Denken als Medizin und Fastenübung - Chiesa Evangelica Luterana in Italia

Denken als Medizin und Fastenübung

Passionsschritte | Neunzehnter Tag

Vierzig Tage Passionszeit. Quadragesima. Vierzig Tage, um das Leiden Christi zu begleiten und sich auf das Hoffnungslicht des Auferstehungstages vorzubereiten. Vierzig Schritte. Martin Luther interpretierte diese Zeit vor allem als einen inneren Weg. Nicht als eine Zeit des flüchtigen Verzichts, als Fastenzeit, sondern vielmehr als eine Zeit des Innehaltens, des Bewusstwerdens und der Besinnung. Eine Zeit der Annäherung. Schritt für Schritt. Die Pfarrerinnen und Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Kirche begleiten diese vierzig Tage mit kurzen Meditationsanregungen.

Georg Reider, Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Gemeinde Verona

In der Fastenzeit 2021 will das „Sieben Wochen ohne….. Programm“ der EKD sich einmal ganz anders präsentieren: Verzichte und Einschränkungen haben die Menschen in dieser Zeit ja genug, deshalb muss die Fastenzeit nicht auch noch mit dem Zeigefinger auftreten und Verzichtsvorschläge aufstellen.

Wenn ich also mit dem Motto der diesjährigen „Sieben Wochen… ohne“ etwas spielen darf, würde ich sagen, Fastenzeit darf dieses Jahr ein Spielraum ohne Blockaden sein oder werden; dass wir in der Fastenzeit etwas tun, was für uns gut ist und was uns langfristig guttut, ist eh der innere Sinn der Fastenzeit.

Vielleicht klingt es im Bereich der Kirchen und der Religionen immer etwa wie: „Ich soll etwas tun oder lassen, weil das zu dieser Zeit gehört.“ Das ist zu wenig: es geht nicht um Verzicht um des Verzichtes Willen, es geht nicht darum, bestimmte Sachen zu tun oder zu lassen, weil es eine Empfehlung ist, sondern weil es uns weiterbringt.

Vor einigen Jahren bin ich auf ein interessantes Buch gestoßen: „Bei Sokrates auf der Couch. Philosophie als Medizin für die Seele“. Der englische Originaltitel ist noch viel spannender und provozierender: „Platon, nicht Prozac“; Prozac ist ein verbreitetes Antidepressivum.

Der Autor Lou Marinoff geht davon aus, dass das tiefe Denken über das Leben oder das Denken über die Tiefe des Lebens, den Menschen gesund und glücklich macht. „Den echten Seelenfrieden finden wir durch philosophische Betrachtung, nicht durch medizinische Behandlung: Kontemplation, statt Medikation“, schreibt er. Marinoff hat eine Schule für praktische Philosophie gegründet und offensichtlich erkannt, dass denken, bei etwas verweilen, etwas vertiefen, Menschen hilft und heilt.

Nachdenken als eine heilsame, gesundmachende Übung; das regt mich sehr an, da kann ich mitmachen.

Ich verstehe dies dann so, dass Fasten und Fastenzeit uns darauf hinweisen, dass wir nicht immer nur von dem leben (sollen), was wir dem Leben zuführen (Essen, Trinken, Unterhaltung, Beziehungen), sondern dass wir die inneren Quellen und Reserven als Ressourcen entdecken, und dazu ist denken ein Schlüssel im wahrsten Sinn des Wortes.

Denken… ,nachdenken…, vertiefen…, sich Zeit lassen, um Dinge, Menschen und uns selber zu verstehen, ist nicht nur eine Aufgabe, sondern eine Gabe, eine besondere Fähigkeit, die uns von innen her aufrichtet und gesund macht.

Theologie, Seelsorge, Glaube haben doch fundamental damit zu tun über Menschen, Ereignisse, Probleme und Krisen nachzudenken; sich Zeit zu lassen, sie zu verstehen und oft verständlich zu machen.

Denken als Training, als Übung, das gut in die Fastenzeit passt – nicht nur in die Fastenzeit.

Fotodi M P da Pixabay