
Synode 2026: Ruschke und Brendel zum Dekan und Vizedekan der ELKI gewählt
Ruschke und Brendel zum Dekan und Vizedekan der ELKI gewählt: neue Führung für die Evangelisch-Lutherische Kirche in Italien.
Zwei Pastoren, eine Berufung
Im Rahmen der dritten Sitzung der 24. Synode der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Italien nimmt die Versammlung den Akt vor, der den Amtswechsel markiert: die Wahl des neuen Dekans und des neuen Vizedekans.
Nach der Vorstellung der Kandidaten und einer kurzen Diskussion wählte die Synode Johannes Michael Ruschke, Pfarrer der Gemeinde Venedig, zum Dekan der ELKI und Tobias Brendel, Pfarrer der Gemeinde Turin, zum Vizedekan.

Zwei unterschiedliche Persönlichkeiten, die von derselben Überzeugung geprägt sind: dass die Seelsorge kein Beruf ist, sondern eine Berufung, und dass die ELKI eine Führung braucht, die mit den Gemeinden geht und nicht vor ihnen her.

Ruschke: Jeder Ort ist ein weiter Raum für die Liebe Gottes
Johannes Michael Ruschke ist 45 Jahre alt, stammt aus Westfalen und verfügt über einen theologischen und pastoralen Erfahrungsschatz von seltener Tiefe.
Er studierte evangelische Theologie in Bethel, Tübingen und Berlin und lernte Italien bereits 2007 während eines sechsmonatigen Praktikums in der lutherischen Gemeinde auf Sizilien kennen.
Nach seiner Promotion in Münster über die Politik der religiösen Toleranz im 17. Jahrhundert – mit einer Dissertation über Paul Gerhardt, die mit der Note „summa cum laude“ ausgezeichnet wurde – war er zehn Jahre lang als Pfarrer in Dortmund tätig und wirkte in den Prüfungs-, Auswahl- und Fortbildungskommissionen der Evangelischen Kirche von Westfalen mit.
Seit Februar 2024 leitet er die Gemeinde in Venedig und ist seit 2025 für die Ausbildung der Prädikanten in der ELKI zuständig. Er kam mit seiner Frau Sarah und seinen vier Kindern Paul, Lukas, Anna und Juli nach Italien.
Ein Vers aus Psalm 31 begleitet seine Kandidatur: „Du stellst meine Füße auf weiten Raum“. Und die Begründung für die Synode ist direkt und ohne Umschweife: „Ich kandidiere, weil mir die ELKI am Herzen liegt. Ich kandidiere als Dekan, um jene Kirche, die ich als meine eigene empfinde, geistlich und menschlich zu begleiten“.

Brendel: Die Kirche ist nicht das Projekt eines Einzelnen
Tobias Brendel stammt aus Franken in Bayern.
Bevor er in Tübingen, Glasgow, München und Erlangen Theologie studierte, leistete er seinen Zivildienst bei der Heilsarmee in Hamburg und verbrachte sechs Monate in den Vereinigten Staaten, Südkorea und auf den Philippinen bei der Missionsorganisation „Youth With A Mission“.
Dreizehn Jahre lang leitete er eine ländliche Gemeinde in Bayern und legte dabei, wie er selbst sagt – den Grundstein für seine Berufung.
Im September 2022 nahm er die Pfarrstelle in Turin an, auch auf Anraten seines Freundes und Pfarrers Michael Jonas. Im Jahr 2025 heiratete er Barbara, die er in Turin kennengelernt hatte.
Seit 2023 betreut er die Rubrik „Der Theologe antwortet“ in der Zeitschrift „Miteinander“ der ELKI und wirkt bei der Organisation der Sommerfreizeiten für Jugendliche mit.
Auf der Synode stellt er sich mit Worten vor, die viel über seine Herangehensweise aussagen: „Ich bin in lutherischen Traditionen aufgewachsen und habe mich intensiv im ökumenischen Bereich mit der katholischen Kirche engagiert. Mein Umgang mit meinen Mitmenschen basiert auf dem Zuhören“.
Für Brendel ist die Vielfalt innerhalb der ELKI kein Problem, das man in den Griff bekommen muss, sondern ein Reichtum, den es zu pflegen gilt.
Und er schließt mit einer theologischen Überlegung, die seinen Blickwinkel verdeutlicht: „Ich betrachte das Amt des Vizedekans nicht als eine Aufgabe, die man alleine bewältigt, denn die Kirche ist nicht das Projekt eines Einzelnen. Sie ist Gottes Plan und Auftrag, daher ist jede Aufgabe, auch meine, letztlich eine Zusammenarbeit mit Gott, um seinen Auftrag zu erfüllen. Eine große Verantwortung, die darin besteht, Gottes Dinge zu bewahren, während er sich um uns sorgt“.

Ein neuer Weg beginnt
Am Sonntag, dem 3. Mai, endet die Synode mit einem feierlichen Gottesdienst und der Amtseinführung der neuen Leitung der ELKI.
Die Wahl von Ruschke und Brendel findet am Ende einer Sitzung statt, auf der die dringlichsten Herausforderungen ohne Umschweife angegangen wurden: der Streit mit dem Wirtschaftsministerium um die OPM-Gelder, die Umstrukturierung der Pastorenstellen mit dem Ziel, deren Zahl auf höchstens zwölf zu reduzieren, die Verringerung der Beteiligung am Verlag Claudiana Editrice sowie der Abschied von vier Pastoren, die Italien im Sommer verlassen werden.

Der neue Dekan und der neue Vizedekan übernehmen eine Kirche, die sich bewusst ist, dass sie sich wandeln muss, und die bereits damit begonnen hat – mit der Klarheit derer, die die Treue zum Evangelium nicht mit der Anhänglichkeit an Strukturen verwechseln.
Die ELKI nimmt in Venedig und Turin einen neuen Anfang, mit einem Theologen der Toleranz und einem trompetespielenden Pastor, die die Aufgabe haben, eine kleine, aber lebendige Gemeinde auf einem Weg zu führen, den niemand allein beschreitet.


Synode 2026: Neuordnung der Pastorenstellen und Bekräftigung des Engagements im Claudiana-Verlag
Synode beschließt die Einrichtung einer Kommission zur Reduzierung der Pastorenstellen und bestätigt Beteiligung am Verlag Claudiana Editrice.
Die Zahlen – ganz ohne Umschweife
Der zweite Tag der dritten Sitzung der 24. Synode der ELKI am 1. Mai begann mit dem Bericht des Finanzbeauftragten Jens Ferstl.

Im Mittelpunkt stand die offene Wunde: die Kürzung der Mittel aus der OPM-Steuer durch das Ministerium für Wirtschaft und Finanzen, die auf einen Fehler der CAF zurückzuführen ist, die in den vergangenen Jahren die Steuererklärungen bearbeitet haben.
Ferstl erläuterte die Haushaltslage und den laufenden Dialog mit dem Ministerium. Die anschließende Debatte war lebhaft und direkt: Die Synodalen forderten vom Konsistorium konkrete Maßnahmen zur Bewältigung der kritischen Punkte sowie praktische Instrumente – wie das Sammeln von Unterschriften für die „Acht Promille“ in der Steuererklärung –, um die Strategie in alltägliche Handlungen umzusetzen.
In einer Abstimmung wurde die Arbeit des Konsistoriums mit Dekan Carsten Gerdes, Vizedekanin Kirsten Thiele, dem Finanzbeauftragten Jens Ferstl, der gesetzlichen Vertreterin Cordelia Vitiello und Angelo Ruggieri durch die Synode angenommen.

Mikroprojekte halten Einzug in die Synode
Zum ersten Mal trifft die Synodenversammlung direkt mit den Akteuren der Zivilgesellschaft zusammen, denen die Mittel der evangelisch-lutherischen OPM-Gelder zugute kommen.
Vier der über 24 Organisationen, die im Rahmen der Ausschreibung für Mikroprojekte 2026 gefördert werden, hatten somit die Gelegenheit, ihre Arbeit vorzustellen: Salvatore Sofia vom Teatro dei Venti, Cosimo Scarano von Dream Life ETS, Lorenzo Belli und Maria C. Frustaci von La Nave di Telemaco, Maura Benedetti und Elvio Raffaello Martini von BuonAbitare APS.
Gesichter, Geschichten, Regionen, die in das synodale Leben einfließen und es verändern – denn eine Kirche, die Projekte finanziert und ihnen dann Gehör schenkt, vollbringt bereits vor der Kommunikation einen Akt der Kohärenz.
Eine Perspektive, die die ELKI als eine Art gemeinschaftliche Diakonie versteht, die auf der Grundlage gemeinsamer Werte handelt und sich auf das Engagement derjenigen stützt, die konkrete Projekte zum Wohle der Gesellschaft umsetzen können und wollen.

Zwölf Pastorenstellen: Die Kommission, die die ELKI neu gestalten wird
Am Samstag, dem 2. Mai, wurden die Arbeiten mit einer Begrüßungsrede des Bischofs der Evangelischen Kirche der Augustanischen Konfession in Slowenien, Aleksander Erniša, fortgesetzt.

