Zu sehr auf Covid fokussiert - Chiesa Evangelica Luterana in Italia

Zu sehr auf Covid fokussiert

Synodalpräsident Wolfgang Prader über Kirche und gesellschaftliche Verantwortung
Zunächst Vizepräsident und seit Oktober 2020 Präsident der Synode der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Italien. Wolfgang Prader, wie sein Vorgänger Georg Schedereit gebürtiger Südtiroler und damit von Kindesbeinen an zweisprachig, erwartet sich von der 2. Sitzung der XXIII. Synode wichtige Impulse für die Zukunft. Covid, so Prader, hat das Sichtfeld zu sehr eingrenzt, es ist an der Zeit, sich wieder der Themen anzunehmen, die von größter Bedeutung für die Zukunft sind, wie z. B. Umwelt oder die soziale Ungerechtigkeit.

Ist es ein Unterschied, eine Synode als Vizepräsident mit zu planen bzw. für sie als Präsident voll verantwortlich zu sein?

Wolfgang Prader: Ja, irgendwie schon! Auch wenn wir sehr eng und äußerst konstruktiv im Team zusammengearbeitet haben, aber die letzte Entscheidung liegt bei mir, und das ändert schon etwas!

Sind Sie ein Entscheidungsmensch?

Wolfgang Prader: Sagen wir so: Wenn ich eine Entscheidung treffe, dann stehe ich dazu. Ich entscheide aber nie vorschnell und bin sicher in erster Linie ein Teamworker, ich höre mir erst alle Stimmen an. Was ich nicht tue, ist, mich auf etwas zu versteifen, ich wäge grundsätzlich ab.

Im Vergleich zu den letzten Synoden, was war bei dieser ersten als Synodalpräsident die größte Schwierigkeit?

Wolfgang Prader: Wir hatten nur ein einziges Mal Gelegenheit uns persönlich auszutauschen, bei der ersten Konsistoriums-Sitzung gleich nach unserer Wahl. Danach lief alles nur über digitale Formate, Telefon, Email, Zoom, Teams… Das war von der Planung her sehr mühselig. Ein Gespräch ist eben doch anders, ist spontaner, setzt andere Gedankengänge in Gang, lässt mehr Spielraum… Digitale Treffen sind dafür außerordentlich effizient, aber die Gespräche nebenher, die außerordentlich bereichernd sind, die fallen weg.

Sie sind ja ein IT-Experte…

Wolfgang Prader: Ja natürlich. Und wir werden mit Sicherheit viele digitale Formate, die wir jetzt ausprobiert haben und die sich bewährt haben, auch in Zukunft einsetzen. Die Pandemie hat in dieser Hinsicht vieles vereinfacht und beschleunigt. Wir hoffen zwar, dass es unsere erste und einzige Online-Synode wird, aber es gibt ja auch positive Nebeneffekte. Zum Beispiel Zeitersparnis für Gäste, die von zuhause teilnehmen können, die Gelegenheit für alle Kirchenmitglieder, in die Synode hineinzuschauen. Vielleicht können wir in Zukunft ein hybrides Modell weiterführen, eine Präsenzsynode mit teilweiser Liveübertragung zum Beispiel.

Normalerweise hätten Sie ja viel mehr unterwegs sein müssen, in diesen sechs Monaten. Als Botschafter der ELKI sozusagen…

 Wolfgang Prader: Das stimmt. Und auch das ist ein Aspekt, der dieses erste halbe Jahr etwas überschattet hat. Wir hatten ein digitales Treffen mit den Waldensern. Wir haben an der Konferenz der Gemeindepräsidenten teilgenommen. Die nächste Versammlung der Konferenz der Europäischen Kirchen, KEK im Juni wird vermutlich ebenfalls online abgehalten. Und es ist auch noch nicht absehbar, wie es im Sommer und Herbst weitergehen wird.

