Aufeinander zugehen statt Abgrenzen - Chiesa Evangelica Luterana in Italia

Aufeinander zugehen statt Abgrenzen

Pfingstbotschaft des Dekans der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Italien, Heiner Bludau

Was Christen aller Konfessionen am 50. Tag nach Ostern feiern, ist seit dem 3. Jahrhundert nach Weihnachten und Ostern das dritte Hochfest des Christentums. Fünfzig Tage – Pentecoste – Pfingsten. Tatsächlich gab es diesen Festtag schon im Judentum. Das Erntedankfest „Schawuot“ oder bei den griechischstämmigen Juden „pentekosté“, 50 Tage nach Pessach, das den Auszug aus Ägypten feiert. Ein Pilgerfest. Deshalb auch waren die verwaisten Jünger Jesu in einem Haus in Jerusalem versammelt. An Pfingsten geht der Auftrag der Verkündung an die Jünger über. Die Gemeinschaft stärkt sie. Pfingsten ist damit ein Geburtstagsfest, der Geburtstag der Kirche. Die Geschichte geht weiter; sie beginnt neu. An Pfingsten werden aus den Jüngern Christen. Der Dekan der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Italien, Heiner Bludau, stellt in seiner Pfingstbotschaft einen aktuellen Bezug her zwischen der Pfingstgeschichte aus dem zweiten Kapitel der Apostelgeschichte und dem Turmbau zu Babel aus der Genesis.

Dekan Heiner Bludau:

Die Geschichte vom Turmbau zu Babel ist in diesem Jahr der Predigttext an Pfingsten in unserer Kirche. Während die Pfingstgeschichte im zweiten Kapitel der Apostelgeschichte  davon berichtet, dass durch die Gabe des Heiligen Geistes Menschen verschiedener Nationen und Sprachen die Botschaft der Apostel verstehen und auf diese Weise trotz aller Unterschiede zusammenfinden können, erzählt der Turmbau zu Babel in Genesis 11 das Gegenteil: Menschen, die eine gemeinsame Sprache sprechen, wollen einen Turm bauen „dessen Spitze bis an den Himmel reicht“, um „sich einen Namen zu machen“. Gott urteilt darüber mit den Worten: „Dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zur tun.“ (11,6) Und er „verwirrt“ ihre Sprache, sodass keiner mehr den anderen versteht.

Man kann dies einerseits als biblische Interpretation der weltweiten Sprachenvielfalt verstehen. Näher aber liegt es meines Erachtens, darin aktuelle Phänomene wiederzuerkennen. Auch heute tun sich Menschen zusammen „um sich einen Namen zu machen“ und treten unter diesem Namen auf, um bestimmte Interessen durchzusetzen. Dabei kann es sich um nationale oder sogar internationale Ideologien handeln. Aber auch in Bezug auf relativ kleine Strukturen kann das zutreffen, wobei in der Gegenwart Internetplattformen eine wichtige Rolle spielen: Menschen suchen nach Gleichgesinnten, um mit ihnen eine Gruppe zu bilden. Für die Realisierung von geplanten Zielen ist das durchaus notwendig. Wenn dabei aber das Gespräch mit Andersdenkenden und die Frage nach der Wahrheit ausgeblendet werden, und sich nur an der gemeinsame Sprache orientiert wird, die dadurch entsteht, dass die Mitglieder der Gruppe sich mit bestimmten Begriffen identifizieren, dann führt dieser Weg in Richtung Konfrontation und Suche nach Überlegenheit. Die Gruppe lebt dann davon, sich von anderen abzugrenzen, anstatt sich mit ihnen auseinanderzusetzen.

Das Pfingstfest lädt uns vor diesem Hintergrund ein, aufeinander zuzugehen. Auch Kirchen neigen manchmal dazu, durch Abgrenzung und eine eigene Sprache Stärke zu gewinnen, „sich einen Namen zu machen“, um Ziele umzusetzen. Demgegenüber lädt uns die Pfingstgeschichte ein, sich nicht an dem zu orientieren, was uns von anderen unterscheidet, sondern an dem, was unser Mittelpunkt ist: Der Glaube an Jesus Christus. Die daraus entstehende Bereitschaft, sowohl die Begegnung mit Menschen zu suchen, die diesen Glauben nicht teilen, als auch die Verbindung mit jenen, die ihn in anderer Art leben, schafft eine Gemeinschaft unter allen Menschen. Eine Gemeinschaft, die nicht eine uniformierte Einheit zur Voraussetzung hat, sondern die Unterschiede – nicht nur in der Sprache – respektiert. Jesus Christus selbst lädt uns dazu ein und der Heilige Geist gibt uns die Kraft dazu.

Der Dekan der Evangelisch-Lutherischen Kirche, Heiner Bludau

21.05.2021