Dann folgte einer der sicherlich am meisten erwarteten und bedeutendsten Beschlüsse dieser Synode: die Einrichtung einer Kommission, die bis 2027 einen Vorschlag zur Neuordnung der Pastorenstellen der ELKI vorlegen soll, mit dem Ziel, die Zahl auf höchstens zwölf zu begrenzen.
Die Kommission soll Kriterien festlegen, die theologische und strategische Überlegungen sowie die aktuelle wirtschaftliche und menschliche Realität berücksichtigen.
Das Centro Melantone und die europäischen Fördermittel
Patrick Spitzenberger, Leiter des Centro Melantone, hielt einen zukunftsorientierten Vortrag: Dank der Zusammenarbeit mit der Waldenser-Fakultät können die Studierenden des Centro nun durch die Teilnahme am Studienjahr ECTS-Punkte erwerben.
Eine besonders wichtige Chance für Studierende außerhalb Deutschlands, die besser dem europäischen Standard entspricht.
Spitzenberger bestätigte die gute Stimmung unter den Studierenden und kündigte die neue Vereinbarung zwischen dem Centro Melantone und der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) an, deren neue Generalsekretärin Susanne Schenk bereits zu Gast in Rom war.
La Claudiana: Bleiben, auch wenn es teuer ist
Die Debatte über den Claudiana-Verlag — den einzigen protestantischen Verlag in Italien – nahm einen wesentlichen Teil der Beratungen ein.
Ingrid Pfrommer, Vizepräsidentin und Vertreterin der ELKI im Verwaltungsrat, legte den Bericht vor. Der ursprüngliche Vorschlag sah vor, die Anteile der ELKI an die anderen Gesellschafter zu übertragen.
Im Verlauf der Diskussion betonte die Moderatorin der Tavola Valdese, Alessandra Trotta, wie wichtig es ist, ein Engagement nicht aufzugeben, das eine Form des Dialogs mit der italienischen Gesellschaft und dem Protestantismus insgesamt darstellt.
Eine Einschätzung, die bereits in zahlreichen Beiträgen eines Großteils der Synodalen zum Ausdruck gebracht und bekräftigt wurde.
Die Debatte bestätigte in der Tat den weit verbreiteten und festen Willen der Lutheraner sowie der Pfarrerinnen und Pfarrer, sich nicht der Verantwortung zu entziehen, in der italienischen Gesellschaft auf kultureller und publizistischer Ebene präsent zu sein.
Die Synode beschließt daher eine Reduzierung des Anteils von 15 % auf 7 %: Damit bleibt die ELKI Gesellschafterin der Claudiana, verringert ihr finanzielles Engagement und behält ihren Sitz im Verwaltungsrat.

Grüße und neue Wege
Bevor die Synode zu den Wahlen überging, verabschiedete sie die Pfarrerinnen und Pfarrer, die im Sommer ihr Amt in Italien niederlegen werden: Michael Jonas (Rom), Magdalena Tiebel-Gerdes (Ispra-Varese), Hanno Wille-Boysen (Mailand) und Carsten Gerdes (Ispra-Varese).

Jeder Pfarrer, jede Pfarrerin, der oder die neu hinzukommt, bringt Gaben und Talente mit, auf die eine Gemeinde gar nicht zu warten gewusst hat; jeder Pfarrer und jede Pfarrerin, der oder die geht, hinterlässt etwas, das sich nicht in Dienstjahren messen lässt, sondern in gesäten Samen, aufgebauten Beziehungen und Worten, die im richtigen Moment gesprochen wurden.
Die ELKI dankt ihnen nicht etwa aus Höflichkeit, sondern als Zeichen der Dankbarkeit gegenüber Gott für die große Ernte, bei der der Arbeiter zwar wenige sind, die aber durch Gottes Gnade stets reichlich ausfällt.
Pastoren und Pastorinnen, die ihre Gaben geteilt haben, und bei denen jeder einzelne ein empfangener Segen war – in der Gewissheit, dass diejenigen, die den Weg gemeinsam beschritten haben, einander nie ganz aus den Augen verlieren und dass der eingeschlagene Weg weiterhin Früchte trägt, hier und überall dort, wohin der Heilige Geist sie führen wird.

Synode 2026 in Rom eröffnet: Auf, zur Ernte des Herrn
In Rom beginnt die 24. Synode der ELKI: neue Dekane, Krise um OPM-Gelder, Mikroprojekte und die Zukunft der lutherischen Kirche in Italien.
Eröffnungsgottesdienst: Mit leichtem Gepäck auf einen langen Weg
Am 30. April wurde in Rom die dritte Sitzung der 24. Synode der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Italien eröffnet.
Der scheidende Dekan Carsten Gerdes und die scheidende Vizedekanin Kirsten Thiele leiteten den feierlichen Gottesdienst, mit dem die Arbeiten eröffnet wurden.
Die Predigt, die sich um das Synodenmotto aus Matthäus 9,37–38 – „Die Ernte ist groß, aber wenige sind der Arbeiter“ – dreht, wirft gleich zu Beginn die Frage auf, die diese Tage begleiten wird: Was braucht es wirklich, um das Reich Gottes weiter aufzubauen?
„Vielleicht haben wir zu viel Gepäck — Hauptamtliche, Privilegien, Gewohnheiten, wunderbar gewachsene Strukturen“, begann Thiele. „Jesus forderte leichtes Gepäck. Und denen, die ihm folgten, versprach er nie einen einfachen Weg“. Der Verweis auf den reichen jungen Mann, der traurig weggeht, weil er nicht auf seinen Besitz verzichten kann, gibt den Ton für eine Synode an, die ihre Entscheidungen sorgfältig abwägen muss.

Der Wirbel um die OPM-Gelder
Im Bericht des scheidenden Dekans wird das schwierigste Problem unverblümt angesprochen: die drastische Kürzung der Zuweisungen aus der Acht-Promille-Steuer durch das Ministerium für Wirtschaft und Finanzen.
Im Sommer 2025 behielt das Ministerium ohne Vorankündigung ein Drittel des Betrags ein. Die ELKI stand daher vor der Entscheidung, den Rechtsstreit mit ungewissem Ausgang fortzusetzen oder einen Vergleichsvorschlag mit einer auf fünf oder sechs Jahre gestreckten Rückzahlung anzunehmen.
„Das war zweifellos die schwierigste Entscheidung der letzten vier Jahre“, sagt Gerdes. „Wir haben diese Entscheidung im Konsistorium einstimmig getroffen. Dafür bin ich dankbar“.
Nach vorne schauen, nicht aufgeben
Der Präsident der Synode Alfredo Talenti gab der Sitzung eine klare Botschaft: Wir dürfen uns trotz der Schwierigkeiten nicht in uns selbst zurückziehen.
„Wir waren der Ansicht, dass die Botschaft, die wir dieser Synode vermitteln sollten, darin besteht, den Blick nach vorne zu richten und die Ärmel hochzukrempeln“, sagt er in seinem Bericht.
Talenti forderte die Synodalen in einer ausführlichen Rede auf, zu diskutieren und Stellung zu beziehen – auch kritisch –, dabei aber stets im Auge zu behalten, dass das gemeinsame Ziel ist, Zeugnis abzulegen und Schwierigkeiten zu begegnen, ohne sich von ihnen überwältigen zu lassen.

Mikroprojekte und Zivilgesellschaft
Die Synode 2026 empfängt zum ersten Mal Vertreter der Vereine, die im Rahmen der Ausschreibung für Mikroprojekte gefördert werden.
Die dritte Ausgabe, die Anfang 2026 startete, verzeichnete immerhin fast 500 Bewerbungen – mehr als im Vorjahr. An zwei der vier synodalen Arbeitsgruppen sind Vertreter von vier begünstigten Vereinen beteiligt.
Die Strategie, so erklärt das Konsistorium, verfolgt zwei Ziele: Anstatt unbegrenzt in Werbung zu investieren, die nur Augen und Ohren anspricht, investieren wir in konkrete Projekte, die länger Bestand haben und den Menschen oder der Umwelt direkt zugutekommen. Daher ist es für die Synode wichtig, darüber und über die damit verbundenen Ergebnisse informiert zu sein.
Neue Gesichter, neue Wege
Auf dieser Synode werden die neuen Dekane gewählt.
Die Amtsübergabe erfolgt zu einem Zeitpunkt bedeutender Veränderungen beim pastoralen Personal: Der Dekan hat Heidi Lengler zur Pastorin ordiniert und sie in der Gemeinde Sizilien eingesetzt; Kirsten Thiele hat ihren Dienst in Verona angetreten und Elisa Schneider ist als Pastorin von Neapel in die ELKI zurückgekehrt.
Im Sommer werden vier Pastoren ihre Gemeinden verlassen: Magdalena Tiebel-Gerdes, Hanno Wille Boysen, Michael Jonas und Gerdes selbst, der mit seiner Frau nach Deutschland zurückgeht.
„Acht Jahre als Pfarrer in Italien, vier Jahre als Dekan. Mir hat sich ein unglaublicher, weltweiter Horizont eröffnet“, sagt er abschließend. „Ich werde tiefgreifend verändert nach Deutschland zurückkehren. Manches ist mir recht gut gelungen, anderes hat mich an meine Grenzen gebracht. Dafür kann ich mich nur entschuldigen. Und ich hoffe, dass der neue Dekan es besser hinbekommt“.

Ökumene und Partnerschaften
Der Bericht weist auf wichtige ökumenische Entwicklungen hin: Im Januar nahm die ELKI gemeinsam mit 16 weiteren christlichen Kirchen in Italien an einer gemeinsamen Veranstaltung im Rahmen der Weltgebetswoche in Bari teil.
In Slowenien hat Aleksander Ernisa das Amt des Bischofs übernommen; in Ungarn hat der neue Bischof Pál Keczkó sein Amt angetreten; in Österreich wurde Cornelia Richter zur ersten Bischöfin der evangelischen Kirche geweiht.
Die ELKI hat zudem eine Vereinbarung über gegenseitige Unterstützung zwischen der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) und dem Studienzentrum Centro Melantone unterzeichnet. „Wir sind nicht allein“, wiederholt Gerdes. „Kirche zu sein bedeutet jedoch, unterwegs zu sein. Gehen wir nicht traurig weg — wir haben Grund zur Freude“.


