibt es Projekte zur Wiedergewinnung von Materialien aus Elektro- und Elektronikaltgeräten (RAEE). Andere Projekte, wie etwa „Made in Carcere (Gefängnis)“ – eines der bekanntesten –, setzen auf die Wiederverwendung von Stoffen und stellen Taschen, Accessoires und andere Produkte her, die online verkauft werden. Daran beteiligt sind Frauen, Männer und junge Inhaftierte. Siehe https://www.madeincarcere.it/
Dies sind einige unter den vielen möglichen Gesichtern des Recyclings. Ob aus Überzeugung, aus Abneigung gegen Verschwendung, aus der Not heraus oder aus Freude an der Kreativität: Recycling ist verantwortungsvoll, macht Sinn und oft auch Spaß.
Und Sie – wie praktizieren Sie Recycling?
Anna Belli, Rom