Barmherzigkeit im Mittelpunkt allen Handelns - Chiesa Evangelica Luterana in Italia

Barmherzigkeit im Mittelpunkt allen Handelns

ELKI-Dekan Heiner Bludau: Jesus Ruf folgen, auch wenn der Weg nicht sicher ist
Heiner Bludau ist seit sieben Jahren Dekan der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Italien. Mit der 2. Sitzung der XXIII. Synode beginnt sein letztes Jahr, als Dekan und in Italien. Für ihn hat der Titel der Synode, Bestand, Wandel und Zukunft – Die Barmherzigkeit als Verantwortung der Kirche, eine ganz besondere tiefe theologische Bedeutung. Barmherzigkeit als Ausdruck allen christlichen Handelns, aus der Wahrnehmung – und der daraus folgenden Akzeptanz – des anderen heraus.

 Es fehlen nur mehr wenige Tage bis zur Synode, der ersten Online Synode der ELKI. Wie fühlen Sie sich?

Heiner Bludau: Ich muss zugeben, immer nur am Schreibtisch sitzen, die meisten Kontakte auf den Bildschirm oder das Telefon beschränkt – und jetzt auch noch die Synode in dieser Modalität – das belastet mich schon. Es handelt sich zudem um meine vorletzte Synode. Eigentlich sollte ich bereits ab Februar 2022 in Pension gehen, aber ich hoffe, eventuell auch ehrenamtlich, auf jeden Fall noch bis zum Sommer 2022 verbleiben zu können.

Die 2. Sitzung der XXIII. Synode hat einen starken Titel: Bestand, Wandel, Zukunft: Die Barmherzigkeit als Verantwortung der Kirche. Ein Titel, der auf die Gesellschaft weist, aber auch sehr theologisch bestimmt ist?

Heiner Bludau: Nach 15 Monaten Pandemie ist es in meinen Augen sehr wichtig, eine Bestandsaufnahme zu machen. Wo stehen wir? Wo gehen wir hin? Vielleicht auch: Wer sind wir (geworden)? In dieser extremen Situation menschlichen Lebens, hat sich das Verhältnis zu uns selbst, zu den anderen geändert, mitunter auch von Grund auf. Viele Menschen stehen unter starkem Stress. Viele finden sich in von Grund auf veränderten Lebenssituationen wieder. Dies gilt es wahrzunehmen.

Und da kommt die Barmherzigkeit ins Spiel?

Heiner Bludau: Genau. Barmherzigkeit ist ja weit mehr als nur die diakonische, finanzielle Unterstützung bedürftiger Mitmenschen. Barmherzigkeit heißt, den Mitmenschen als ganze Person wahrzunehmen. Offen zu sein, alle anderen Menschen als ganze Person wahrzunehmen! Als Kirche sind wir eine Institution, die offen ist zur Gesellschaft, aber die einen eigenen Mittelpunkt hat. Für alle Impulse, die wir geben, ist diese Mitte wichtig. Sie wirkt sich auf alle Bereiche aus, selbstverständlich auch auf jene, die wir während der Synode in den Arbeitsgruppen vertiefen werden: Gendergerechtigkeit, Umwelt, Diakonie, die Bewältigung von Corona, Jugendarbeit und Digitalisierung. Barmherzigkeit ist ein Kriterium, das überall wichtig ist.

In Bezug auf die Frage der Gendergerechtigkeit und das Dokument über die Position der ELKI, das die Synode verabschieden soll, vielleicht in ganz besonderem Maße?

Heiner Bludau: Das stimmt. Bei der Genderfrage ist es wichtig, auf das kirchliche Zusammenleben zu achten, ebenso wie auf die Gesellschaft. Die Gleichheit aller Menschen ist für uns aus dem Glauben heraus selbstverständlich. Ich nehme den anderen wahr wie er ist! Ich bin sehr froh, dass dieses Thema vor der Synode auch in alle Gemeinden gegangen ist, die alle die Möglichkeiten hatten, sich in das Dokument miteinzubringen.

Und Barmherzigkeit in Bezug auf die Umwelt?

