Neu gewählte Anne Burghardt: Dialog, ganzheitliche Mission und Depolarisierung - Chiesa Evangelica Luterana in Italia

Neu gewählte Anne Burghardt: Dialog, ganzheitliche Mission und Depolarisierung

Rom (NEV), 22. Juni 2021 – Auf der gestrigen Pressekonferenz wurde die neu gewählte Generalsekretärin des Lutherischen Weltbundes (LWB), die estnische Pfarrerin Anne Burghardt, vorgestellt.

Als erste Frau in diesem Amt beantwortete Pfarrerin Burghardt die Fragen zahlreicher Journalisten aus aller Welt, die über Zoom zugeschaltet waren. Kolleginnen und Kollegen der Medien aus Italien, Deutschland, Finnland, Schweden, Polen, Mexiko, Indonesien und diversen anderen Ländern nahmen an der Online-Pressekonferenz teil.

Die neue Generalsekretärin nutzte die Gelegenheit, um sich vorzustellen und um einige der Themen anzusprechen, für die sich der Lutherische Weltbund im Rat und in den Regionen einsetzt. Dazu gehören: Theologie, ökumenischer Dialog und humanitäre Hilfe.

„Estland gilt als eines der säkularisiertesten Länder der Welt“, begann Pfarrerin Burghardt, die auch einige persönliche Anekdoten wie ihre Taufe als Jugendliche erzählte. Ein bedeutender Moment, der Teil ihres Lebens- und Glaubensweges ist: „Meiner Ansicht nach ist es wichtig, unsere Aufgabe, die Botschaft Christi zu vermitteln, ernst zu nehmen“, sagte Pfarrerin Burghardt. Große Unterstützung, so die neu gewählte Generalsekretärin weiter, erhalte sie auch von ihrem Mann, Arnd Matthias Burghardt, der ebenfalls Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Estland ist, und von ihren „wunderbaren Kindern“.

Theologie, Einheit, Mission und Gerechtigkeit

Ihre Vision stimmt mit der des LWBs überein, es ist die Vision einer Gemeinschaft, die „für eine gerechte, friedliche und versöhnte Welt, die durch die Gnade Gottes befreit ist, lebt und arbeitet“. Auf der Pressekonferenz hob die Pfarrerin die Bedeutung der 4 Säulen des Lutherischen Weltbunds hervor: T. Und dies mit einem Blick auf die neuen ökumenischen Herausforderungen.

„Alle diese Aspekte müssen tragende Aspekte bleiben und in der Gemeinschaft umgesetzt werden. Wir müssen weiterhin in unseren Kirchen und Gemeinden reflektieren“, so Anne Burghardt, „Wir müssen miteinander verbunden sein und dazu beitragen, ein lebendiges Zeugnis in den verschiedenen Umfeldern zu teilen und zu fördern. Unser Beitrag zur Schöpfung, zu Frieden und Gerechtigkeit in unseren Kirchen und in unseren Gesellschaften kann positive Veränderungen bewirken“.

Inspiration und Vernetzung

Auf die Frage, die erste Frau in diesem Amt zu sein, antwortete die Pfarrerin: „Ich fühle mich sehr geehrt, dass meine Erfahrung und mein Beruf anerkannt wurden. Ich weiß, dass es viel bedeutet, dass ich die erste Frau in dieser Position bin, und hoffe, dass meine Wahl die Frauen in allen Gemeinden inspirieren wird“.

Weitere Themen waren die Verkündigung des Evangeliums und die Rolle der Kirchen: „Diakonie und Gebet müssen in einem ausgewogenen Verhältnis zueinanderstehen. Die theologische Arbeit muss die Grundlage aller unserer Tätigkeiten sein, aber wenn wir in der Welt wirklich den Unterschied ausmachen wollen, müssen wir dem Nächsten dienen“.

Was die Vernetzung anbelangt, ist es Pfarrerin Burghardt wichtig, „zugänglichere Materialien zu schaffen, theologische Bildung und Beziehungen zu humanitären Organisationen und lokalen Kirchen aufzubauen, die vor Ort tätig sind“.

Die Beziehungen zur katholischen Kirche

In Bezug auf die Beziehungen zur römisch-katholischen Kirche sagte die neugewählte Generalsekretärin, dass diese für den Lutherischen Weltbund Teil der “Geschichte der Ökumene” seien, und erinnerte an das gemeinsame Gedenken an die Reformation und an andere wichtige ökumenische Etappen, wie den Prozess, der zu der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre (JDDJ) geführt hat.

