Hast Du deinen Nächsten genug geliebt? - Chiesa Evangelica Luterana in Italia

Hast Du deinen Nächsten genug geliebt?

PRESSEMITTEILUNG
2. Sitzung der XXIII. Synode der ELKI
04.- 01. 05. 2021
„Bestand, Wandel, Zukunft – Die Barmherzigkeit als Verantwortung der Kirche“
Gastvortrag von Martin Junge, Generalsekretär des LWB
Barmherzigkeit ist ein zutiefst spirituelles, evangelisches Anliegen
Menschenrechte sind wichtigste kulturgeschichtliche Entwicklung des 20. Jh.
Pandemie stellt herkömmliches Koordinatensystem und Freiheitsbegriff in Frage
Sich rechtzeitig erwehren gegen Intoleranz und Gewalt
Verbundenheit zur kleinen Kirche in der Diaspora

Die Synode der ELKI mutete ihm fast wie ein Stück Zuhause an. Seine Heimatkirche in Chile ist ebenfalls klein und in einer Situation der Diaspora. Pastor Martin Lange, Generalsekretär des Lutherischen Weltbundes hat die Einladung zur Synode der ELKI gerne angenommen, zumal ihm das Thema „Bestand, Wandel, Zukunft – Die Barmherzigkeit als Verantwortung der Kirche“ ein theologisches und auch persönliches Anliegen sind. Barmherzigkeit ist für Junge der Gegenpol von Vielem, was heute die Welt – negativ – bewegt: Intoleranz, Gewalt, Missachtung der Menschenrechte, Migration, soziale Ungerechtigkeit, Wertekrise…

Hast Du Deinen Nächsten genug geliebt? Es wird diese Frage sein, so Junge, der sich nicht nur jeder Einzelne von uns, sondern auch die Kirchen am letzten aller Tage werden stellen müssen. Welche Rolle spielt Barmherzigkeit im Leben und Zeugnis der Kirchen? Christi am Kreuz, so Junge, ist ein Akt der Barmherzigkeit. Barmherzigkeit nicht verstanden „im paternalistischen, herablassenden Sinn, von oben, wie eine Münze, die man achtlos im Vorbeigehen zuwirft ohne hinzuschauen“. Barmherzigkeit ist vielmehr das Sich-Begegnen auf Augenhöhe. Barmherzigkeit, evangelische Barmherzigkeit ist auf Gerechtigkeit gepolt, auf Frieden und Versöhnung.

Barmherzigkeit hat für Junge auch mit Leidenschaft zu tun, ist ein konkretes Beispiel für theologisches Gespür, für Nächstenliebe. Ausdruck findet das zum Beispiel in der Diakonie und in Flüchtlingsarbeit, und hier „steht die Arbeit der ELKI in wunderbarem Einklang mit unserer globalen Arbeit; sie tun hier in Italien, was sie zusammen mit den 148 Mitgliedskirchen des LWB in der Welt tun.“

Zum Themenbereich Bestand, Wandel und Zukunft stellt Junge fest, dass Idee, Vision und Wertesystem Europas auf dem Prüfstand stehen. Dinge, die bisher selbstverständlich schienen, sind ins Wanken gekommen: Solidarität, Demokratie, Rechtstaat, Menschenrechte, Pressefreiheit…»Was bis vor kurzem in der Welt angeprangert wurde, ist plötzlich ein hausinternes Problem. Es ist unerträglich still geworden um die Menschenrechte; eine fatale Entwicklung!» Und nun kommt auch noch der globale Notstand der Pandemie hinzu. «In solchen Zeiten», so der Generalsekretär des LWB, «braucht es verlässliche Fundamente, ein Koordinatensystem, das der zunehmenden Entfremdung entgegenwirken kann.» Auch die Kirche kann sich dieser Entwicklung nicht entziehen. Populismus und Verklärung der Vergangenheit, so Junge, sind auch ein innerkirchliches Problem. «Es wächst der Wunsch, komplexe Zusammenhänge zu vereinfachen, schwarz oder weiß zu malen.»

Was soll noch gelten? Was passiert gerade? Wohin wird das alles führen? Es gilt, so Junge, eine Balance zu finden. Und hier hilft der christliche Glaube, der teleologisch ausgerichtet ist: „Er lebt von der Kraft der Verheißungen, von der Hoffnung auf die Dinge, die Gott noch tun, und die Gott uns noch schenken wird.“ Und deshalb gelte es sich auf die Zukunft auszurichten. Junge: „Die Zukunft der Kirche liegt nicht in ihrer Vergangenheit. Der Anspruch, heute in der Gestalt Kirche sein zu wollen, wie man gestern Kirche gewesen ist, wird fehlschlagen.»

Gendergerechtigkeit, ein Thema, das nicht nur die ELKI bei ihrer Synode beschäftigen wird, sondern gerade auch in der italienischen Politik ein sehr aktuelles Thema ist, ist auch dem LWB und Junge ein großes Anliegen. «Unterschiede und Kategorien, in die Menschen neigen zu unterscheiden, sind aus Gottes Warte gegenstandslos, wenn nicht sogar seinem in Christus erfolgten Handeln widerläufig» Bei der Diskussion dieses Themas im kirchlichen Bereich, ist laut Pastor Martin Junge, die biblische und theologische Grundlage äußerst wichtig: Weder Grieche noch Jude, sagt Paulus, weder Sklave noch freier Mensch, weder Frau noch Mann, sondern eins in Christus (Gal 3:28).

Von der Gendergerechtigkeit spannt der Generalsekretär des LWB den Bogen zur Ökumene. «Die einsetzende Versöhnung unter uns erfüllt ihren tiefsten theologischen Sinn, wenn sie zum Zeugnis von Gottes Verheissung wird, dass alle Menschen das Leben finden, ein Leben in Fülle.» Der Gebetsgottesdienst und die Erklärung im Jahre 2016 waren ein wichtiger Schritt, dem auch eine gemeinsame Verpflichtung zur globalen Zusammenarbeit von Caritas Internationalis und dem LWB-Weltdienst in Malmö folgte. Ein weiterer Schritt, so Junge, bleibe allerdings noch zu tun: «Die Frage des Abendmahls ist eine offene Wunde, ein Widerspruch, aus dem wir herausfinden müssen.»

Zum Abschluss seines Vortrages, dem auch eine angeregte Diskussion folgte, sprach der Generalsekretär des Lutherischen Weltbundes der ELKI seine Anerkennung aus: «Wir sind dankbar für die Evangelisch-Lutherische Kirche in Italien, für ihr Zeugnis, ihre Mitarbeit und ihr Engagement für den Lutherischen Weltbund. Eine kleine Minderheitskirche in Italien. Doch was sollen schon Zahlen aussagen? Nicht Mitgliederzahlen machen eine Kirche gross, sondern ihre Berufung, Gottes Versöhnungswerk in unserer Welt zu bezeugen.»

nd
30.04.2021

Foto di falco da Pixabay