Wort zum Monat November 2021 - Chiesa Evangelica Luterana in Italia

Wort zum Monat November 2021

Es ist November.

Nun beginnen die Tage, die die grauen, die dunklen genannt werden. Die Tage werden kürzer, Nebel und Regenwolken verhängen zusätzlich den Blick auf die Sonne und hinzu kommen noch die Gedenktage, die unseren Blick auf Verstorbene und den Tod lenken. Erinnerungen an Menschen, an gemeinsame Momente, die wir verloren haben, machen sich stärker als sonst in uns breit. Davor kann ich nicht fliehen, dieser Kraft kann ich mich nur schwer entziehen.

„Wir Menschen sind im Vergleich zu Vögeln und vielen anderen Tieren farbenblind.“ So lautet die Überschrift zu einem Artikel, der beschreibt, dass viele Tiere weit mehr Farben sehen können als wir Menschen. Wie wunderbar, denke ich zunächst, wie toll muss das sein. Doch zum Ende des Artikels erfahre ich, dass wir Menschen diese Farberlebnisse der anderen Lebewesen nie werden nachvollziehen können. Wir können leider nicht die Welt aus den Augen eines Kolibris wahrnehmen. Dafür aber können wir mit anderen Sinnen so viel aufnehmen, was unsere Welt, unser Leben „bunter“ macht: – meine Nase nimmt den Duft von etwas Frischgebackenem wahr – meine Zunge spürt den Geschmack eines wunderbaren Essens – meine Haut ertastet die Nähe eines anderen – und meine Ohren hören Worte, die mir guttun:

Und nun spricht der HERR, der dich geschaffen hat: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!  (Jesaja 43,1)

P.S. Und so bestieg ich Ende Oktober den Monte Morissolo und als die letzten grauen Felsen bezwungen waren, erblickten meine Augen die buschige Buche, deren Blätter in gelbbraunen Schattierungen leuchteten vor blauen Himmel und weißen Wolkenschleiern. Reicht eigentlich, das Farbspektrum unserer Augen.

Carsten Gerdes, Pfarrer der Gemeinde Ispra-Varese