Eine Synode unterliegt immer dem Anspruch der zukunftsweisenden Entscheidungen. Welche Herausforderungen sehen Sie im Augenblick?

Wolfgang Prader: Vielleicht das: Im Augenblick ist alles, wirklich alles auf Corona fokussiert. Zu sehr. Es gilt, wieder andere Themen in den Mittelpunkt zu rücken. Auch wenn Corona sehr einschränkend und sehr allumfassend ist, es gibt ebenso Dringendes, wenn nicht noch Dringenderes: Umwelt und die nachhaltige Entwicklung, ich denke hier an die Agenda 2030. Das ist eine der großen Herausforderungen unserer Zeit, die uns im Kollektiv, aber auch jeden, wirklich jeden einzelnen von uns betrifft und fordert! Es gibt das Thema der sozialen Gerechtigkeit, das durch die Pandemie noch gravierender geworden ist. Die soziale Schere klafft global, aber auch in unserer unmittelbaren Nähe immer weiter auseinander. Das Thema Zugang zur Bildung. Auch hier hat Corona die Situation vieler Familien, viel Kinder und Jugendlicher noch verschärft. Das Thema Gesundheit und Zugang zu medizinischer Betreuung. Ich sehe hier überall eine sehr große persönliche Verantwortung und eine sehr große Verantwortung der Kirche(n), unserer Kirche.

Hat die Kirche durch die Pandemie eine andere Rolle eingenommen?

Wolfgang Prader: Ich würde es anders sagen. Durch die Pandemie ist uns die Rolle der Kirche vielleicht bewusster geworden. In Bezug auf die Aufgaben der Kirche in Seelsorge und in der Gesellschaft. Wenn der Aspekt der Gemeinschaft wegfällt und Kirche digital gelebt wird und digital bespielt werden muss, passieren zwei Dinge: Zum einen merkt man, das etwas fehlt, was uns vorher als selbstverständlich galt. Zum anderen haben wir feststellen können, dass Kirche auch ein gesellschaftlich wichtiger Aspekt ist und dass auch Kirche in unterschiedlichen Formaten gelebt werden kann und gelebt werden muss!

Was erwarten Sie sich konkret von dieser Synode?

Wolfgang Prader: Ich erwarte mir, dass aus dem Dialog der sechs Arbeitsgruppen – in kleinerem virtuellem Umfeld – Entscheidungen zustande kommen, die den Weg der ELKI in die Zukunft bestimmen. Alle Themen sind wichtig und fordern konkrete Antworten für die Tätigkeit der Gemeinden: Umwelt, Gendergerechtigkeit, Diakonie, Jugendarbeit, Corona-Bewältigung und Digitalisierung.

Das Thema Gendergerechtigkeit ist in evangelischen Kreisen nicht unumstritten. Wie sieht es innerhalb der ELKI aus?

Wolfgang Prader: Wir setzen uns ohne Berührungsängste, offen und vorurteilsfrei damit auseinander. Wir haben das Thema in alle Gemeinden gebracht und alle mit einbezogen. Die Kommission hat ausgezeichnete Vorarbeit geleistet, aus der das gemeinsame Statement entstanden ist, von dem ich mir erwarte, dass es verabschiedet wird.

Die eucharistische Gastfreundschaft wird gerade in Deutschland sehr kontrovers diskutiert. Auf der Synode der ELKI ist das kein Thema?

Wolfgang Prader: Bei uns ist das kein Thema, jedenfalls kein Konfliktthema, weder für die Theologen noch für die Gemeinden. Wir halten uns an die Vereinbarung von Lund: bei uns sind grundsätzlich alle Getauften eingeladen.

Wo sehen Sie unmittelbaren Handlungsbedarf?

Wolfgang Prader: Wir müssen unsere Gemeinden und was sie leisten stärker in der Öffentlichkeit präsentieren und nach außen tragen, auch über digitale Plattformen. Mehr Sichtbarkeit ist eine Voraussetzung, um weiter zu wachsen.

nd

28.04.21