Synode 2026 Carsten Gerdes: Zusammenhalten
Der scheidende Dekan blickt zurück auf seine Amtszeit inmitten von Kriegen, Veränderungen und der Notwendigkeit, zusammen zu sein und zusammenzubleiben.
Ein geteilter Pastor
Als er im Mai 2022 zum Dekan der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Italien gewählt wurde, erklärte Carsten Gerdes, er wolle weiterhin Gottesdienste feiern und den Menschen nahe sein.
Vier Jahre später gibt er offen zu, dass es schwierig war, dieses Gleichgewicht aufrechtzuerhalten. „Wenn ich auf die Zahlen schaue, dann würde ich sagen, dass statt vorher 2 Gottesdiensten im Monat ich in der Regel als Dekan nur noch einen in Caldana durchgeführt habe. Und noch dazu habe ich natürlich auch manche, die von Magdalena (Pastorin, seine Frau, Anm. d. Red.) gehalten wurden, nicht mitgefeiert. Also war meine Gegenwart in der Gottesdienstgemeinde und beim anschließendem Kirchenkaffee etwa halbiert. Wobei ich in aller Regel bei den „wichtigen“ Gemeindeterminen zugegen sein konnte in diesen 4 Jahren“, erzählt er.
„All dies hat sich auf die emotionale Verbundenheit mit den Mitgliedern der Gemeinde ausgewirkt. Es ist schwer zu beschreiben. Natürlich war es für die Gemeinde von Vorteil, dass meine Abwesenheiten größtenteils von Magdalena (Tiebel-Gerdes), ihrer vertrauten Pastorin, und nicht von einer dritten Person vertreten wurden“.
Ein Krieg, der kein Ende nimmt
Gerdes’ Amtszeit begann drei Monate nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine. „Ich hätte nie gedacht, dass der Krieg noch andauern würde, wenn ich mein Amt als Dekan niederlege“, sagt er.
„In den letzten vier Jahren haben wir wiederholt unsere Solidarität mit dem ukrainischen Volk bekundet und die russische Aggression, einschließlich besonders verabscheuungswürdiger Einzeltaten, verurteilt. Und nun ist seit einigen Wochen ein weiterer Krieg ausgebrochen, in dem verschiedene religiöse Vertreter lautstark verkünden, der Krieg sei ein von Gott gewolltes Mittel der Auseinandersetzung“.
Doch dazu äußert sich Gerdes unmissverständlich: „Eine Haltung, die ich entschieden ablehne. Ich lehne die Passagen aus dem Alten Testament ab, die als vermeintliche Legitimation für die heutigen Handlungen herangezogen werden. Für mich sind die Worte des Friedens und das Beispiel Jesu eine Richtschnur für mein persönliches und gemeinschaftliches Handeln“.

Italienischer, offener
Zu Beginn seiner Amtszeit hatte Gerdes erkannt, dass die Zukunft der ELKI eher italienisch als deutsch sein würde.
So stellt er fest, dass diese Intuition in den letzten Jahren, in denen er viel gereist ist, Kontakte geknüpft und die lutherischen Gemeinden in ihrem jeweiligen Umfeld, ihrem Leben und Wirken kennengelernt hat, „in verschiedenen Bereichen Gestalt anzunehmen beginnt, und darüber freue ich mich“.
„Unsere Mitglieder leben in Italien, einige vorübergehend, andere dauerhaft. Es ist wichtig, sich mit der Sprache, der Gesellschaft und den Menschen, die hier leben, auseinanderzusetzen“.
Als evangelische Christen, erklärt er, haben wir eine doppelte Aufgabe: „Den Katholiken unsere Verschiedenheit aufzuzeigen und sie bekannt zu machen und uns gleichzeitig gemeinsam als Christen in einer Gesellschaft zu engagieren, die sich zunehmend von den Kirchen entfernt – mit Werten, Überzeugungen und konkretem Engagement“.
In seiner Gemeinde Ispra-Varese hat er gemeinsam mit der benachbarten katholischen Pfarrei eine Reihe ökumenischer Treffen ins Leben gerufen, die über mehrere Jahre andauerten: „Sterbehilfe, gleichgeschlechtliche Partnerschaften, die Rolle der Kirche in der säkularen Gesellschaft – zu jedem dieser Themen haben wir versucht, die evangelische und die katholische Perspektive zu beleuchten, stets in dem Bestreben, das zu betonen, was uns verbindet, anstatt das, was uns trennt. Das waren außergewöhnliche Momente“, meint er.
Die Zukunft kann nicht darin bestehen, „einfach so weiterzumachen“
Das Thema der Synode 2025 lautete „Gemeinsam Zukunft planen“.
Ein Jahr später gibt Gerdes offen zu: „Ja und nein. Wir sind ein Jahr weiter. Die Einrichtungen, Zahlen, Veranstaltungen und Personen sind im Wesentlichen dieselben. Doch Konsolidierung kann nicht das einzige Ziel sein, wenn es darum geht, die Zukunft zu gestalten“.
Im vergangenen Sommer hat die drastische Kürzung der Zuweisungen aus den OPM-Geldern eine Wende erzwungen: „Wir müssen konkrete Schritte unternehmen. Wahrscheinlich werden wir diese noch nicht auf dieser Synode umsetzen können, aber wir müssen uns zumindest auf die Formen und Ziele einigen, die 2027 in konkrete Maßnahmen münden können. Ich fürchte, dass ein Weitermachen wie bisher nicht mehr möglich ist.“.

Die Erfahrung der Minderheit
Die Vollversammlung des LWB in Krakau, das Treffen mit Papst Franziskus, das 75-jährige Jubiläum der ELKI: Momente, in denen sich die italienische lutherische Kirche mit weitaus größeren Horizonten auseinandergesetzt hat.
„Bevor ich als Pastor nach Italien kam, gab es zwei Bereiche, mit denen ich mich noch nie wirklich beschäftigt hatte: ökumenische Treffen und die Arbeit in institutionellen Gremien“, räumt Gerdes ein.
„In beiden Kontexten sah ich mich oft als Angehöriger einer Minderheit: die Protestanten gegenüber den Katholiken, die ELKI gegenüber den großen Kirchen. Ich glaube, dass diese Erfahrungen als Angehöriger einer Minderheit mich sensibler für Machtverhältnisse und Zahlen gemacht haben“.
Aber auch für den Reichtum, der aus der Verschiedenheit entsteht: „Die Begegnung mit Vertretern anderer Kirchen hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, gemeinsam nach gemeinsamen Wegen zu suchen, und wie bereichernd die Vielfalt des Anderen sein kann“.

Digitaler Raum – eine unbequeme Notwendigkeit
Im Jahr 2025 beschloss die Synode, die Plattform X zu verlassen, da eine grundlegende Unvereinbarkeit bestand zwischen den Werten, von denen sich die ELKI leiten lässt, und denen, die diesen digitalen Raum prägen.
Die Frage nach den sozialen Medien ist daher die, die Gerdes als die schwierigste bezeichnet.
„Ich persönlich bin in den sozialen Medien kaum präsent. Die Vorstellung, meine Gedanken und Erfahrungen in Wort und Bild zu veröffentlichen und abzuwarten, was dabei herauskommt, reizt mich nicht sonderlich. Diese persönliche Distanz spiegelt sich leider auch in der institutionellen wider“, gibt er zu.
„Auch wenn mir durchaus bewusst ist, dass die Kirche in diesen Bereichen präsent sein muss. Wir brauchen Facebook, Instagram, TikTok und die Website – daran besteht kein Zweifel. Ich fühle mich jedoch nicht in der Lage zu entscheiden, welche wir nutzen sollen und wie viel Zeit und Mühe wir investieren sollen“.
Der Sinn des Reisens ist das Reisen selbst
Carsten Gerdes hat seine Worte stets mit Bedacht gewählt und dabei besonders darauf geachtet, nicht einfach die richtigen Worte zu finden, sondern solche, die einen Dialog, Beziehungen und gegenseitiges Zuhören ermöglichen.
In diesem Interview wird die Tiefe dieses lutherischen Pastors deutlich, der zwar zurückhaltend ist, aber dennoch die Fähigkeit besitzt, Dinge tiefgründig und mit seltener Weitsicht zu betrachten.
Wenn man ihn daher fragt, was er hofft, in der ELKI hinterlassen zu haben – nicht in den Strukturen, sondern in den Menschen –, scheinen die Verse aus Fabrizio de Andrés Lied „Khorakhané“, auf die im Titel dieses Interviews Bezug genommen wird, widerzuhallen.
„Es ist ein tolles Gefühl und eine große Genugtuung zu sehen, dass wir die Herausforderungen, die sich uns gestellt haben, gemeinsam gemeistert und sie bestmöglich bewältigt haben“, erklärt er.
„In meinen Reden und durch mein Verhalten wollte ich stets zum Ausdruck bringen, dass ich nicht derjenige bin, der weiß – oder vorgibt zu wissen –, wohin uns diese Reise führen wird. Aber dass ich bereit und glücklich bin, an dieser Reise teilzunehmen“.
Eine Pause, und dann die Aufrichtigkeit, die seine gesamte Amtszeit geprägt hat und die sich in einem Wort zusammenfassen lässt: Bescheidenheit: „Manchmal hatte ich den Eindruck, dass auch die anderen den Wunsch, die Erwartung hatten, dass ein Dekan mehr Führung übernimmt und mehr Präsenz zeigt. Aber so war und bin ich nicht“.

Salz der Erde
Für den scheidenden Dekan entscheidet sich die Zukunft der ELKI auf zwei Ebenen. „dass die evangelischen Gemeinden weiterhin der Ansicht sind, gemeinsam eine Kirche bilden zu wollen, und dass sie diese brauchen, um den Dialog untereinander aufrechtzuerhalten und eine gemeinsame Grundlage im Umgang mit anderen Kirchen zu haben“.
Diese Perspektive hängt davon ab, „dass sich in ihnen weiterhin Menschen versammeln, die durch den Glauben an Gott verbunden und dazu berufen sind, als Salz der Erde zu wirken. Um ein weiteres Thema der Synode aufzugreifen. Die bereichernden Erfahrungen mit dem Wort Gottes verbinden uns zu einer Gemeinde. Wenn wir dort Gemeinschaft erleben, sind wir auch bereit, unseren Beitrag zu leisten. Solange das geschieht, mache ich mir keine Sorgen um die Zukunft. Auch wenn diese anders aussehen wird“.

