Wir sind eine brückenschlagende Kirche - Chiesa Evangelica Luterana in Italia

Wir sind eine brückenschlagende Kirche

Ökumene: Es gilt nicht gleichzuschalten, sondern die Modi des anderen zu respektieren

Die Zeitschrift „Il Regno“, 1956 als “Zeitschrift für Gedanken und Informationen” von der italienischen Kongregation der Herz-Jesu-Priester Dehonianer in gegründet, ist eine vierzehntägige Informations- und Kulturzeitschrift christlicher Inspiration mit einer weiten Verbreitung im kirchlichen Ambiente und unter katholischen Laien. In den deutschen Ordensprovinzen wird das Ordensmagazin „Dein Reich komme“ herausgegeben. Neben der Darstellung des Pontifikats von Franziskus I. und des Lebens der katholischen Kirche reichen die Themen, die „Il Regno“ aufgreift, von einer akkuraten Analyse des sozialen und politischen Lebens in Italien und der Rolle der Katholiken sowie anderer Kirchen und Kulturen über einen besonderen Blick auf Judentum und Islam und die Situation im Nahen Osten bis hin zu pastoralen Fragen in den verschiedenen Kontinenten. Besonderes Interesse gilt dem Thema der Ökumene. In der neuesten Ausgabe von “Il Regno – Attualità, 10/2021” ist ein Interview von Laura Caffagnini mit dem Dekan der ELKI, Heiner Bludau, veröffentlicht, das wir nachstehend im Wortlaut veröffentlichen.

Interview mit Dekan Heiner Bludau

(Il Regno) Vom 29. April bis 1. Mai fand die zweite Tagung der XXIII. lutherischen Synode der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Italien (CELI) online statt. Die ELKI wurde 1949 gegründet und ist Mitglied des Lutherischen Weltbundes (LWB). Im Zentrum der Synode unter dem Titel “Kontinuität, Wandel, Zukunft – Barmherzigkeit als Verantwortung der Kirche” standen Debatten um die Themen Digitalisierung, Gendergerechtigkeit, Jugend, Umwelt und Diakonie. Ein Gespräch mit dem Dekan der ELKI, Pfarrer Heiner Bludau.

Wie haben Sie diese erste digitale Synode erlebt?

Es war natürlich traurig und auch einschränkend, sich nicht in Anwesenheit begegnen zu können, aber ich habe trotzdem auch durchaus positive Aspekte wahrgenommen: die Teilnahme so vieler Gäste und Entscheidungen, die das Ergebnis von weitreichenden Debatten waren. Meine Erwartungen sind übertroffen worden!

Wie haben Sie die Pandemie erlebt und erleben Sie sie noch?

Auf nationaler Ebene hat das Konsistorium immer online getagt. In Turin halten wir bereits seit Pfingsten 2020 wieder Gottesdienste in Präsenz ab. Es ist interessant, dass die Anzahl der Teilnehmer gestiegen ist nach der Wiederaufnahme. Vielleicht liegt es auch daran, dass wir den Ort und die Zeit gewechselt haben: wir sind nun in einer Kirche der Dompfarrei, im Zentrum Turins, und wir feiern sonntags um 11 Uhr und nicht mehr wie vorher am Abend. Andere Gemeinden der ELKI halten nach wie vor Gottesdienste nur online oder bieten gemischte Formen an. In Mailand haben die Mitglieder des Kirchenvorstandes den Kontakt zu den Gemeindegliedern über regelmäßige Telefonate gehalten. In Turin hat meine Frau Annette regelmäßig “Lichtstrahlen“ an unsere Gemeindeglieder verschickt und verschickt sie immer noch, Mails mit spirituellen Inhalten.

Wie erleben Sie die Tatsache, eine Minderheitenkirche in Italien zu sein?

Wir sind zwar eine sehr kleine Kirche, aber wir fühlen uns als gleichwertig anerkannt. Wir vertreten das Luthertum in Italien. Auch in diesem Zusammenhang empfand ich die Synode als ausgesprochen positiv. Es waren sowohl Vertreter der katholischen Kirche – Bischof Ambrogio Spreafico – als auch der anderen Kirchen anwesend: der Präsident des Bundes der Evangelischen Kirchen in Italien (FCEI) Luca Negro, die Moderatorin des Waldensertisches, Alessandra Trotta und andere, die durch ihre digitale Anwesenheit ihre Wertschätzung für uns zum Ausdruck brachten. Die Teilnahme von Pastor Martin Junge, Generalsekretär des Lutherischen Weltbundes, dem wir angehören, war ebenfalls sehr bedeutsam.

