Dranbleiben und nicht aufgeben - Chiesa Evangelica Luterana in Italia

Dranbleiben und nicht aufgeben

Starke Beteiligung am Webinar des ELKI-Frauenetzwerks

Einundneunzig Frauen wurden 2020 in Italien ermordet, einundachtzig davon im familiären Umfeld. Gegen 31,5 % der Frauen zwischen 16 und 70 Jahren wurde wenigstens einmal Gewalt angewendet. 15 Millionen Mädchen werden weltweit jedes Jahr zwangsverheiratet, zwei Millionen Mädchen zwischen 5 und 15 Jahren zur Prostitution gezwungen. Nur in sechs europäischen Ländern sind Frauen Männern effektiv in allem gleichgestellt: Belgien, Luxemburg, Dänemark, Schweden, Lettland und Frankreich. Vor diesem Hintergrund fand das Webinar des Frauennetzwerks der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Italien am vergangenen 29. Mai statt.

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Der Titel der Veranstaltung, an der rund 50 Personen, darunter ein Mann, teilgenommen haben: „Frauenrechte = Menschenrechte. Der weibliche Blick in Zeiten der Pandemie“ (Diritti delle Donne = Diritti Umani. Lo sguardo femminile in tempi di pandemia ). Referentinnen waren Cristina Rendòn und Gianna Urizio.

Die Nationalreferentin des ELKI-Frauennetzwerks Renate Zwick stellte in ihrer Einleitung erschreckende Zahlen zur Situation von Frauen und Mädchen in den Raum. Wer von Frauenrechten redet, so die Nationalreferentin, müsse immer auch die Kinder im Auge haben, die Frauen von morgen. Sie seien nicht nur zu oft Augenzeugen der Gewalt an ihren Müttern, sondern auch direkt davon betroffen. Frauen dürfen nicht in der Opferrolle verharren, sondern müssen aktiv ihren Beitrag leisten für die Gleichstellung der Frauen heute und damit auch für eine besseren Zukunft der künftigen Generationen. Frauenrechte seien allerdings nicht nur eine Angelegenheit der Frauen. Auch die Männer seien dazu aufgerufen, sich dafür einzusetzen, dass die Menschenrechte auch tatsächlich Menschenrechte und nicht Männerrechte seien. Das Webinar wurde von Maria Antonietta Caggiano, Vizereferentin des Frauennetzwerks, moderiert.

Im Jahr 1993 verabschiedete die UNO die “Erklärung über die Beseitigung der Gewalt gegen Frauen“ und bezeichnete Gewalt gegen Frauen als Geißel der Menschheit. 28 Jahre sind seither vergangen, aber geändert hat sich die Situation der Frauen nicht. Nicht in der Welt und nicht in Italien. Gastrednerin Cristina Rendòn, Kolumbianerin, bis 2019 Verantwortliche des LWB-Programms für Gendergerechtigkeit und Gleichberechtigung der Frau und Mitarbeiterin der Martin Ennals Stiftung für Menschenrechtsverteidiger mit Sitz in Genf und Vizepräsidentin der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Genf, stellte den TeilnehmerInnen des Webinars die im Dezember 1979 verabschiedete und im September 1981 in Kraft getretene „UN-Konvention zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau, CEDAW“ vor.

Bisher haben 189 Staaten die Konvention ratifiziert; Italien gehörte 1985 mit zu den ersten Unterzeichnern. Nicht beigetreten sind der Vatikan, Iran, Somalia, Sudan und die Südseeinseln Niue und Tonga. Die USA und Palau haben unterschrieben, aber noch nicht ratifiziert. Die Konvention sieht vor, dass mindestens alle fünf Jahre eine unabhängige Kommission einen Bericht über die Wahrung bzw. Verstöße gegen die Rechte der Frau erstellt. Die meisten Länder sind mit diesen Berichten stark in Verspätung.

Mit dem Beitritt zur Konvention CEDAW, so Cristina Rendòn verpflichten sich die Staaten: 1) gegen jede direkte (z. B. Gehaltsunterschiede) und indirekte (z. B. Fehlen adäquater Strukturen für Kinderbetreuung oder Arbeitszeiten, die nicht mit Familie vereinbar sind) Benachteiligung der Frauen vorzugehen. 2) die Situation der Frauen de facto und nicht nur durch Gesetzgebung zu verbessern sowie 3) Gendergerechtigkeit zu garantieren.

Laut Cristina Rendòn komme den Kirchen in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle zu: im aktiven Eintreten für die Rechte der Frauen, als Kontroll-Instanz im Überwachen der Einhaltung der Rechte der Frauen und im Aufdecken, wo dies nicht gegeben ist, im konkreten Vorleben der Gendergerechtigkeit, im Unterstützen von Initiativen, zur Förderung der Gleichberechtigung. Als Beispiel führte sie u. a. eine Initiative der Frauenbewegung in Genf an, die eine Kampagne zur Umbenennung von Straßennamen nach Frauen gestartet hat.

