Wort zum Monat September - Chiesa Evangelica Luterana in Italia

Wort zum Monat September

Ihr sät viel und bringt wenig ein; ihr esst und werdet doch nicht satt; ihr trinkt und bleibt doch durstig; ihr kleidet euch, und keinem wird warm; und wer Geld verdient, der legt’s in einen löchrigen Beutel. (Haggai 1,6)

Es passiert immer öfter: Viele Dinge, die früher lange hielten, gehen immer schneller kaputt. Und ich komme in eine Diskussion mit meinen Kindern, die nicht verstehen, warum ich mich so darüber aufrege. Aber es ist wahr, es gab eine Zeit, da wurden Waschmaschinen, Fernseher, Handys, Computer und vieles anderes mit anderem Qualitätsstandart produziert. Es kommt mir oft vor, als ob ich mein Geld in einen löchrigen Beutel lege und es rinnt nur so heraus. Meine Kinder verstehen das nicht, sie kennen es nicht anders, die Dinge sind doch nicht gemacht, damit sie lange halten! Und wir haben rausgefunden, dass es sogar ein neues Wort dafür gibt: geplante Obsoleszenz. Das klingt schon bedrohlich, bedrückend, nichts Gutes verheißend.

Was bedeutet geplante Obsoleszenz?

Die Dinge sollen nach einer gewissen Zeit kaputtgehen. Ihr Verfallsdatum ist sozusagen bewusst eingebaut, damit sie nicht allzu lange halten. Ein Weg also, um die Wirtschaft am Laufen zu halten, in einer Gesellschaft, die auf Wachstum setzt. Geplante Obsoleszenz beschleunigt den Kreislauf des Geldes. Zugleich macht sie Dinge bewusst wertloser als nötig.
Und das zieht sich durch viele Bereiche des Lebens. Die Mode wechselt häufiger als früher; was ich heute kaufe, ist im kommenden Jahr schon wieder out; etwas Neues muss her. Kleider werden, kaum getragen, in den Altkleidersack gestopft. Was defekt ist, lässt sich nicht mehr heil machen. Wo früher Schrauben waren, um nachzusehen, was kaputt ist, sind heute Schweißnähte, die einen Blick in das Innere verwehren. Auch lohnen Reparaturen sich oft nicht mehr. Es ist billiger, Neues zu kaufen. Was noch gar nicht so alt ist, wird wertlos und wandert auf den Müll.
Ja, das hält die Wirtschaft am Laufen. Aber zugleich sorgt es für eine gewisse Vergeblichkeit des eigenen Tuns. Was ich herstelle, darf keine Qualität haben, die es langlebig macht. Es soll keine Geschichte mehr entwickeln, die es einem anderen lieb und teuer machen könnte.
So verlieren nicht nur die Dinge an Wert. Ebenso verlieren die, die sie herstellen, an Wertschätzung. Immer schneller und billiger müssen sie produzieren.
Und nebenbei plündern wir auch noch die Erde aus. Als hätten wir davon noch mehrere in der Hinterhand. Was eigentlich für Wachstum und Wohlstand sorgen soll, kommt mir zugleich wie eine Weise vor, in einen löcherigen Beutel zu wirtschaften.
Wann hören wir damit auf? Wann dürfen die Dinge wieder eine Seele haben? Wann zählt die Geschichte, die ich mit einem Gegenstand habe, mehr als die Frage, ob er modern genug ist?
Wann werden wir bereit sein, faire Löhne zu zahlen? Auch das lässt die Dinge lieb und teuer werden. Dass nicht nur ich daran Freude habe, sondern auch die Menschen, die sie hergestellt haben.

Wir befinden uns in der “Zeit der Schöpfung”, die wir am 03. Oktober dieses Jahr mit dem Erntedankfest in unserer Kirche beenden. Und da sind nicht nur der Dank für die Früchte der Ernte, nicht nur der Dank für die „Früchte“ eines ganzen Jahres, sondern auch der Mensch und seine Lebens- und Arbeitswelt Thema. Wir bedenken in diesem Monat auch die Produktionsmechanismen – warum haben unsere Lebensmittel so wenig Nährwert, dass wir essen und doch nicht satt werden? Warum haben unserer Getränke so viel Zucker, dass wir trinken und doch durstig bleiben? Warum wird unsere Kleidung aus Materialien produziert, die weder wärmen im Winter, noch die Luft durchlassen im Sommer? Viele Fragen….

Lasst uns diesen Monat beginnen, aufmerksamer zu werden, was wir essen und trinken, womit wir uns kleiden und wofür wir unser Geld ausgeben.

Ich wünsche uns allen einen aufmerksamen Blick und eine gesegnete Zeit, um an die Schöpfung zu denken, sich um sie zu kümmern und selber umzudenken.

 

Pfarrerin Kirsten Thiele, Neapel –  01.09.2021

Foto di RitaE da Pixabay