Den Schmerz fließen lassen - Chiesa Evangelica Luterana in Italia

Den Schmerz fließen lassen

Passionsschritte | Karsamstag | Vierzgster Tag
Vierzig Tage Passionszeit. Quadragesima. Vierzig Tage, um das Leiden Christi zu begleiten und sich auf das Hoffnungslicht des Auferstehungstages vorzubereiten. Vierzig Schritte. Martin Luther interpretierte diese Zeit vor allem als einen inneren Weg. Nicht als eine Zeit des flüchtigen Verzichts, als Fastenzeit, sondern vielmehr als eine Zeit des Innehaltens, des Bewusstwerdens und der Besinnung. Eine Zeit der Annäherung. Schritt für Schritt. Die Pfarrerinnen und Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Kirche begleiten diese vierzig Tage mit kurzen Meditationsanregungen.
 Sabine Kluger, Pfarrerin der Evangelisch-Lutherischen Gemeinde Sizilien

Er ist der HERR, unser Gott, er richtet in aller Welt. (Psalm 105,7)

Christus hat gelitten, ein für alle Mal um der Sünden willen, der Gerechte für die Ungerechten, damit er euch zu Gott führe. (1. Petrus 3,18)

Ein Arm, ausgestreckt in einen Kirchenraum in Tropea, in den Fingern fest umschlossen das Kruzifix. Die weithin sichtbare Hand, die aus dem Ärmel der schwarzen Soutane ragt, stilisiert den Priester.

Ich sehe ihn vor mir, wie er auf der Kanzel steht und seiner Gemeinde eindrücklich vor Augen hält: Schaut her! Seht ihr ihn, Jesus, den Gekreuzigten? ER ist der Herr, unser Gott!

Ein Kunstwerk der besonderen Art.

Heute ist Karsamstag. Der letzte der Kar- und Trauertage in der Karwoche.
Es ist nicht Ostersamstag, wie man immer wieder hören kann. Als ob da gleich nach dem Tode Jesu am Karfreitag die Auferstehung käme.
Davor schiebt sich noch etwas anderes.
Jesus ist tot. Er liegt im Grab. Er ist nicht mehr da.
Es ist kaum auszuhalten.
Mein Gott, der im Grabe liegt. Das ist noch schlimmer, als wenn ich einem geliebten Menschen ins Grab schauen muss.
Wenn er, der in göttlicher Gestalt war, im Tode ist – stirbt mit ihm nicht auch alle Hoffnung?
Die Hoffnung, die ich habe für mich und für die, die ich liebe. Und für die Welt.
Die Hoffnung, dass der Tod zwar das Ende des irdischen Lebens, nicht aber das Ende der Liebe ist.
Die Hoffnung, dass einmal alles gut wird.
Angst schnürt mir die Kehle zu. Ich will ihn nicht zulassen, diesen Schmerz.
Und der im Grabe liegt – ich kann ihn nicht mehr hören.
Leere. Ganz viel Schwarz. Verzweiflung. Abwehr. Kampf.
Für ihn ist das Leiden zu Ende, doch in mir tobt es.
Irgendwann habe ich keine Kraft mehr, mich zu wehren. Zusammengesunken in mich selbst, gebe ich auf.
Ich spüre nichts mehr. Lange Zeit. Als ich wieder zu mir komme, überfällt mich der Schmerz von Neuem. Aber ich bin zu müde, um ihm noch etwas entgegenzusetzen.
Es wird still in meinem Innern. Ich spüre, wie Trauer sich auf mein Herz legt. Seltsam. Sie ist nicht so anstrengend, wie es der Kampf zuvor gewesen ist.
Was in mir zusammengeballt war, beginnt sich zu lösen. Tränen füllen meine Augen. Der Schmerz kommt ins Fließen. Das Leben hat mich wieder.

Es gibt ein Morgen.

ER ist der Herr, unser Gott, er rettet in aller Welt.

 

Foto: Sabine Kluger