Gianna Urizio, seit 40 Jahren Journalistin, ehemalige Chefredakteurin von „Protestantesimo“ und PräsidentinUrizio05-29 alle 16.59.00 des Bundes Evangelischer Frauen in Italien, FDEI, Mitglied des OICIC, Welt Komitees für christliche Kommunikation und Mitbegründerin des Frauenhauses Lisa in Rom, betonte die Bedeutung einer frauengerechten Kommunikation. Frauen, die Großes tun, müssen entsprechend gewürdigt werden, in einer patriarchalen Gesellschaft wie der unseren, sei das allerdings nicht selbstverständlich und dies beginne schon in der Geschichtsschreibung.

Beispiele großer Frauen seien Olympe de Gouge, die zur Zeit der französischen Revolution neben den Menschenrechten vehement für die Rechte der Frau und die Rechte der Bürgerin eintrat (und für ihren Einsatz auf der Guillotine endete) oder Elizabeth Cady Stanton und Lucretia Mott die 1848 in Seneca Falls im Staat New York die erste Zusammenkunft amerikanischer Frauen, die das Problem Frauenrechte zum alleinigen Thema machte, einberufen haben. Ergebnis von Seneca Falls war das Manifest „Declaration of Rights and Sentiments“, das gleiche Rechte für Frauen forderte, u. a. auch das Wahlrecht.

Vieles ist erreicht worden, aber längst nicht genug und jede Krise, die die bestehende Gesellschaft in Gefahr bringe, sei Anlass, die Rechte der Frauen wieder einzugrenzen, wie nicht zuletzt auch die Corona Virus Pandemie gezeigt habe. Die Frauennotrufnummer 1522 habe 2020 80% mehr Anrufe und 71% mehr Chat-Nachrichten bzw. Notrufe erhalten als Im Vorjahr.

Mit neuen Gesetzen allein, so Gianna Urizio und Cristina Rendòn, sei längst nicht genug. Italien zum Beispiel sei insgesamt ein sehr fortschrittliches Land, was Frauen freundliche Gesetzgebung anbelange, aber die schönsten Gesetze nutzen nichts, wenn sie nicht eingehalten bzw. Verstöße dagegen nicht entsprechend geahndet würden. Beide Gastrednerinnen riefen die Frauen dazu auf, nicht müde zu werden, für die Frauen und auch Genderrechte einzutreten. Nur Single-Frauen erreichten heute zumindest annähernd den gleichen Rechtsstatus wie Männer. Frauen mit Kindern nicht.

Der einzige Ausweg für die Frauen aus dieser Situation, sei sich der Situation bewusst zu werden und sich zusammenzuschließen, Netzwerke zu bilden. Gendergerechtigkeit sei letztlich auch eine Befreiung für die Männer von ihrer Rolle als „Vertreter des (angeblich) starken Geschlechts. Eine wichtige und große Aufgabe auch für die Kirchen.

Ein Beispiel für gendergerechte Bibelarbeit gab Pfarrerin Annette Hermann Winter, die das Webinar des Frauennetzwerks mit einer Meditation zu Markus 7,24-30 eröffnete. Die in gendergerechte Sprache übertragene Bibelstelle erzählt eine Episode, in der Jesus eine Griechin und Nichtjüdin, die ihn um Hilfe für ihre kranke Tochter bittet, zunächst sehr schroff abweist: „Lass erst die Kinder (also Israel) satt werden, denn es ist nicht gut, das Brot den Kindern wegzunehmen und es erst den kleinen Hunden vorzuwerfen.“ Auf diese offensichtliche Kränkung antwortet die Griechin: „Ja, ich weiß – aber auch die kleinen Hunde essen die Krümel vom Tisch.“ Jesus ist verblüfft über diese Schlagfertigkeit: „Wegen dieser Antwort geh hin. Der Dämon hat deine Tochter frei gegeben.“ Eine Ermutigung, meint Pfarrerin Hermann-Winter. „Sich nicht abwimmeln lassen von Argumenten. Die Dinge beim Namen nennen. Dranbleiben an den Zielen, die wir haben. Nicht zulassen, dass andere uns kränken und wir deshalb aufgeben… Bleibt dran an dem, was Euch wichtig ist. Und seid gewiss: Gott lässt sich überzeugen”.

Und dies ist auch die Botschaft des Webinars. Einer notwendigen Bestandsaufnahme darf nicht Entmutigung folgen, sondern ein selbstbestimmtes und selbstbewusstes „Jetzt erst recht“. Die Aufgabe der Kirche ist es, an der Seite der Frauen für ihre Rechte einzutreten.

nd
31.05.21

Foto: onuitalia.com