Wort zum Tag - Chiesa Evangelica Luterana in Italia

Wort zum Tag

7. März 2021 | Der liebevolle Blick

Psalm 119, 18: Öffne mir die Augen, dass ich sehe die Wunder an deinem Gesetz.

Offenbarung 3, 18: Ich rate dir, dass du Augensalbe [kaufst], deine Augen zu salben, damit du sehen mögest.

Es gibt für uns alle kaum Selbstverständlicheres als zu sehen. Weil es so normal und alltäglich ist, stellen wir es nur infrage, wenn es aus irgendeinem Grund nicht geht, nicht funktioniert – wenn wir nicht sehen, hören, atmen oder gehen können… Kaum geht es wieder, wird es selbstverständlich.

Der durch die Pandemie erlebte Verzicht ließ uns auf andere Weise Vertrautes hinterfragen. Aus der sogenannten Normalität gerissen und auf uns selbst zurückgeworfen stellte sich für manche/n die Frage, wie zurück ins alte Leben oder neue Gewohnheiten anzueignen. Vielleicht ändert sich die Betrachtungsweise, der Blick zurück und nach vorn…

Es gibt verschiedene Formen des Sehens:

Den kritischen Blick, den abschätzigen Blick, den ängstlichen Blick… Und es gibt einen Blick, den der deutsche Filmemacher und Fotograf Wim Wenders den liebevollen nennt – eine Haltung, bei dem die/der Schauende voller Liebe blickt.

Jeder von uns kennt ihn, diesen liebevollen Blick, hat ihn schon erfahren, auf sich ruhen, fühlen erlebt: als wir noch ein Kind waren. Unsere Mutter oder unser Vater hat uns so angesehen – oder es gab andere Menschen, die das Kind, das wir einmal waren, liebevoll angeschaut haben…

Erinnern Sie sich, was das für ein gutes Gefühl war? Man fühlt sich sicher, beschützt, behütet, geachtet, gesehen im wahrsten Sinn des Wortes – und dadurch geliebt. Als Kind konnten wir das vielleicht besser schätzen. Denn ein Kind erwidert einen liebevollen Blick mit einem anderen offenen Blick zurück. Als Erwachsene schauen wir oft verwundert oder verwirrt auf einen liebevollen Blick, vor allem eines Fremden.

Vielleicht können wir in diesen Tagen wieder neu lernen: den liebevollen Blick, ihn selbst verspüren und anderen weitergeben. Liebevoll in Gedanken, in jeder Einstellung und Haltung, mit der wir etwas tun. Denn je öfter wir liebevoll schauen, umso mehr werden wir beschenkt. Schon der Wunsch des liebevollen Blickes kann vieles anders durchdringen. Dieser Blick transzendiert, überschreitet Grenzen und bringt das Wesen der Menschen zum Vorschein. Im Licht dieses Blickes scheint alles dauerhaft und wirklicher.

Es ist der liebevolle Blick, auf Augen, Nase und Mund, gezaubert durch ein Vertrauen, das Leid und Tod überwindet. Ein Blick, der die schweren Momente nicht ausblendet, aber Staunen entlockt…

Ulrich Hossbach, Pfarrer der Gemeinde Torre Annunziata

Foto: zhrefch aus Flickr