ELKI-Synode 2026: Auf, zur Ernte des Herrn
La Presidenza del Sinodo luterano in vista della prossima seduta di fine aprile tra microprogetti, nuove forme pastorali, crisi economica e fiducia nel cambiamento senza perdere l’identità.
Herausforderungen, die Lösungen erfordern
Es gibt einen Moment, in dem man die Ärmel hochkrempeln muss, und dieser Moment ist für die Präsidentschaft der lutherischen Synode in Italien jetzt gekommen. Das machen Alfredo Talenti und Sandra Tritz, Vorsitzender und stellvertretende Vorsitzende der Synode der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Italien, deutlich, als sie die Wahl des Mottos für die Synode 2026 erläutern: „Auf, zur Ernte des Herrn“.

„Schlechte Nachrichten – weltweit im Allgemeinen und für die ELKI im Besonderen – gab es in den letzten Monaten viele“, sagt Tritz. Die vom Finanzministerium angekündigte Kürzung der Mittel aus den OPM-Steuergeldern war ein schwerer Schlag, darf aber nicht zu einer Lähmung führen.
„Die Mittel der OPM sind wichtig für uns, aber das Leben der ELKI und ihrer Gemeinden geht weit darüber hinaus“, erklärt sie. Die Ernte ist da, etwas Gutes ist immer die Mühe wert und wird Früchte tragen. Es ist eher ein Vertrauensbeweis als eine Strategie.
„Auf, zur Ernte des Herrn“ ist also keine abstrakte Einladung zu einer kirchlichen Versammlung, sondern ein programmatischer Leitgedanke, den die Lutheraner in Italien in das Zuhören und in konkrete Entscheidungen umsetzen wollen.
Von der Vision zur Realität
Im Vergleich zu 2025 hat sich die Lage deutlich verändert. Zum Teil aufgrund interner Faktoren, größtenteils jedoch aufgrund externer Variablen. Natürlich ist das Thema Finanzen nicht nebensächlich, doch hat die italienische Gesellschaft in der Zwischenzeit auch die Folgen zweier Kriege erlebt, die ihre wirtschaftliche Entwicklung beeinflussen und deren Auswirkungen auf die Menschen, ihr Leben, ihre Entscheidungen und ihre Beziehungen lasten.

Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Italien hat in den letzten Jahren verschiedene Veränderungen durchlaufen, von denen sie viele bewusst eingeleitet hat, da sie erkannte, dass einige dieser Veränderungen ohnehin eingetreten wären, und sich daher entschloss, sie zu steuern, anstatt sie einfach hinzunehmen.
Im Jahr 2025 bekräftigte die Synode die Notwendigkeit, gemeinsam in die Zukunft zu blicken. Und sie gemeinsam zu gestalten. Heute ist die Synode aufgerufen, dies bereits in der Gegenwart zu leben, im Bewusstsein, wie wichtig es ist, „von der Vision zur Realität“ überzugehen, wie Vizepräsidentin Tritz bestätigt.
„Dieses Jahr brauchen wir noch konkretere Ideen“, fügt sie hinzu und betont, dass eine Kirche zwar nicht vor Schwierigkeiten gefeit ist, diese Schwierigkeiten jedoch nicht ihre einzige Daseinsperspektive sein dürfen.
Unter diesen konkreten Ideen stellt sich eine grundlegende Frage, die die Identität der Gemeinden selbst betrifft: Sollen alle Pastorenstellen beibehalten werden, oder sollen neue Formen der Leitung mit Laienpredigern, Diakonen und geteilten Stellen ins Auge gefasst werden?
Alfredo Talenti bekräftigt „die höchste Wertschätzung für eine fundierte theologische Ausbildung“ und erläutert, wie vielfältig die pastorale Tätigkeit tatsächlich ist. Daher zeigt er sich „offen für neue Formen, in denen die verschiedenen Komponenten dieser Tätigkeit ein neues Gleichgewicht finden können“.
Mikroprojekte nehmen Gestalt an
Zum ersten Mal werden zivilgesellschaftliche Vereinigungen, die aus den evangelisch-lutherischen OPM-Steuergeldern finanziert werden, auf der Synode vertreten sein. Das ist ein bedeutender Schritt. „Endlich können wir dieses für viele noch sehr abstrakte Konzept der Mikroprojekte einem breiteren Publikum ganz konkret näherbringen“, erklärt Tritz.
Für Talenti ist dies ein Schritt, der weder selbstverständlich noch nebensächlich ist. „Normalerweise können die Synoden der Kirchen externe Beobachter zulassen, doch der Dialog und die Debatte sind überwiegend – wenn nicht sogar ausschließlich – eine interne Angelegenheit.“
Auch in dieser Hinsicht, so Talenti weiter, „möchte die Synode 2026 eine neue Chance bieten, bei der wir, um zu konkreteren Maßnahmen überzugehen, auf Stimmen von außerhalb unserer eigenen Reihen hören müssen.Angefangen bei den verschiedenen Einrichtungen, die wir in ganz Italien finanziell unterstützen und die, obwohl sie keine evangelisch-lutherischen Einrichtungen sind, in gewisser Weise auch in unserem Auftrag handeln“.
Die Idee, konkrete Projekte in ganz Italien zu unterstützen, die im sozialen, ökologischen oder kulturellen Bereich hervorragende Arbeit leisten, ist zudem ein Testfeld für die ELKI.

Die Verwendung der OPM-Gelder – Gelder des italienischen Volkes, die der evangelisch-lutherischen Kirche anvertraut wurden – für äußerst nützliche Projekte, auch in Gebieten, in denen es keine Gemeinden gibt, die eine ähnliche Arbeit leisten könnten, ist eine wichtige Entscheidung. „Allerdings scheint dieses Konzept, insbesondere in dieser wirtschaftlich schwierigen Phase, noch nicht von allen ELKI-Mitgliedern vollständig verstanden zu werden“.
Aus diesem Grund werden die Vereinigungen am Freitag anwesend sein, mit ausreichend Zeit, sich in eigens dafür vorgesehenen Arbeitsgruppen sowie während der Mittagspause und der Kaffeepausen kennenzulernen, und mit der für lutherische Kirchen typischen Freiheit, in der die Synodalen dann Zeit und Raum haben werden, sich zu äußern.
Lutherische Identität und Zivilgeschichte
Der 1. Mai fällt mitten in die Synodenarbeiten. Für Talenti ist das kein Zufall, über den man einfach hinwegsehen kann. „Die Verbreitung des Luthertums in Italien zur Zeit der Reformation im 16. Jahrhundert stieß auf heftigen Widerstand.“ Seit dem 19. Jahrhundert haben Lutheraner schweizerischer und deutscher Herkunft einen wichtigen Beitrag zur wirtschaftlichen und industriellen Entwicklung Italiens geleistet; dieser Beitrag war umso wertvoller, als er sich nicht als ausländische Enklave, sondern als „Ausdruck eines übernationalen Geistes“ manifestierte.
In einer Zeit starker Konflikte zwischen Nationalismus und Weltoffenheit können Lutheraner „ein kleines, aber bedeutsames Zeugnis dieses übernationalen Geistes sein, den auch und gerade Italien braucht“.
Eine Synode am Tag der Arbeit, die sich gerade durch die von ihr beschriebene supranationale Perspektive auszeichnet, „ist daher ein Element größerer Verantwortung, die wir mit Respekt und Sorgfalt empfinden und tragen.“
Den Wandel begleiten, ohne sich im Wandel zu verlieren
Am Samstag werden der neue Dekan oder die neue Dekanin und der Vizedekan oder die Vizedekanin gewählt.
„Die Ämter des Dekans und des Vizedekans sind für die ELKI von entscheidender Bedeutung“, betont Tritz. „Sie verkörpern die geistige Führung und das Gesicht der ELKI sowohl nach innen als auch vor allem nach außen.“
Dieser Übergang erfordert, dass Debatte und Wahl der Aufgabe gerecht werden und selbst die hitzigsten Debatten den für eine Synode unerlässlichen gegenseitigen Respekt widerspiegeln.
Vier Jahre nach der Wahl von Pastor Carsten Gerdes und sieben Jahre nach der Wahl von Pastorin Kirsten Thiele wird die ELKI-Synode daher aufgerufen sein, auf der Grundlage einer Bilanz dieser Jahre die neue Kirchenleitung zu wählen.

Sich nicht von der Angst lähmen lassen
Welches Zeichen sollte diese Synode hinterlassen? „Eine Botschaft des Trostes und der Unterstützung“, antwortet Tritz. „Trotz der finanziellen Schwierigkeiten sollten unsere Entscheidungen nicht von Angst geleitet sein, sondern vom Vertrauen in den Herrn.“
Die ELKI verantwortungsbewusst zu leiten, ohne sich von Problemen lähmen zu lassen, bedeutet für die Präsidentschaft der Synode vor allem, sich um sie zu kümmern: auf die Fragen der Gegenwart einzugehen, der Versuchung zur Vereinfachung zu widerstehen und nicht dort zu kürzen, wo es derzeit am einfachsten erscheint, vielleicht ohne die Folgen gründlich abgewogen zu haben.
Was die Zukunft der lutherischen Präsenz in Italien betrifft, sind sich beide einig: Die ELKI ist nicht mehr das, was sie 1949 war. Sie befindet sich im Wandel und passt sich der heutigen Realität an.
Dieser Wandel darf jedoch, so Talenti und Tritz, nicht den momentanen Trends folgen.
In einem sind sie sich einig: „Wir müssen eine Linie beibehalten und Zeugnis ablegen für unseren Glauben und die Art und Weise, wie wir ihn leben, damit wir erkennbar bleiben.“
Einen Beitrag leisten, die Fragen des Augenblicks beantworten, ohne uns zu verstecken und ohne unsere Überzeugungen zu verbergen.