Unter den evangelischen Kirchen in Italien sind wir aus meiner Sicht der katholischen Kirche am nächsten; in gewissem Sinne üben wir eine Art Brückenfunktion aus. In Turin sind wir als Gemeinde zu Gast in in einer katholischen Kirche und wir laden auch Katholiken und Mitglieder anderer protestantischer Kirche zu unseren Gottesdiensten ein. Natürlich gibt es auch Treffen, die von anderen Protestanten während der Gebetswoche für die Einheit der Kirche organisiert werden, aber oft sind wir es, die die Initiative ergreifen.

Zwanzig Jahre nach der Charta oecumenica

Welche Beziehungen haben Sie zu anderen evangelischen Kirchen?

Wir sind Mitglied der FCEI, zu der wir gute Beziehungen haben und mit der wir zusammenarbeiten. Heute Morgen traf ich mich mit den Pastoren der Waldenser, der Baptisten und der Freien Gemeinde für den Himmelfahrtsgottesdienst, den wir am kommenden Donnerstag (21.05.2021, das Interview wurde einige Tage vorher gemacht, Anm. d. Red.) gemeinsam in Turin feiern werden.

Was sind die Schwierigkeiten einer autonomen Kirche, die über keine in Italien ausgebildete Pfarrschaft verfügt?

Es ist nicht immer einfach, Seelsorger zu finden. Diejenigen, die aus Deutschland kommen, sind auf Deutsch ausgebildet und müssen dann Italienisch lernen und sprechen. Vor siebzig Jahren wurde die ELKI als ein Zusammenschluss von neun deutschsprachigen Gemeinden geboren; später machte die Anwesenheit einer größeren Anzahl von Italienern uns plural. In den Gemeinden Neapel und Triest herrscht zum Beispiel mittlerweile die italienische Sprache vor.

In Turin bin ich der erste ortsansässige Seelsorger. Von Anfang an haben wir gesagt, dass wir keine deutsche, sondern eine lutherische Gemeinde sein wollen. Wir werden auch von Schweden und Dänen besucht. Im Kirchenvorstand gibt es einen Italiener. Als ELKI haben wir einen Vertrag mit der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), der die Berufung von Pfarrern für eine Dauer von sechs bis neun Jahren vorsieht. Ich bin 2010 von der EKD entsandt worden, und nachdem ich Dekan geworden bin, kann ich insgesamt zwölf Jahre bleiben. Aber nicht alle deutschen Pfarrerinnen und Pfarrer sind von der EKD entsandt. Wir als ELKI schreiben auch von Zeit zu Zeit Stellen aus. Unsere Vizedekanin, Kirsten Thiele, ist Deutsche und lebt seit vielen Jahren in Italien. Wir haben auch einen Pfarrer, der aus Slowenien kommt, in der Gemeinde von Triest. Und wir sind auf der Suche nach italienischen Pastoren, wollen ihre Zahl erhöhen.

Wie interpretieren Sie den Titel der Synode?

Es ist ein Titel, der mir sehr gut gefallen hat. Als Kirche gehen wir immer von unserer Basis, dem Evangelium – Kontinuität – aus und reflektieren es, um es in der Gegenwart – Veränderung – und in Richtung Zukunft zu leben. Im Zentrum steht die Barmherzigkeit, die, wie ich meine, nicht nur Diakonie, sondern authentische Beziehungen zwischen Menschen impliziert. Barmherzigkeit ist nicht nur unsere Einstellung, sondern sie ist ein Geschenk, das wir von Gott erhalten und zu dessen Weitergabe wir aufgerufen sind.

In welchen Bereichen entwickelt sich Ihre Diakonie?

