Eine Gelegenheit zur Versöhnung und ein Schaufenster positiver Werte - Chiesa Evangelica Luterana in Italia

Eine Gelegenheit zur Versöhnung und ein Schaufenster positiver Werte

Der Vorschlag einer gemeinsamen Bewerbung um die Ausrichtung der olympischen Spiele 2036 in Berlin und Tel Aviv. Ein Gespräch mit Claudia De Benedetti von der Union Jüdischer Gemeinden in Italien und Heiner Bludau, dem Dekan der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Italien.

 „Es wäre die Gelegenheit für eine Wiederbelebung der jüdischen Kultur 80 Jahre nach den dramatischsten Jahren ihres Bestehens in Europa: Eine neue Zusammenarbeit durch den Sport und die Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern, die wir begrüßen.” So drückt es die aus Turin stammende Claudia De Benedetti aus, die einige Jahre Referentin für Jugend und internationale Beziehungen im Rat der Union der jüdischen Gemeinden in Italien (UCEI) war, und jetzt Mitglied des Schiedsgerichts der Union ist.

Der Vorschlag, dass Berlin und Tel Aviv gemeinsam die Olympischen Spiele 2036 ausrichten, bietet diese Gelegenheit: Ein Jahrhundert zuvor, 1936, war die deutsche Hauptstadt Schauplatz der dramatischsten „ideologischen Propaganda“ der Geschichte. Es waren die Olympischen Spiele Hitlers, die von Leni Riefenstahl (1902-2003), Fotografin, Regisseurin und großartige Organisatorin einer spektakulären Maschinerie, gefilmt wurden, und aus denen sie ihren wichtigsten Film (Olympia) machte. Unbeugsam zensierte sie aber auch jegliches andere Filmmaterial, das dort gedreht wurde (S. Jacomuzzi, Storia delle Olimpiadi, Einaudi, 1976).

Wenn das Internationale Olympische Komitee diesen Vorschlag annimmt, wären die idealen und “wiedergutmachenden” Auswirkungen nicht von der Hand zu weisen. Aber nichts kommt von nichts. Der Sport wurde (und wird auch weiter) von Regimen unterschiedlicher Art und Ausrichtung genutzt, um ihre Ideologien zu stärken. Er ist aber auch ein Mittel, um wichtige und erzieherisch bedeutende Werte zu verbreiten. „Das Berliner Olympiastadion,“ so Frau De Benedetti, „das Bauwerk, das ein Symbol des Nationalsozialismus war, war 2015 Austragungsort der 14. Europäischen Makkabiade, an der 2000 Sportlerinnen und Sportler aus 36 Ländern, darunter auch Italien, teilgenommen haben: Eine vom Organisationskomitee und insbesondere von einigen Enkeln von Holocaust-Überlebenden gewollte symbolische Initiative. Die Bedeutung, die wir der Veranstaltung geben wollten, war, jüdisches Leben an dem Ort stattfinden zu lassen, an dem 1936 den Juden die Teilnahme verweigert worden war – die vorherige Makkabiade (Wien, 2011) und die nachfolgende (Budapest, 2019) gingen in die gleiche Richtung: Es waren die europäischen Gebiete, in denen die Verfolgung der Juden am schlimmsten war“.

 Diese Initiative wird von der europäischen Makkabi-Sportbewegung koordiniert: es gibt aber auch einen Makkabi-Weltverband: “Der europäische Raum ist einer der 5 kontinentalen Verbände der Maccabi World Union. Die Spiele werden alle 4 Jahre im Wechsel organisiert: Einmal weltweit, üblicherweise ein Jahr nach den Olympischen Spielen (in diesem Fall wurde die 21. Makkabiade pandemiebedingt auf 2022 verschoben), und dann zwei Jahren später auf europäischer Ebene. Die weltweite Sportbewegung ist mit insgesamt ca. 450.000 Mitgliedern in 80 Ländern präsent und nutzt als zionistische Organisation den Sport als Mittel zur Verbreitung unserer Werte“. Es gibt auch andere Begleitprojekte … “Es gibt ein weiteres Projekt namens „Marsch des Lebens“, das in Tel Aviv alle Orte vereint, an denen der Nationalsozialismus wütete: Seit 1988 haben etwa 260.000 junge Menschen eine Reise gemacht, die in Auschwitz endet, von wo aus sie über Berlin nach Israel zurückfahren. Es ist somit ein an sich sehr ausgereiftes Projekt, das eine eigene Geschichte und Regelmäßigkeit besitzt: Wenn es mit einem Großereignis wie einer Olympiade verbunden werden könnte, würde es weiter an Bedeutung gewinnen“.

