Auf Lampedusa stirbt Europa! - Chiesa Evangelica Luterana in Italia

Auf Lampedusa stirbt Europa!

Dringlicher Aufruf von Mediterranean Hope an Geschwisterkirchen und Partner

Lampedusa ist Europa und auf Lampedusa stirbt Europa”. Mediterranean Hope, das Migranten- und Flüchtlingsprogramm des Bundes der Evangelischen Kirchen in Italien, FCEI, hat sich in einem Brief an die evangelischen Kirchen der verschiedenen EU-Länder und die Institutionen gewandt, mit denen die Organisation auf dem gesamten Kontinent zusammenarbeitet. Unterzeichnet ist er von Pastor Luca Maria Negro, Präsident der FCEI und dem Koordinator von Mediterranean Hope, Paolo Naso.

 

“Liebe Brüder und Schwestern,

In diesen Stunden müssen wir mitanschauen, wie Europa auf Lampedusa stirbt, auf der kleinen Mittelmeerinsel, auf der innerhalb weniger Tage über 2.000 Migranten und Flüchtlinge angekommen sind. Sicher, das ist nichts Neues; es ist nicht das erste Mal! Ebenso wenig wie das, was uns an der Anlegestelle, wo wir die Ankömmlinge in Empfang nahmen und ihnen erste Hilfestellungen leisteten, erwartete: Viele dieser Menschen waren verletzt, trugen sichtbare Zeichen von Misshandlungen. Es gab schwangere Frauen, einige Menschen konnten nicht stehen. Viele Kinder waren unter ihnen. Einige weinten um Angehörige, die ihr Leben verloren hatten, bei dem Versuch, ein Meer zu überqueren, das ihnen statt Hoffnung und Erlösung, Verzweiflung und Tod brachte.

Einige von Ihnen, die jetzt lesen, haben uns in der Vergangenheit auf Lampedusa besucht und sie werden sich an den begrenzten Platz an der Anlegestelle erinnern: Stellen Sie sich Hunderte von Menschen dort vor, zusammengepfercht, stundenlang, ohne Schatten, ohne Toiletten, moralisch und physisch zerstört. Unser Team, viele Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes und andere Freiwillige haben großartige Arbeit geleistet, jeder hat versucht, auf das Beste zu helfen, in einer Situation, die durch die Pandemie noch komplizierter geworden ist. Jetzt sind die Migranten im sogenannten Hot Spot untergebracht und viele von ihnen schlafen ohne Bett und ohne Kissen.

Wo ist Europa in diesem Bild? Sie werden sich erinnern, dass wir bei vielen Gelegenheiten Kritik und Besorgnis über die Strategie und Haltung der italienischen Regierung geäußert haben, gerade in Bezug auf die Aufnahme- und Asylverfahren. Heute halten wir es für unsere Pflicht, an die europäischen Institutionen und Partner zu appellieren. Auch wenn wir Gefahr laufen, trivial zu klingen, es muss gesagt werden: Auch Lampedusa ist Europa! Die Flüchtlinge im Hotspot sind nicht italienisch, sondern europäisch, sind kein italienisches, sondern ein europäisches Anliegen und sie sind eine Herausforderung für die europäische Politik und Moral. Wir wissen, dass dies nicht nur für Lampedusa gilt, sondern auch für Lesbos und andere Orte. Aber die Tatsache, dass es mehrere und nicht nur eine Tragödie gibt, mindert nicht die Auswirkungen oder das Gewicht einer einzelnen Tragödie.

Wir sind uns gewiss, dass Sie unser Anliegen teilen und Sie haben dies auch in vielerlei Hinsicht durch konkrete Solidarität mit unserer Tätigkeit bekundet. Im Geiste unseres gemeinsamen Glaubens bitten wir Sie: Treten Sie vor Ihre Regierungen, fordern Sie mit Nachdruck „ein Handeln für Lampedusa”. Es gibt viele Maßnahmen, die ergriffen werden können, um Migranten zu helfen: Die Öffnung humanitärer Korridore, wie es die italienische, französische, belgische und deutsche Kirche in Zusammenarbeit mit ihren Regierungen bereits getan haben; eine Erhöhung der nationalen Quoten für die Neuansiedlung im Rahmen des Globalen Pakts der Vereinten Nationen für Flüchtlinge und der Drei-Jahres-Strategie für Resettlement  und Aufnahmeprogramme in Drittländern; die Minderung des Drucks auf Italien und andere stärker exponierte Ländern, Zugang zu humanitären Programmen in Drittländern; die Unterstützung eines organischen EU-Aktionsplans, der die globale Migration nicht als einmaligen Notfall, sondern als normalen und langfristigen Prozess betrachtet, der Strategien der Zusammenarbeit, Integration und sozialen Eingliederung erfordert.

Als Kirchenverantwortliche haben Sie die moralische Autorität, ein humanitäres Thema einzufordern, auch wenn es politisch umstritten ist. Unser Handeln begründet sich aus der christlichen Botschaft der Liebe, des Mitgefühls und der Gerechtigkeit, die wir mit den wenigen Mitteln, die uns zur Verfügung stehen, auf dem Anlegeplatz von Lampedusa zu bezeugen versuchen.

Möge Gott Sie, Ihre Kirchen und ökumenischen Gremien und unsere Schwestern und Brüder auf dem Mittelmeer segnen”.

 

Luca Maria Negro, Paolo Naso, NEV, 12.05.2021

Übersetzung: nd