„Es ist ein ständiger Dialog, ein fortlaufender Prozess, bei dem noch verschiedene Themen auf der Agenda stehen“, betonte Pfarrerin Burghardt und sprach über die im ökumenischen Geist begangenen Feierlichkeiten des Augsburger Bekenntnis zum Beispiel und über die bevorstehenden Ereignisse für das Gedenken an die 500 Jahre nach der Exkommunikation Luthers. „Ich denke, die Beziehung zwischen Katholiken und Lutheranern wird auf einer freundschaftlichen Ebene und im Zeichen der Gegenseitigkeit weitergeführt werden”, sagte sie.

Die „Ganzheitliche Mission“

Wir haben eine „ganzheitliche Mission“, so die Pfarrerin weiter, und legte ihren Fokus dabei auf die Advocacy-Arbeit der weltweiten Lutheraner, auf die Entwicklungs- und humanitäre Hilfe, aber auch auf die Seelsorge. „Denn“, erklärte sie weiter „wir müssen alle Menschen unabhängig von ihrer Religion unterstützen. Auch in psychologischen Krisen. In unserer Zeit müssen die Kirchen allen Menschen dienen“. Im Laufe der Konferenz kamen auch Fragen in Bezug auf Hilfsmaßnahmen für den Corona-Notstand und Solidarität zur Sprache.

Der Dialog mit der orthodoxen Kirche

Beim Dialog mit der orthodoxen Kirche, den Generalsekretärin Burghardt sehr gut kennt, ist der Weg geebnet. Unmittelbar nach der Wahl der neuen Generalsekretärin, so erzählte sie selbst, läuteten die Glocken der nahegelegenen orthodoxen Kirche intensiver: ein Gruß an die neugewählte Pfarrerin.

Depolarisierung und Konfliktlösung in der „Lutherischen Familie“

Dem Konzept der „Depolarisierung“ galt eine besondere Aufmerksamkeit, die sowohl die Arbeit des LWBs mit interreligiösen, sozialen und ökumenischen Einrichtungen als auch den internen Dialog umfasst. „Wir brauchen eine Balance zwischen Autonomie und Verantwortung“, sagte Pfarrerin Burghardt. „Dies gilt für uns ebenso wie für die anglikanischen Kirchen und für die reformierten Kirchen. Gefragt ist der Wille zum Dialog, die Bereitschaft, den Argumenten der verschiedenen Positionen zuzuhören. Wir sind aufgerufen, die Gnade anzuerkennen, die den Brüdern und Schwestern in Christus zuteilwird. Ich denke, dass wir als Lutherischer Weltbund zusammen mit den anderen Kirchen durch die Konsensmethode und andere Methoden, die es zu erschließen gilt, einen großen Beitrag zur Methodik der Konfliktlösung leisten können. Die existenziellen Fragen, die mich als Jugendliche inspiriert haben, sind auch heute noch aktuell, auch im säkularen Kontext. Wenn wir die Herzen der Menschen mit der Gnade Gottes berühren wollen, müssen wir sehen, wo die tiefen Bedürfnisse der Menschen liegen. Der LWB kann erfolgreiche Alternativen anbieten, mit einer Narration über Gottes bedingungslose Liebe und, warum nicht, über die evangelische Botschaft des Wohlstands“.

Die Gefahren der Polarisierung, “die sich beispielsweise bei Themen wie Frauenordination, Ehe und Sexualität zeigen”, so die Generalsekretärin, „können mit der theologischen Bildung überwunden werden. Diese ermöglicht uns die Überwindung der Schwarz-Weiß-Visionen. Insbesondere im lutherischen Kontext können wir mit dem dialektischen Ansatz verschiedene, scheinbar widersprüchliche Visionen zusammenhalten und uns darin üben, unterschiedliche Standpunkte zu integrieren. Dies ist nicht nur wichtig, um die Zusammenarbeit zu stärken, sondern auch für die Bildung künftiger Pfarrgenerationen, die wir mit Online-Kursen und durch die Zusammenarbeit mit theologischen Einrichtungen in den verschiedenen Regionen unterstützen wollen, sodass sie aktiv an der Überwindung von Polarisierungen in der lutherischen Familie beteiligen“.

Übersetzung aus dem Italienischen: KG

Foto: Anne Burghardt, LWB