 Zum Vorschlag einer gemeinsam in Berlin und Tel Aviv ausgerichteten Olympiade haben wir auch die Meinung von Heiner Bludau gehört, der Pfarrer in Turin und Dekan der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Italien (ELKI) ist: “Die Idee, die Olympiade im Jahr 2036 mit Bezug auf die Spiele von 1936 zu organisieren, finde ich sehr gut. Ich weiß nicht, wie realistisch diese Idee ist, aber der Gedanke einer deutsch-israelischen Zusammenarbeit für ein solches Projekt fasziniert mich sehr. Und dies vor allem aus zwei Gründen:

Zum einen, weil dadurch der Charakter der olympischen Spiele eine neue Dimension bekommen könnte. Oder besser vielleicht: Die olympischen Spiele könnten mehr als bisher zum ursprünglichen Konzept einer friedenschaffenden Veranstaltung zurückkehren. Die Spiele im Jahr 1936 in Berlin waren Inbegriff nationalistischer Selbstdarstellung des Landes, in dem sie stattgefunden haben. Die damalige nationalsozialistische Regierung hat dieses nationalistische Konzept zu einem einmaligen Höhepunkt gebracht. Aber in einem gewissen Maß werden die Spiele auch heute immer dazu benutzt, das Land, in dem sie stattfinden, in möglichst positiver Weise weltweit zu präsentieren. Eine deutsch-israelische Gestaltung der Olympiade in Erinnerung an die Spiele von 1936 hätte eine ganz andere Ausrichtung. Sie dürfte weder Deutschland noch Israel in den Mittelpunkt stellen, sondern das Bemühen, eine mörderische Vergangenheit partnerschaftlich zu überwinden und zu einem friedlichen Zusammenleben zu gelangen.

Sie haben auch von einer zweiten Motivation gesprochen…

In diesem Zusammenhang sehe ich dann noch einen weiteren bedeutsamen Grund. Bei den olympischen Spielen begegnen sich nicht nur die teilnehmenden Sportlerinnen und Sportler. Sie sind vielmehr Anlass für Begegnungen einer riesigen Anzahl von Menschen weltweit – sei es vor Ort, oder auch über die Medien. Die Bemühungen, den Antisemitismus zu überwinden und die grausame Vergangenheit in dieser Hinsicht nicht zu ignorieren, sondern als Impuls für eine ganz andere Zukunft aufzunehmen, könnten dadurch eine lebendige weltweite Dimension bekommen. Soeben sind jüdische Bauwerke in Deutschland in den Städten Speyer, Worms und Mainz zum kulturellen Welterbe erklärt worden. Das ist eine erfreuliche Tatsache, aber es handelt sich zunächst um nicht mehr als eine dokumentarische Maßnahme. Um zu einer positiven inneren Haltung zu gelangen, brauchen Menschen entsprechende Lebenserfahrungen. Ich persönlich habe solche Erfahrungen als Jugendlicher durch einen Friedensdienst in Israel machen können [ein Jahr Freiwilligendienst (alternativ zum Wehrdienst) im Rahmen der Aktion Sühnezeichen / Friedensdienste, einer Organisation, die junge Menschen in Länder entsendet, die unter dem nationalsozialistischen Deutschland gelitten haben]. Und ich würde mir wünschen, dass viele andere Menschen ähnliche Erfahrungen im Zusammenhang mit einer solchen Olympiade machen, die vielleicht neben dem Sport – aber sicher mit Bezug auf ihn – in Begleitprogrammen Menschen zusammenführt und Grenzen überwindet. Dabei stünde die Überwindung der Grenzen des Antisemitismus und des Nationalismus mit Bezug auf die Spiele von 1936 an erster Stelle, aber auch die vielen anderen Grenzen, die Menschen voneinander trennen könnten von dieser Grundlage her in ganz praktischer Weise relativiert werden.”

29. Juli 2021, Alberto Corsani, www.riforma.it

Foto: Veranstaltung  Makkabiade 2015 in Berlin