Wir haben nationale Projekte, aber das Zentrum unserer Diakonie wird in den Gemeinden gelebt, denen wir einen Großteil des Steuerfonds 8xMille zukommen lassen, damit sie sich vor Ort für die Bedürftigen einsetzen. Dies scheint mir eine effektive Art zu sein, Barmherzigkeit zu verwirklichen. Keine anonymen Projekte, sondern ein direkter Austausch mit Menschen in Schwierigkeiten. In Bozen, auf Sizilien und in Rom unterstützen wir Flüchtlinge. In Turin kümmern wir uns zusammen mit der Baptistengemeinde um in Armut geratene Menschen. Im Rahmen eines Diakonie-Netzwerks nehmen wir uns der Leidtragenden des Dublin III Abkommens an, die nach Italien abgeschoben werden.

Was waren die wichtigsten Beschlüsse der Synode?

Eine wichtige Entscheidung betraf die Genehmigung einer interaktiven, digitalen Plattform zur Entwicklung von Kontakten. Wir haben 15 Gemeinden, die über ganz Italien verstreut sind, in vielen Regionen sind wir gar nicht präsent. Eine Plattform bietet die Möglichkeit, dass Menschen uns kennenlernen, das Luthertum und zumindest virtuell mit uns in Kontakt treten können. Es ist ein komplexes Projekt, das von einem Pfarrer oder einer Pfarrerin betreut werden muss, der/die den Inhalt liefert, und auch eines Experten bedarf, der sich um die technischen Aspekte kümmert. Ich habe darauf bestanden, dieses Projekt nicht “digitale Kirche” zu nennen, weil es keine Kirche ist, sondern ein Werkzeug, um uns zu erreichen. Unser Hauptaugenmerk wird nach wie vor auf der persönlichen Begegnung in Präsenz liegen, darauf lege ich Wert.

Dieses Thema steht für uns im Zusammenhang mit der Kontinuität: Die Erklärung beginnt mit einem Zitat aus Galater 3:28, wo Paulus die Gleichheit der Menschen erklärt. Diese Aussage muss in der Gegenwart verwirklicht werden. Die Kommission, die sich mit dem Thema befasst hat, ist einer Einladung des Lutherischen Weltbundes gefolgt und hat ein langes Dokument erstellt, in dem sie die Gemeinden auffordert, darüber nachzudenken, wie sie die Gleichstellung der Geschlechter nicht nur innerhalb der Gemeinde, sondern auch in der Gesellschaft erreichen können.

Was sind die primären Verpflichtungen der Erklärung?

Zunächst das Engagement gegen Gewalt an Frauen und dann auch zu einer inklusiven Sprache, was seinen Grund hat: Sprache ist die Grundlage des Denkens, daher ist es wichtig, darüber nachzudenken, wie wir sprechen. Es geht nicht darum, eine neue Sprache zu schaffen, sondern sich bewusst zu werden, was wir durch unsere Sprache ausdrücken und vermitteln.

Die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigung aus dem Glauben im Jahr 1999 und die ökumenische Feier zum 500. Jahrestag der Reformation waren Schritte auf dem Weg zur Einheit. Was halten Sie von der Eucharistischen Gastfreundschaft, nicht zuletzt handelt es sich dabei um eine der Verpflichtungen, die in der Charta oecumenica von 2001 festgehalten sind und gefordert werden?

Persönlich ist mir diese Frage sehr wichtig, aber ich denke, es ist nicht hilfreich, sie in den Mittelpunkt der ökumenischen Debatte zu stellen. Es ist wichtiger, weiterhin das (religiöse) Leben gemeinsam fortzusetzen. Das Teilen der Eucharistie ist in der katholischen Kirche ein Problem, ebenso wie in der orthodoxen Kirche. Ich lade immer alle Getauften zur Heiligen Kommunion ein. Und wer sich nicht in der Lage sieht, ein evangelisches Abendmahl zu empfangen, den lade ich ein, einen Segen zu empfangen.

Abendmahl: vom “Ungehorsam” zu einer gemeinsamen Vereinbarung

Wird das Miteinander eher durch theologischen Austausch verwirklicht oder durch diese Praxis vonseiten der Basis, gelebte eucharistische Gastfreundschaft, die Sie selbst auch als Akt des Ungehorsams definiert haben?

