Macht hoch die Tür, die Tor macht weit - Chiesa Evangelica Luterana in Italia

Macht hoch die Tür, die Tor macht weit

Meistens ist es das erste Lied, das in evangelischen Gottesdiensten am 1. Advent gesungen wird:

Macht hoch die Tür, die Tor macht weit!“

Dabei schließen sich gerade wieder die Türen, weil die sinkenden Temperaturen nicht nur vorweihnachtliche Freude bringen, sondern auch eine neue Welle von Ansteckungen mit dem Corona Virus. Und außerdem schließen sich immer mehr Herzenstüren, weil wir einfach kein Verständnis mehr füreinander aufbringen: Impfbefürworter und Impfverweigerer stehen einander dieser Tage unversöhnlich gegenüber. Ich suche Trost in diesem Lied:

„…ein Heiland aller Welt zugleich“,

ein Heiland nicht nur für die eine, nämlich meine Seite – so schwer der Gedanke auch zu ertragen sein mag,

„der Heil und Leben mit sich bringt“.

Ja, wenn doch die Wunden heilen könnten, die dieses Virus mit sich bringt: einsames Sterben, medizinisches Personal am Limit, psychische und wirtschaftliche Not und dann auch noch die vergiftete Atmosphäre zwischen den Lagern, die Familien- und Freundesbande zerreißt.

Kaum zu glauben, dass der Protestanten beliebtestes Adventslied Anfang des 17. Jahrhunderts, in der Zeit des 30-jährigen Krieges geschrieben wurde. Kaum zu glauben, dass der ostpreußische Dichter Georg Weissel, Pfarrer in Königsberg, das Lied als politisches Kampflied eingesetzt hat:

Ein reicher Königsberger Geschäftsmann hatte nämlich ein Grundstück erworben, über das der Weg vom benachbarten Altenheim zur Kirche verlief. Als der Reiche es einzäunte, versperrte er den Bewohner*innen den Zugang zum Gottesdienst. Dabei sollte doch auch für sie gelten, was der Küster ihm, Weissel, neulich gesagt hatte, als er vor dem Schneesturm in die Kirche floh: „Willkommen im Hause des Herrn! Hier ist jeder in gleicher Weise willkommen, ob Patrizier oder Tagelöhner!“ Das war für Weissel der Anstoß gewesen, dieses Lied zu schreiben.

Nachdem alle Eingaben bei der Stadtverwaltung abgewiesen worden waren, versammelte Weissel den Chor seiner Gemeinde und alle Bewohner*innen des Altenheimes, die noch laufen konnten, vor dem Haus des Geschäftsmannes. Er hielt eine kurze Predigt über die hochmütige Verblendung, mit der viele Menschen dem König aller Könige, dem Kind in der Krippe die Tore ihres Herzens versperrten, so dass er bei ihnen nicht einziehen könne. Er flehte den Reichen an, nicht nur das sichtbare Gartentor zu öffnen, sondern auch das Tor seines Herzens. Dann begann der Chor zu singen: „Macht hoch die Tür…“ Das Lied verfehlte seine Wirkung nicht: Das Tor wurde geöffnet und blieb offen. Der Weg zur Kirche aber wurde fortan “Adventsweg” genannt.

Barmherziger Gott, lass nicht zu, dass wir uns in diesen Wochen der Vorbereitung auf Dein Kommen verschanzen. Lass uns Schlüssel finden, um Türen zu öffnen und „Adventswege“ zu bahnen. Und segne uns, wenn wir sie beschreiten. Das bitten wir in Jesu Namen.
Amen.

Pfarrerin Elisabeth Kruse, Genua