ELKI-Synode 2026, Thiele: „Wir sind EINE Kirche“
Sieben Jahre Kirsten Thiele als Vizedekanin der ELKI: ein Weg, der von Ausgewogenheit, Kommunikation, Diakonie und Offenheit für neue Wege geprägt war.
Zwischen zwei Fronten, ohne den Faden zu verlieren
Als Kirsten Thiele 2019 zur Vizedekanin der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Italien (ELKI) berufen wurde, sagte sie etwas, das den Anschein einer frühzeitigen Auseinandersetzung mit sich selbst erweckte: „Ich habe mir diese Aufgabe nicht ausgesucht, aber manchmal ruft Gott uns in seinen Dienst.“

Sieben Jahre später hat dieser Satz nichts von seiner Kraft verloren: Er ist unverändert geblieben und hat dem Zahn der Zeit und den Widrigkeiten des Lebens standgehalten.
Das Amt der Vizedekanin ist naturgemäß ein ständiger Balanceakt. Im Deutschen gibt es den Ausdruck „zwischen den Stühlen sitzen“, der jemanden beschreibt, der zwischen zwei Seiten hin- und hergerissen ist, ohne ganz zu einer von beiden zu gehören: Das italienische Äquivalent ist „stare tra due fuochi“ – zwischen zwei Fronten stehen, und die Metapher passt.
Ihre Rolle versetzt sie in eine besondere Spannungslage: Einerseits ist sie Pastorin unter Pastorinnen und Pastoren, mit derselben alltäglichen Nähe, die eine Gemeinde zusammenhält; andererseits ist sie die institutionelle Stimme der ELKI gegenüber eben diesen Menschen und nach außen hin.
„Einerseits ist man Kollegin, andererseits vertritt man auch die ELKI – und manchmal ist dieser Balanceakt nicht ganz einfach“, gesteht Thiele. Doch der Faden der Verbindung ist über all die Jahre nicht gerissen.
Eine einzige, unverwechselbare Stimme
Unter den bedeutendsten Veränderungen während ihrer Zeit im Konsistorium hebt Kirsten Thiele eine ganz besonders hervor: die Entscheidung, in die Kommunikation zu investieren.
„Wir waren viele verschiedene Gruppen, viele Gemeinden, manchmal ohne jegliche Verbindung zueinander“, sagt sie. Die Tatsache, dass es heute eine engagierte Person gibt, die dafür zuständig und in der Lage ist, die verstreuten Fäden einer auf der gesamten Halbinsel präsenten Kirche zusammenzuführen, hat begonnen, die Wahrnehmung der ELKI zu verändern – sowohl innerhalb als auch außerhalb der ELKI.
Es ist ein Reifungsprozess, der sich also noch in der Entwicklung befindet. Ein Weg, auf dem die Gemeinden ein neues Bewusstsein entwickeln, sowohl in Bezug auf das lokale Umfeld als auch vor allem in einer einheitlicheren und allgemeineren Dimension.
„Wir sind EINE Kirche“, sagt sie, „sowohl innerlich als auch in der Wahrnehmung anderer“: eine Feststellung, die auch heute noch auf ein Programm hinweist, das noch seiner vollständigen Verwirklichung bedarf.

Die fehlende Ökumene
Im Hinblick auf den ökumenischen Dialog zeigt sich Thiele klar und unvoreingenommen, ohne sich in tröstlichen Vereinfachungen zu ergehen.
Innerhalb des Verbandes der evangelischen Kirchen in Italien (FCEI), wo es „einen gemeinsamen Weg mit den historischen Kirchen der Reformation“ gibt, droht das Übergewicht anderer Gruppierungen mitunter, die Vielfalt dieses Raums des Protestantismus in Italien zu erdrücken: „Als Lutheraner haben wir den Eindruck, dass unsere Stimme nicht wirklich gehört wird.“
Die eigentliche Herausforderung – so die scheidende Vizedekanin – liegt jedoch weiterhin im Dialog mit den Freikirchen und Pfingstgemeinden: ein „schwieriger“ Dialog, „da auf der anderen Seite die Fähigkeit zum Zuhören bislang noch nicht gut entwickelt ist“. Kein kategorisches Urteil, sondern die ehrliche Einschätzung eines Projekts, das noch weitgehend unerforscht und offen ist.
Ein Projekt, das dennoch mit Interesse verfolgt wird. Im Übrigen beschreiten die Lutheraner weltweit schon seit Jahren einen gemeinsamen Weg des lutherisch-pfingstlichen Dialogs, der bislang ermutigende und interessante Ergebnisse hervorgebracht hat.
Was hält die Gemeinden der ELKI zusammen?
„Auf Sardinien hatte ich keine evangelisch-lutherische Gemeinde: Ich kümmerte mich um die Deutschen, die dort dauerhaft oder für einige Jahre lebten. Neapel war meine erste evangelisch-lutherische Gemeinde in der ELKI. Und ja, jetzt Verona und Gardone.“

In diesem Prozess des Verwebens von Erfahrungen, Wissen und Zuhören erkennt Pastorin Thiele verbindende Fäden.
„Zum einen ist da die deutsche Sprache, die erhalten bleibt, auch wenn ich den Großteil meiner Arbeit mittlerweile auf Italienisch erledige.“
In den Gemeinden gibt es noch viele deutschsprachige Menschen, „die sich darüber freuen, dass sie bei Bedarf auch ihre eigene Sprache sprechen können“.
Vor allem aber, so betont sie, ist es der Faden des Glaubens, der uns zusammenhält: „ausgedrückt in der Freiheit, die uns als Lutheraner auszeichnet. Die Vielfalt der Gemeinden spiegelt die Vielfalt unserer Glaubensbekundungen wider. Diese große Freiheit ist genau das, was ich an der lutherischen Glaubenslehre so schätze.“
Diakonie als Weg mit anderen
Die aus den OPM-Steuergeldern der evangelisch-lutherischen Kirche finanzierten Mikroprojekte – die erstmals auf der ELKI-Synode 2026 vorgestellt werden – stellen für Thiele das Ergebnis einer langwierigen Reflexion dar, die durch gescheiterte Versuche und Anpassungen gereift ist.
„Die Diakonie ist stets ein zentraler Punkt im Leben und im Auftrag einer Kirche“, erklärt sie. Sich der Zivilgesellschaft zu öffnen und dabei die Enge der einzelnen Gemeinden hinter sich zu lassen, ist daher kein Zugeständnis an den Zeitgeist: Es ist eine authentische und notwendige Form der Verkündigung. „Die Verkündigung der Liebe Gottes muss sowohl nach innen – in Gottesdiensten und Begegnungen – als auch nach außen, durch die Diakonie, erfolgen.“
Die Diakonie des Teilens, die die ELKI bisher im Rahmen der Mikroprojekte betrieben hat, führt dazu, dass die Tatsache, nicht alles direkt selbst bewältigen zu können, nicht als Einschränkung, sondern als Chance erkannt wird: denen zu helfen, die dazu in der Lage sind und das nötige Wissen mitbringen, und mit denen man einen gemeinsamen Weg gehen kann.
Zum Schluss noch ein Wort
Wenn man sie bittet, in einem einzigen Wort zusammenzufassen, was ihr diese Jahre gebracht haben, zögert Kirsten Thiele nicht: Demut. Nicht als Verzicht, sondern als Haltung: die Haltung eines Menschen, der geführt hat, wohl wissend, dass man den Leib Christi nicht beherrscht, sondern ihm dient.
Und ihr Wunsch an diejenige oder denjenigen, der das Amt übernehmen wird, ist von derselben entwaffnenden Einfachheit: „Ich hoffe sehr, dass ich einen Geist der Freiheit und Offenheit hinterlassen habe, auch für neue Wege, die wir bereits eingeschlagen haben und die es, mit Gottes Hilfe, weiterzuverfolgen gilt.“