Ich persönlich finde eucharistische Gastfreundschaft schön und nehme gerne daran teil. Ich habe sie aus der Sicht der Teilnehmenden als einen Akt des Ungehorsams bezeichnet, weil sie nicht immer den Regeln der katholischen Kirche entspricht. Diesen Schritt in die Tat umzusetzen, erscheint mir als eine unbedeutende Missachtung der bestehenden Vorschriften, die jeder mit seinem Gewissen ausmacht und die ich unterstützen kann. Aber um zu einer wirklichen Lösung zu kommen, muss es eine klare Übereinstimmung zwischen den Kirchen geben und nicht nur zwischen einzelnen Gruppen innerhalb dieser Kirchen. Manchmal habe ich den Eindruck, dass zu viel Druck ausgeübt wird. Die katholische Kirche muss meiner Meinung nach autonom selbst über diesen Schritt entscheiden. Ich als Vertreter der lutherischen Kirche möchte keinen Druck ausüben, aber ich bin bereit für ein Zusammenleben in der Ökumene.

Was ist Ihrer Meinung nach auf diesem Weg der größte Knackpunkt?

Ich denke, es ist die Konzeption des Priestertums. Das bedauere ich, aber hier muss eine Lösung gefunden werden, die auf gegenseitiger Akzeptanz aufbaut. Man kann nicht einfach sagen, „der andere liegt falsch“. Ich lade die katholische und die orthodoxe Kirche ein, eine Lösung zu finden, um diesen gemeinsamen Weg weiterzugehen, die Ökumene ist schließlich auch ihnen ein wichtiges Anliegen.

Vielleicht ist der Glaube an das Prinzip der “versöhnten Verschiedenheit” noch nicht groß genug?

 Ich bin davon überzeugt, dass die Einheit der Kirchen nur auf dem Prinzip der „versöhnten Verschiedenheit“ bzw. der „Vielfalt in der Einheit“ beruhen kann. Die katholische Kirche hat sieben Sakramente, wir haben nur zwei. Es ist wichtig für den Glauben, nach den Prinzipien der eigenen Tradition zu leben, aber es ist ebenso wichtig, zu akzeptieren, dass es andere Traditionen und andere Ekklesiologien gibt. Man muss nicht alles gleichschalten, es geht vielmehr darum, die Modi der anderen respektieren. Dies scheint mir der wichtigste Punkt der Ökumene zu sein.

 Welche Verpflichtungen, die in der Charta oecumenica eingegangen wurden, sind für Sie grundlegend?

Grundlegend für mich ist die Verpflichtung, gemeinsam zu leben, zu beten, das Evangelium zu verkünden und Projekte der Diakonie zugunsten der Welt zu teilen. Die Charta oecumenica ist in unserer Satzung enthalten und die ökumenische Diakonie wurde 2016 in Lund betont. Im Juni wird der Lutherische Weltbund gemeinsam mit dem Vatikan der Exkommunikation Luthers in Rom gedenken. Sich gemeinsam an dieses Ereignis zu erinnern, scheint mir ein schönes Beispiel dafür zu sein, aufeinander zuzugehen.

Wie leben Sie Ihre Erfahrung als Pastor in Italien?

In den elf Jahren, die ich mittlerweile in Italien, in Turin lebe, ist meine christliche und konfessionelle Erfahrung gestärkt worden. Als ich Deutschland verließ, bin ich davon ausgegangen, dass ich in einer Art Ghetto leben würde. Stattdessen habe ich die Ökumene so intensiv praktiziert wie nur selten zuvor: nicht nur durch Veranstaltungen, sondern vor allem auch durch Begegnungen mit vielen Menschen. In Italien sind die protestantischen Kirchen eine Minderheit, die auf großes Interesse stößt. Die Leute möchten wissen, was es bedeutet, lutherisch zu sein, wie ich den lutherischen Glauben lebe. Es ist eine sehr schöne Erfahrung von versöhnter Vielfalt. In Turin nehme ich zu Ostern und Weihnachten immer an der katholischen Messe teil: das ist eine meinen Glauben inspirierende Erfahrung. Deshalb bin ich davon überzeugt, dass unterschiedliche Traditionen helfen können, die Einheit zu verwirklichen.

Originaltext Laura Caffagnini, aus: Il Regno – Attualità, 10/2021, Seiten 317-318

Übersetzung aus dem Italienischen: nd – 26.05.2021