Heiner Bludau: Das ist noch einmal anders: Wer Gott als Schöpfer sieht, hat andere Grundlagen, einen anderen Ansatz als diejenigen, die in der Evolution nur ein Zufallsprodukt sehen. Unsere Beiträge kommen aus unserer Mitte, aus der Verantwortung für den anderen und für die Schöpfung. Und das ist wieder Barmherzigkeit.

Sind Sie zuversichtlich, dass trotz Online-Format das Gespräch in Gang kommt und Ergebnisse erzielt werden?

 Heiner Bludau: Das Gespräch ist die Grundlage unseres Handelns. Die Pandemie hat hier zweierlei bewirkt: Zu einem eine große Schwierigkeit, das persönliche Gespräch fortzuführen. Zum anderen, gibt aber auch positive Aspekte. So sind z. wir Pfarrer und auch die Gemeinde-Präsidenten durch Corona und die Möglichkeit der Online-Sitzungen, mehr ins Gespräch gekommen als vorher. Das ist gut so und das wird bleiben. Aber ich habe dennoch Bedenken, dass das digitale Format das persönliche Element ausblendet. Und dabei ist das ist wichtig. Wir sind eine Kirche und kein Unternehmen. Eine Synode ist immer Anlass zur sehr offen geführten Debatte, zur kritischen Auseinandersetzung, zum Kritikäußern…Ich hoffe sehr, dass dies möglich sein wird.

Mit dem LWB-General Sekretär Martin Junge hat die ELKI einen ganz besonderen Ehrengast…

Heiner Bludau: Zustande gekommen ist diese Einladung und seine Zusage, weil wir auf weltweiter Ebene im Zusammenhang mit den 500 Jahrfeiern zur Exkommunizierung Luthers zusammenarbeiten. Ich habe das als sehr positiv empfunden, dass der LWB sich in Bezug auf den geplanten Festakt mit dem Vatikan, ausdrücklich an uns als Ortskirche gewandt hat. Sogar die nächste Ratssitzung hätte in Rom stattfinden sollen; jetzt wird sie allerdings digital abgehalten. Auch hier sehe ich wieder die Barmherzigkeit im Sinne der gegenseitigen Wahrnehmung. Ich denke mir, dass sein Vortrag sehr hilfreich für uns sein wird, beim Nachdenken über Bestand, Wandel und Zukunft.

Mit der Synode beginnt Ihr letztes Jahr. Nicht nur als Dekan, auch als Pfarrer Ihrer Gemeinde Turin und in Italien. Ist das schon Anlass für einen Rückblick?

Heiner Bludau: Ja, ich bin seit sieben Jahren Dekan und bin im Sommer elf Jahre in Italien in der kleinen, damals neugegründeten Gemeinde Turin. Ich muss sagen, dass diese elf Jahre aufregender waren, als alles, was ich bisher in meinem Berufsleben erlebt habe. Ich bin gerne in Italien und ich bin sehr mit der ELKI verbunden. Kirche war immer wichtig für mich, aber emotional habe ich mich noch nie so verbunden gefühlt, wie mit dieser kleinen Diasporakirche. Hier sind Dinge möglich, die andernorts anders laufen. Die Zusammenarbeit ist enger, das persönliche Engagement stärker. Ich hätte mir früher auch nie eine leitende Funktion in der Kirche vorstellen können. Aber natürlich, beurteilen müssen das andere. Ich habe versucht, mich dieser Herausforderung mit all meinen Kräften zu stellen. Ich bin mit mir im Einklang. Ich habe mich immer wieder des biblischen Bildes besonnen, das ich bei meiner Wahl vor Augen hatte, und aus dem ich lebe: Jesus geht über das Wasser und Petrus sagt zu ihm, Herr, rufe mich und ich werde Dir folgen… Auf einem Weg, der manchmal überhaupt nicht erkennbar ist und nicht begehbar zu sein scheint, der aber Schritt für Schritt im Schauen auf Jesus entsteht. Und selbst wer einsinkt, ist nicht verloren…

 

27.04.2021

nd