Erinnerung, ein Funke
Am Holocaust-Gedenktag ist es notwendig und wichtig, über Schuld, Verantwortung, Antisemitismus und die Hoffnung auf Menschenrechte in der heutigen Zeit nachzudenken.
„Entschlossenes“ Gedenken
Die Resolution 60/7 der Generalversammlung der Vereinten Nationen vom 1. November 2005 hat den 27. Januar zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust erklärt.
Seitdem gedenkt die Welt jedes Jahr dem Jahrestag der Befreiung des nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau durch die Rote Armee.
Der diesjährige Tag des Gedenkens steht unter dem Motto „Holocaust-Gedenken für Würde und Menschenrechte“.
Dabei handelt es sich nicht nur um einen weiteren Slogan, sondern um eine eindringliche Mahnung: Erinnerung ist keine Stilübung, sondern eine Frage der Würde, der Gerechtigkeit und der Menschlichkeit.
Auch die christlichen Kirchen waren in die während der Shoah begangenen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verstrickt.
Daraus erwächst eine bleibende Verantwortung, eine tägliche Aufgabe und eine Haltung in Demut und klarer Solidarität.
Die Bischöfe der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland haben in ihrer Botschaft zum 27. Januar eindringlich daran erinnert.
Wir leben in einer Zeit, in der Antisemitismus wieder zunimmt.
In vielen europäischen Ländern, insbesondere in Deutschland, fühlen sich jüdische Frauen und Männer nicht sicher. Institutionen, Synagogen und Orte des jüdischen Lebens sind Ziel von Drohungen und Angriffen.
Gedenken als Verantwortung
Die lutherische Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt erinnerte nach ihrem Besuch der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem daran, dass Erinnerung kein abstrakter Akt ist, sondern eine existenzielle Verpflichtung für Gegenwart und Zukunft.
Sich immer wieder und schmerzhaft an die Shoah zu erinnern bedeutet, sich damit auseinanderzusetzen, wohin Antisemitismus, Judenhass, Entmenschlichung und Gleichgültigkeit führen können.
Die lutherische Bischöfin Kirsten Fehrs, Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), betonte, dass der 27. Januar kein Tag sei, den man einfach nur „begeht”.
Es ist ein Tag, an dem man innehält und nachdenkt, auch ganz in der Stille.
Jedes Jahr aufs Neue drohen diese unvorstellbaren Zahlen der Shoah, uns sprachlos zu machen. Und doch suchen wir weiterhin nach Worten, um ein Leid zu beschreiben, das sich nicht fassen lässt.
Bei dieser Suche nach Worten wird Erinnerung zu einer konkreten Verantwortung: Wir müssen Namen und ihre Geschichten bewahren und der Versuchung widerstehen, die Augen zu verschließen, nichts mehr hören zu wollen, abzustumpfen.
„Nie wieder“ ist kein Satz aus der Vergangenheit, sondern eine tägliche Aufgabe, die aus dem christlichen Glauben hervorgeht, der immer auch eine Frage der Einstellung ist.
Heute tragen Antisemitismus und die Verachtung der Würde anderer Menschen alte und neue Masken, verwenden alte und neue Parolen und nutzen alte und neue Plattformen. Aber die Methoden bleiben dieselben: Entmenschlichung, Abwertung, Ausgrenzung.
In der Bibel steht: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein.“ (Jesaja 43,1)
Diese Worte sind nicht abstrakt gemeint, sondern richten sich an jeden Menschen, ohne Ausnahme. Darin liegt Trost und Auftrag zugleich: Leben muss geschützt werden, heute und in Zukunft
Wurzeln und Worte
Als Christen dürfen wir nicht vergessen, dass die Wurzeln unseres Glaubens im Judentum liegen: Jesus war Jude; viele der Begriffe, die wir im Gottesdienst verwenden – „Halleluja“, „Amen“ – kommen aus dem Hebräischen.
Wenn diese Wurzeln entfernt oder verschwiegen werden, verliert man schnell die Orientierung. Die Geschichte der Kirche, die von heftigen antisemitischen Kontroversen und Gewalttaten geprägt ist, belegt dies.
Ebenso wenig vergessen dürfen wir die antijüdischen Schriften des späten Luther, die dann aufgegriffen und bis zur Zeit des Nationalsozialismus instrumentalisiert wurden. Allzu oft haben die Kirchen zugesehen, anstatt sich zu widersetzen.
Ein Funken Hoffnung
In unseren Gesellschaften scheint mitunter eine Art „Wettbewerb“ darüber entbrannt zu sein, wer der wahre Hüter der Erinnerung ist.
Die Erinnerung wird als Maßstab für die Beurteilung der Missstände unserer Zeit herangezogen, und es werden Parallelen gezogen – manche fragwürdig, andere unerträglich. Das führt letztendlich zu Spaltungen: Einige werden wütend, andere empören sich, wieder andere verschließen sich.
Die Shoah bleibt jedoch ein so schreckliches Ereignis, dass man sich ihr nur „mit Furcht und Zittern“ nähern kann. Jeder gewagte Vergleich, jede Instrumentalisierung, jede oberflächliche Verwendung der Erinnerung ist eine weitere Wunde auf den bereits offenen Wunden.
Aber auch die Weigerung, sich mit dem Schrecklichen auseinanderzusetzen, das wir von diesem Übel geerbt haben, birgt die Gefahr, genauso viel Oberflächlichkeit zu offenbaren.
Dennoch ist Erinnerung nicht nur eine schmerzhafte Pflicht: Sie ist auch ein Funke, der die Gegenwart entzünden kann.
Die Bibel mahnt immer wieder zur Erinnerung: zur Erinnerung daran, wie die „Väter“ glaubten, lebten und beteten; zur Erinnerung an ihre Befreiungen, ihre Untreue, ihre Rückkehr. Erinnerung ist niemals neutral: Sie orientiert, korrigiert, eröffnet neue Zukunftsperspektiven.
Heute müssen wir zur ursprünglichen Funktion der Erinnerung zurückkehren, anstatt sie für unsere Zwecke anzupassen. Wozu dient das Gedächtnis, wenn nicht in erster Linie zum Erinnern?
Um uns an die tragischen Geschehnisse der Vergangenheit zu erinnern und uns gleichzeitig vor Augen zu führen, wie wir sie überstanden haben und dass wir sie überstanden haben.
Dieses „Überstandensein“ ist kein Triumph, sondern ein Aufruf: wachsam zu sein, nicht gleichgültig zu bleiben, nicht der moralischen Erschöpfung nachzugeben.
In Zeiten voller Verzweiflung und Lethargie kann die Erinnerung zu einer Quelle der Hoffnung werden.
Keine naive Hoffnung, sondern die wachsame Hoffnung derer, die gesehen haben, wohin Hass führen kann, und sich deshalb jeden Tag aufs Neue dafür entscheiden, auf der Seite des Lebens, der Menschenrechte und der Würde jedes Einzelnen zu stehen.
„Nie wieder“ gehört nicht der Vergangenheit an. Es ist die Aufgabe, die jeden Morgen auf uns wartet.

