Die Rechtfertigung allein aus Gnaden durch den Glauben

Der Begriff “Rechtfertigung” ist vielleicht nicht leicht verständlich für Menschen, die sich mit der theologischen Fachsprache nicht auskennen. Es geht um die Frage: “Wie kann ich vor Gott gerecht werden?“ Es ist eine Frage wie jene, die Jesus in Lukas 18 von einem Mann gestellt wird: „Was muss ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe?“ Und wenn sich die Menschen heute fragen: „Was muss ich tun um ein erfülltes und reiches Leben zu haben?“ oder: „Wie kann ich meinem Leben einen Sinn geben?“, dann handelt es sich immer um Varianten der gleichen Frage. Luther hat sich gefragt: „Wann ist Gott barmherzig?“ Alle diese Fragen laufen auf die ganz allgemeine und grundsätzliche Frage hinaus, auf die Frage nach der Rechtfertigung, die Frage nach dem Heil, nach dem Sinn des Lebens und auf die Frage nach unserer Beziehung mit Gott. Bei der Rechtfertigung handelt es sich um kein beliebiges, sondern um das entscheidende Thema der Theologie auf das sich alle Glaubensartikel beziehen. Aufgrund dieser Schlüsselfunktion wurde sie von den Reformatoren als articulus stantis et cadentis ecclesiae, also als der Artikel mit dem die Kirche steht und fällt bezeichnet. Schon immer hat die Kirche gelehrt, dass wir allein aus Gnade errettet sind, auch wenn dies zur Reformationszeit nicht mit der notwendigen Klarheit verkündet wurde. Luther hat durch das Bibelstudium diese Botschaft der Rechtfertigung allein aus Gnade wieder neu entdeckt und hat sie ins Zentrum seiner Theologie gestellt. Am  31.10.1999 haben der Lutherische Weltbund und die Römisch-Katholische Kirche eine „Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ unterzeichnet, welche das gemeinsame Verständnis wie folgt beschreibt: (15) Es ist unser gemeinsamer Glaube, dass die Rechtfertigung das Werk des Dreieinigen Gottes ist. Der Vater hat seinen Sohn zum Heil der Sünder in die Welt gesandt. Die Menschwerdung, der Tod und die Auferstehung Christi sind Grund und Voraussetzung der Rechtfertigung. Daher bedeutet Rechtfertigung, dass Christus selbst unsere Gerechtigkeit ist, derer wir nach dem Willen des Vaters durch den Heiligen Geist teilhaftig werden. Gemeinsam bekennen wir: Allein aus Gnade im Glauben an die Heilstat Christi, nicht auf Grund unseres Verdienstes, werden wir von Gott angenommen und empfangen den Heiligen Geist, der unsere Herzen erneuert und uns zu guten Werken befähigt und aufruft. Gott selbst ergreift also die Initiative und wir werden nicht aufgrund unserer guten Werke und unserer angeblichen Verdienste errettet. Durch die Gnade und die Liebe Gottes und nicht weil wir gerecht waren, werden wir errettet, denn Gott lässt uns an Christus Gerechtigkeit teilhaben. Dies ist das Evangelium, die frohe Botschaft, welche allen Menschen verkündet ist. Es ist eine Botschaft der Liebe (Gottes Liebe zu uns) und der Freiheit (von Sünde und Schuld). Die Rechtfertigung ereignet sich ganz konkret in einer Person schon in dem Moment des Glaubens, das heißt, wenn die Person ihr Vertrauen in Christus und in Gottes Liebe zum Ausdruck bringt. Die Rechtfertigung ist also bedingungslos, der Mensch muss nichts tun, es reicht sich Gott anzuvertrauen. Auch der Glaube ist nicht als Werk zu verstehen, denn es handelt sich dabei um die Annahme von Gottes Werk. Die Werke des Menschen folgen daraus, denn der Glaube verändert den Menschen und bringt in eine neue Beziehung zu Gott und damit auch mit der Welt. Die Reformatoren nehmen die Gedanken Augustins auf und bezeichnen den Sünder als „Menschen der in sich gekrümmt ist“, also als Mensch der nur auf sich selbst und auf seine eigenen Fähigkeiten sieht und sich damit nur auf sich selbst beziehen kann. Gott ist für ihn nur eine Versicherung seiner selbst und die Beziehung zum Nächsten hat die Funktion das eigene Ich aufzubauen. Daraus folgt ein Selbstbezug, wenn nicht gar ein Egoismus und ein Leben in dem Liebe und Sinn mangeln, auch wenn dies denjenigen, die ein volles Leben in Gnade nicht kennen, nicht bewusst ist. Gottes Wort kann uns davon in einem zweifachen Sinne befreien: Es zeigt uns den heiligen und ewigen Willen Gottes durch den wir uns als Verlorene und als dem Tod geweihte sehen müssen und gleichzeitig verkündet uns Gottes Wort ein neues Leben in Christus. Wer also so die Hoffnung in sich selbst verliert und damit seine Selbstbezogenheit und sein Vertrauen auf das Evangelium ausrichtet der lebt nicht mehr auf sich selbst, sondern auf Christus bezogen. In der Rechtfertigung geht es also um die Beziehung zwischen uns und Gott und weil eine Beziehung etwas ist, was außerhalb von uns stattfindet, können wir diese nicht selbst bestimmen, sondern nur geschenkt bekommen. In dem Moment in dem Gott die rechte Beziehung zu uns bestimmt, leben auch wir in einer neuen Beziehung mit der Welt. In Christus sehen wir alle Männer und Frauen als Brüder und Schwestern. Die Werke sind keine Bedingung für die Rechtfertigung, sonder sie sind Früchte der Rechtfertigung. Werke sind auch keine Bestätigung oder der Grund unseres Glaubens. Der Glaube hat als alleiniges und unumstößliches Fundament Gottes Wort, seine Zusage der Errettung, d.h. das Evangelium der Rechtfertigung des Sünders allein aus Gnade.