Unbegrenzter Reichtum, eine Gefährdung für die Demokratie
Oxfam prangert globale Oligarchie an: eine lutherische Reflexion über Ungleichheit, Demokratie und soziale Gerechtigkeit heute.
Ungleichheit und Demokratie: eine lutherische Lesart
Das Bild, das der jüngste Oxfam-Bericht „Im Abgrund der Ungleichheit. Wie man entkommt und die Demokratie schützt” zeichnet, ist erschreckend: 2025 war „ein weiteres Rekordjahr für Milliardäre”.
Zum ersten Mal gibt es weltweit mehr als 3.000 Milliardärinnen und Milliardäre. Ende November 2025 erreichte ihr Gesamtvermögen einen Rekordwert von 18,3 Billionen Dollar, was einem realen Anstieg von 81 % gegenüber März 2020 entspricht.
Allein im letzten Jahr wuchs ihr Vermögen um 2,5 Billionen Dollar. Das entspricht einer jährlichen Wachstumsrate von 16,2 % – dem Dreifachen des Durchschnitts der vorangegangenen fünf Jahre.
Das sind Zahlen, die nicht nur eine „florierende“ Wirtschaft beschreiben, zumindest nicht für einige.
Sie beschreiben eine Welt, in der die Macht einiger weniger zur ungeschriebenen Regel im Leben vieler wird.
Wenn extremer Reichtum zu politischer Macht wird
Oxfam weist darauf hin, dass die zwölf reichsten Milliardäre der Welt mehr Vermögen besitzen als die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung, also mehr als vier Milliarden Menschen.
Diese Distanz ist nicht nur ökonomischer Art, sie ist eine Frage der Macht.
Laut den im Bericht zitierten Analysen ist in Staaten mit massiver Vermögensungleichheit die Gefahr eines Rückbaus demokratischer Rechte bis zu siebenmal höher als in Staaten, in denen es mehr gesellschaftlichen Ausgleich gibt. Milliardäre haben eine 4.000-fach höhere Wahrscheinlichkeit, ein politisches Amt zu bekleiden und politische und richterliche Entscheidungen zu beeinflussen als Durchschnittsbürger.
Das Ergebnis ist ein Teufelskreis: Extremer Reichtum fördert politischen Einfluss, politischer Einfluss schützt und vermehrt extremen Reichtum.
Oxfam spricht offen vom „Aufstieg einer oligarchischen Macht, die nach dem Gesetz des Reichsten regiert“, während Milliarden von Menschen in Armut leben und Grundrechte ausgehöhlt werden.
Für die evangelisch-lutherischen Kirchen ist diese Sprache nicht fremd: Wenn Geld zum obersten Kriterium für kollektive Entscheidungen wird, handelt es sich nicht nur um ein wirtschaftliches Problem.
Das ist Götzendienst. Es ist die Logik des Mammons, die an die Stelle des Vertrauens in Gott und der gegenseitigen Verantwortung tritt.
Der Schrei der Letzten, überall auf der Welt und auch in Italien
Es geht aber nicht nur um eine „statistische Diskrepanz“. Die Weltbank hat die internationale Armutsgrenze für 2025 auf 3 Dollar pro Tag aktualisiert und zeigt damit, dass die Zahl der Menschen, die in Armut leben, viel höher ist als bisher angenommen.
Hinzu kommen polarisierte Reallöhne und zunehmende Ernährungsunsicherheit, trotz einer Erholung der Einkommen in einigen Regionen der Welt.
Auch Italien und Deutschland ist in diesem Bericht ein wichtiger Abschnitt gewidmet.
Dort zeichnet sich das Bild eines Landes ab, das von einem „Italia di mezzo“, einem „mittleren Italien“ geprägt ist: mittelgroße Städte, Vororte, hügelige und städtisch-ländliche Gebiete, die nicht im klassischen Sinne „randständig“ sind, aber ihre wirtschaftliche und symbolische Zentralität verloren haben.
Diese Gebiete sind gekennzeichnet durch stagnierende Einkommen, eine schrumpfende Mittelschicht, den Abbau öffentlicher Dienstleistungen, eine Krise der Kleinstunternehmen und eine zunehmende Anfälligkeit für Umweltveränderungen.
Es ist also nicht verwunderlich, dass sich gerade hier ein Großteil der Unzufriedenheit mit der Demokratie oder der sogenannten Anti-System-Wähler konzentriert.
In Deutschland hingegen ist dem Bericht zufolge die Zahl der Milliardäre um ein Drittel auf 172 gestiegen.
Im Durchschnitt verdienen diese Superreichen in weniger als anderthalb Stunden das durchschnittliche Jahreseinkommen in Deutschland.
Manuel Schmitt, Referent für soziale Ungleichheit, warnte, dass die wachsende Zahl von Milliardären auf der einen Seite und sich verfestigende Armut auf der anderen Seite einen idealen Nährboden für antidemokratische Kräfte schaffen.
Ungleichheit ist nicht nur ein „soziales“ Thema: Sie wird zum politischen Zündstoff, zu einem fruchtbaren Boden für diejenigen, die schnelle, oft autoritäre Lösungen versprechen und Sündenböcke anstelle von Rechten und öffentlichen Maßnahmen anbieten.
Eine theologische Herausforderung: gegen die Vergötterung des Reichtums
Die lutherische Tradition betrachtet Reichtum an sich nicht als etwas Schlechtes.
Sie warnt jedoch eindringlich vor seiner Macht, Beziehungen zu verzerren und andere zu Werkzeugen zu machen.
Heute zeigen die Daten von Oxfam genau das: Dort, wo eine kleine Elite Reichtum und Einfluss konzentriert, läuft die Demokratie selbst Gefahr, „von innen heraus“ korrumpiert zu werden.
Wirtschaftliche und Machtprozesse, die konkreten Formen des Götzendienstes ähneln.
Geld entscheidet also mehr als Würde, und die Steuerpolitik wird den Interessen einiger weniger unterworfen.
Ohne dabei die Rolle der Medien und digitalen Plattformen zu vernachlässigen, die sich in den Händen großer Konzerne konzentrieren und Narrative produzieren, die extremen Reichtum als reines „individuelles Verdienst” rechtfertigen und jeden Versuch, ihn zu begrenzen oder umzuverteilen, diskreditieren.
Vor diesem Hintergrund ist die Forderung von Oxfam nach globalen Standards für die Besteuerung von Vermögen, Stärkung der Sozialsysteme und Einrichtung eines internationalen Gremiums zur Bekämpfung von Ungleichheit nicht nur eine rein technische Agenda.
Vielmehr handelt es sich um einen Aspekt der öffentlichen Ethik, der auch die christlichen Kirchen vor eine Frage stellt: Welches Bild von Menschlichkeit vertreten wir, wenn wir akzeptieren, dass wenige über das Schicksal vieler entscheiden?
Das Engagement der evangelisch-lutherischen Kirche
Die lutherischen Kirchen haben zwar keinen Einfluss auf die globale Finanzwelt, dürfen sich jedoch nicht auf eine allgemeine Verurteilung beschränken.
Lutherische Diakonie und das öffentliche Engagement der Gemeinden sind konkrete Möglichkeiten, um mit Taten zu zeigen, dass eine andere Wirtschaft möglich ist.
In Italien geht das Engagement der ELKI in diese Richtung: Mittel aus den OPM-Steuergeldern der evangelisch-lutherischen Kirche werden für soziale, karitative, bildungsbezogene und kulturelle Maßnahmen – oft in Randgebieten oder benachteiligten Kontexten – bereitgestellt. Die Vergabe erfolgt über Aufrufe zur Einreichung von Vorschlägen, wie zum Beispiel den für die Mikroprojekte, der bereits Dutzende von Initiativen im gesamten Staatsgebiet unterstützt hat.
Diese Maßnahmen allein ändern zwar nichts an den globalen Statistiken, aber sie stellen die Logik des „Rette sich, wer kann“ in Frage und bekräftigen, dass jeder Mensch mehr ist als sein Einkommen.
In einer Gesellschaft, die von wachsenden Ungleichheiten geprägt ist, geht das Engagement der evangelisch-lutherischen Kirche von der Erkenntnis aus, dass jeder Beitrag wichtig ist.Mikroprojekte
Dies gilt umso mehr für den Aufbau von Bündnissen mit jenen, die sich für eine gerechtere Steuerpolitik oder für einen universellen Sozialschutz und zugängliche öffentliche Dienstleistungen einsetzen.
Echte demokratische Teilhabe, auch für diejenigen, die heute keine Stimme haben, muss auch die Kirchen betreffen.
Es handelt sich um Entscheidungen, die das Evangelium widerspiegeln und gleichzeitig auf die Dringlichkeit reagieren, die Oxfam so treffend zusammenfasst: „Dem Abgrund zu entkommen“ ist keine Option für Idealisten, sondern eine Mindestvoraussetzung für den Erhalt der Demokratie.
„Siehe, ich mache alles neu“: eine Hoffnung, die niemanden freispricht
Die vom Lutherischen Weltbund für 2026 gewählte Jahreslosung – „Siehe, ich mache alles neu“ (Offb 21,5) – ist keine spirituelle Flucht.
Sie wird zu einem konkreten Kriterium: Alles, was einem würdigen Leben für die Mehrheit, Gerechtigkeit und Teilhabe entgegensteht, ist im Sinne des Evangeliums nichts „Neues“, sondern eine Wiederholung alter Herrschaftsformen.
Die lutherische Tradition lädt uns daher dazu ein, Gebet und bürgerliche Verantwortung, die Verkündigung des Evangeliums und das Engagement für gerechtere Strukturen miteinander zu verbinden.
Die Aufgabe ist klar: die Vergötterung des Reichtums entlarven, sich auf die Seite derjenigen stellen, die zurückbleiben, und eine Politik der Gerechtigkeit und alltägliche Praktiken des Teilens unterstützen.
Nicht aus Moralismus, sondern weil der evangelische Glaube in jedem von Ungleichheit gezeichneten Gesicht das Antlitz Christi erkennt.

Neapel: Einführung der neuen Pfarrerin
Am 1. Februar 2026 feierte Neapel die Amtseinführung der neuen lutherischen Pfarrerin Elisa Schneider mit einem Festgottesdienst.
Neapel heißt Elisa Schneider willkommen
Am Sonntag, dem 1. Februar 2026, feierte die Evangelisch-Lutherische Gemeinde von Neapel um 16 Uhr den Einführungsgottesdienst der neuen Pfarrerin Elisa Schneider.

Der Gottesdienst fand in der evangelisch-lutherischen Kirche in der Via Carlo Poerio 5 statt, für die musikalische Gestaltung sorgte der Lutherische Chor unter der Leitung von Carlo Forni. Den Vorsitz hatte der Dekan der ELKI, Pastor Carsten Gerdes.
Im Anschluss an den Gottesdienst waren alle Anwesenden zu einem geselligen Beisammensein im Palazzo Alabardieri (Via Alabardieri 38) eingeladen: eine Gelegenheit, die neue Pfarrerin zu begrüßen, als Gemeinde zusammenzukommen und die Freude über diesen Neuanfang zu teilen.
Eine Rückkehr, die nach Zuhause duftet
Für Elisa Schneider ist die Ankunft in Neapel keine „erste Begegnung“, sondern eine Rückkehr.
Bereits 2018 lebte und arbeitete sie während ihres Auslandsvikariats ein Jahr lang in der lutherischen Gemeinde von Neapel.
Menschen, Gesichter, Geschichten und Begegnungen aus dieser Zeit haben ihren persönlichen und beruflichen Werdegang tief geprägt.
Seit Dezember 2025 wirkt sie als Pfarrerin der Gemeinde von Neapel, zu der auch Bari, Ischia, Capri und andere Orte gehören.
Nun wird dieser neue Abschnitt des Weges offiziell ihrer seelsorgerischen Betreuung, ihrer Predigt und ihrem Zuhören anvertraut.
Eine Biografie, die Orte, Sprachen und Begegnungen vereint
Elisa Schneider wuchs in Deutschland (insbesondere in Baden-Württemberg und Hessen) und Italien auf, was es ihr schon in jungen Jahren ermöglichte, sich zwischen verschiedenen Kulturen und Sprachen zu bewegen.
Sie studierte Evangelische Theologie in Berlin, Wien und Marburg, war anschließend Vikarin in Hanau und dann Pfarrerin in verschiedenen Kontexten: auf dem Land in Nordhessen und in der Stadt Frankfurt am Main.
Diese Vielfalt an Orten und Gemeinschaften lehrte sie, dass Glaube nicht abstrakt existiert, sondern im Dialog, in der Begegnung und im gemeinsamen Suchen. Genau diese Sensibilität bringt sie nun mit nach Neapel: eine Theologie, die den Menschen, ihren Fragen, ihren biografischen und existenziellen Randgebieten Aufmerksamkeit schenkt.
Theologie der Diaspora, Musik und Kunst
Zu den Themen, die ihr besonders am Herzen liegen, zählt Elisa Schneider die „Theologie der Diaspora“: die Reflexion darüber, was es bedeutet, Kirche zu sein, wo man eine Minderheit ist, oft „verstreut“ über große Gebiete, in pluralistischen und säkularisierten Kontexten.
In dieser Hinsicht ist die Erfahrung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Italien (ELKI) ein wertvolles Laboratorium: Gemeinden, die oft klein sind, aber fähig, Beziehungen aufzubauen, Räume zum Zuhören zu schaffen und eine lebendige und dialogorientierte lutherische Tradition zu bewahren.
Neben dem Studium und der Seelsorge ist die Musik – insbesondere der Gesang – eine ihrer großen Leidenschaften.
Die Verbindung zwischen Kirche und Kunst, zwischen Liturgie und ästhetischen Ausdrucksformen, zwischen Evangelium und zeitgenössischer Kreativität ist einer der Schwerpunkte, die die neue Pfarrerin sicherlich auch in der neapolitanischen Gemeinde pflegen wird.
Eine offene Gemeinde: Einladung zur Begegnung
Für Elisa Schneider sollte die lutherische Gemeinde in Neapel ein offener Raum sein:
- für alle, die sich für kulturelle Angebote und die Geschichte der Gemeinde interessieren.
- für alle, die spirituelle Orientierung suchen;
- für alle, die schon lange zur Gemeinde gehören;
- für alle, die gerade erst in die Stadt gekommen sind oder zum ersten Mal eine lutherische Kirche besuchen.
„Unsere Gemeinde“, schreibt sie, „ist ein offener Ort für Austausch und Begegnung, Orientierung und Gebet. Sie sind herzlich willkommen – mit ihren Fragen, Ideen und Geschichten.“
Der Einsetzungsgottesdienst am 1. Februar sollte genau das sein: eine Einladung zur Begegnung, ein Zeichen des Vertrauens in die Zukunft und in das Versprechen, dass der Heilige Geist weiterhin Ämter, Berufungen und Gemeinden hervorbringt, die in der Lage sind, in den Städten von heute dem Evangelium zu dienen.

Paul Gerhardt: Vom Vertrauen singen in Krisenzeiten
Questa è una introduzione
Ein Dichter jenseits der Krisen
Paul Gerhardt hat seine Lieder nicht in ruhigen Zeiten geschrieben.
Sein Leben war geprägt vom Dreißigjährigen Krieg, tödlichen Pestepidemien und innerprotestantischen Streitigkeiten.
Das siebzehnte Jahrhundert, in dem er lebte, war nicht das Jahrhundert der beschaulichen Salons, sondern ein entstelltes Europa: verwüstete Landschaften, entvölkerte Städte, Gemeinschaften, die durch „religiöse“ Konflikte gespalten wurden, bei denen es oft viel mehr um Macht als um das Evangelium ging.
Vor diesem Hintergrund entstanden Verse wie „Nun laßt uns gehn und treten, mit Singen und mit Beten
zum Herrn, der unserm Leben
bis hierher Kraft gegeben”.
Oder das berühmte Passionslied „O Haupt voll Blut und Wunden”.
Nicht Parolen wohlmeinender Gefühle, sondern Akte des spirituellen Widerstands.
Im Jahr 2026, 350 Jahre nach seinem Tod in Lübben, soll an Paul Gerhardt erinnert werden: Die sogenannte „Paul-Gerhardt-Stadt” und viele andere deutsche Städte bereiten ein Gedenkjahr mit zahlreichen Veranstaltungen vor.
Es ist nicht nur Nostalgie: Es ist die Gelegenheit, diese in einer Zeit des Zusammenbruchs entstandenen Texte neu zu lesen und uns zu fragen, ob sie uns angesichts unserer heutigen Fragilität etwas zu sagen haben.
Worte aus Wunden entstanden
Rund 140 Kirchenlieder sind überliefert: Dazu gehören„Befiehl du deine Wege“, „Nun ruhen alle Wälder“ und viele andere.
Jahrhundertelang kursierten diese Verse in den Gemeinden, lange bevor sie in die Hände von Bach gelangten.
Der Leipziger Kantor verarbeitete sie in seinen Passionen und im Weihnachtsoratorium und erkannte in diesen Worten ein theologisches und poetisches Gefüge, das die Tiefe seiner Musik tragen konnte.
Was bei Gerhardt auffällt, ist die Mischung aus Realismus und Zuversicht.
Gerhardt leugnet den Schmerz nicht, er tut ihn nicht als vorübergehende Phase ab, die schnell überwunden werden muss: Krieg, Trauer und Krankheit sind Teil seiner persönlichen und pastoralen Erfahrung.
Doch innerhalb dieser Szenarien enden die Lieder nicht in Klage, sie verfallen weder in Verzweiflung noch in Angst!
Sie öffnen sich Gottes Verheißung, einem Vertrauen, das nicht psychologische Sicherheit, sondern radikale Hingabe ist.
Aus diesem Grund sprechen viele seiner Verse auch heute noch „mitten ins Herz“, wie ein Artikel der EKD zum Gedenkjahr unterstreicht.
Nicht weil sie eine einfache Sprache verwenden, sondern weil sie zwei Dinge miteinander verbinden, die wir oft zu sehr trennen: Klarheit angesichts der Trümmer der Welt und die Hartnäckigkeit der Hoffnung.
Natur, Schöpfung und Freude: nicht Ästhetik, sondern Theologie
„Narcissus und die Tulipan, die ziehen sich viel schöner an als Salomonis Seide“: Gerhardts Blumenbilder sind nicht nur Dekoration.
In einer Zeit, die von weitverbreitetem Tod geprägt ist, wird der Blick auf die Schönheit der Natur zu einer konkreten Möglichkeit, zu verkünden, dass die Welt nicht dem Chaos überlassen ist.
In seinem Blick auf die Schöpfung finden wir eine typisch lutherische Intuition: Gott lässt sich nicht nur im Außergewöhnlichen begegnen, sondern auch im Alltag auf den Feldern, in den Gärten, in den Jahreszeiten.
Die Aufmerksamkeit für Pflanzen – Tulpen, Narzissen, Rosen, Lilien, Ölbaum, Weinrebe und Weizen – ist keine Folklore: Es ist Liturgie, die in die Erde eindringt, Theologie, die lernt, den Blick über die Trümmer hinaus zu heben.
Deshalb lautet die Aufforderung der Kirchen in Deutschland, „Paul-Gerhardt-Beete“ anzulegen.
Ein Projekt (#PaulGerhardtBlume), das genau darauf abzielt, die Hoffnung auf ein Wiederaufblühen in dieser Zeit und in dieser Gesellschaft sichtbar und konkret zu machen.
Es ist eine pädagogische Geste: Angesichts der Klimakrise und der Gewalt zerstörerischer Kriege besingt der Glaube die Schönheit der Natur und ist daher auch dazu aufgerufen, sie zu verteidigen und zu bewahren.
Die Blumen von Gerhardt sind kein Mittel, unsere Spiritualität zu unterdrücken, sondern eine Erinnerung an unsere Verantwortung gegenüber der Welt und unseren Mitmenschen.
Innere Konflikte, lutherisches Gewissen
Gerhardts Biografie ist nicht geradlinig. Als ordinierter lutherischer Pfarrer gerät er bald in Konflikt mit den Behörden.
In Berlin wird er aus der Nikolaikirche als Pfarrer entlassen, weil er ein Edikt ablehnt, das den Konflikt zwischen Lutheranern und Calvinisten entschärfen soll.
Dahinter verbirgt sich ein typisches Merkmal der lutherischen Tradition: Das Gewissen ist keine Variable, die aus Gründen der politischen Zweckmäßigkeit manipuliert werden kann.
Gerhardt lässt sich nicht auf einen Kompromiss ein, den er in diesem Moment als ambivalent empfindet, und zahlt einen konkreten Preis für diese Entscheidung.
Es geht nicht darum, die Konfrontation zu befürworten. Es handelt sich auch nicht um Fundamentalismus, sondern um das Bewusstsein, dass jeder Frieden, auch der religiöse, nicht einfach dadurch erreicht werden kann, dass man theologische Differenzen zum Schweigen bringt oder im Namen der öffentlichen Ordnung dazu auffordert, „ein Auge zuzudrücken”.
In einer Zeit, in der auch die Kirchen zwischen politischem Druck, internen Machtkämpfen und öffentlicher Präsenz navigieren müssen, wirft Gerhardts Geschichte eine unbequeme Frage auf: Wie weit kann man Kompromisse eingehen, ohne den Kontakt zum Evangelium zu verlieren?
Ein Erbe, das Konfessionen verbindet
Dass man heute selbst im katholischen Gesangbuch „Gotteslob” einige Lieder von Gerhardt findet, sagt etwas Einfaches, aber Entscheidendes aus: Das in lutherischen Kontexten entstandene spirituelle Erbe gehört nicht mehr nur den evangelischen Kirchen.
Es ist Teil eines größeren Bestands, der konfessionelle und kulturelle Grenzen überschreitet.
Die Entscheidung, im Jahr 2026 mit Festivals, Ausstellungen, Musikwettbewerben und Tagungen an Gerhardt zu erinnern, zeigt, wie seine poetische und biblisch geprägte Sprache weiterhin eine Quelle der Inspiration für die Auseinandersetzung mit Schmerz, Vertrauen und Trost darstellt.
Nicht als Museumsstück, sondern als lebendiges Instrument für Predigt, Liturgie und Seelsorge.
Für die lutherischen Kirchen in Italien ist dieses Erbe nicht abstrakt: Gerhardts Kirchenlieder Paraphrasen, Übersetzungen und Bearbeitungen bereichen weiterhin Gottesdienste, ökumenische Feiern und Momente der Begegnung und Begleitung.
In der täglichen Arbeit der Gemeinden erweist sich seine Fähigkeit, inmitten der Wunden der Geschichte von Gott zu sprechen, als wertvoller Verbündeter.
2026: Nicht nur Feierlichkeiten
Das Jubiläumsprogramm in Deutschland – Konzerte, Konferenzen, Preisverleihungen, Schulinitiativen – würde Gefahr laufen, eine reine „Kulturveranstaltung” zu bleiben, wenn es uns nicht mit einer konkreten Frage zurückließe: Was machen wir heute mit dem geistigen und musikalischen Schatz, den wir erhalten haben?
In einem Europa, das von neuen Kriegen, Polarisierungen und sozialen Spannungen sowie spiritueller Erschöpfung geprägt ist, besteht die Versuchung, immer neue, immer wirkungsvollere Worte zu suchen und jene zu vergessen, die bereits gewaltige Stürme überstanden haben.
Paul Gerhardts Lieder entstanden in einer zerrissenen Welt, die von Spaltungen, auch religiösen, gezeichnet war, und sie antworteten mit etwas sehr Unzeitgemäßem: einem hartnäckigen Vertrauen in Gott, das den Schmerz nicht auslöscht, sondern ihn durchdringt, das nicht das Opfer verherrlicht, sondern das Leben erhält, das nicht vor dem Konflikt flieht, sondern ihn ins Gebet einbringt.
Gerhardt scheint in seinen Schriften, Gedichten und Hymnen die „hartnäckige und entgegengesetzte Richtung” von Fabrizio De André vorwegzunehmen: „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“. Auch – und vielleicht vor allem – wenn alles um uns herum in eine andere Richtung zu gehen scheint.