Wort zum Tag - Chiesa Evangelica Luterana in Italia

Wort zum Tag

28. Februar 2021 | Gott ist arm und braucht unsere Hilfe

Wandelt euch und erneuert euch durch ein neues Denken (Röm 12, 2)

Fastenzeit: Abstand gewinnen, Gewohnheiten hinterfragen,“Sieben Wochen ohne“…ist das Fastenmotto der Evangelischen Kirche in Deutschland seit nunmehr über 15 Jahren.

Aber rührt denn all das nicht nur an der äußeren Schicht unseres Lebens? Im ursprünglichen Sinn hat diese Zeit mit Neuorientierung zu tun oder damit, zu erkennen, was uns denn von innen her prägt, antreibt oder behindert.

Dazu gehört für einen gläubigen Menschen sicher die Frage nach Gott. Ganz konkret: Was und wie (be)wirkt Gott tatsächlich in meinem Leben und in der Welt? Gott ist sicher nicht dazu da, unsere Wünsche zu erfüllen; er ändert offensichtlich auch nicht das schreckliche Leid der Menschen auf der Flucht, in den Kriegen, in den Elendsvierteln und in den Gefängnissen.

Mit dieser Frage hat sich die Theologie vor allem angesichts des Leids in den Lagern und in der Verfolgung der NS – Zeit auseinandergesetzt. Und gerade aus der Sicht der Opfer dieser Zeit kommt für mich eine provozierende Antwort.

Etty Hillesum, eine holländische Jüdin, wurde 1943 im Alter von 29 Jahren im Vernichtungslager Auschwitz-Etty_Hillesum2Birkenau, ermordet. 40 Jahre nach ihrem Tod wurden ihre Tagebücher entdeckt und veröffentlicht.

Religiös nicht praktizierend, entwickelte Etty Hillesum, angesichts der Ungerechtigkeit und des maßlosen Leids, das sie an sich selbst erfuhr und bei ihren Mithäftlingen erlebte, ein sehr eigenwilliges Gottesbild: „Gott ist arm und er braucht unsere Hilfe“, war ihr Credo. Daraus hat sie einen tiefen Kontakt zum Göttlichen entwickelt. Heute wird sie zu den großen Mystikerinnen der Moderne gezählt.

Gott ist das und nur das, was uns im Alltag, in den eigenen Möglichkeiten, Ängsten und Schwächen begegnet. Das, was Etty in dunkelsten Erfahrungen erlebte, wurde zum Stoff des Dialogs mit Gott. Daraus ergab sich ein solches Licht, soviel Trost und Kraft, dass sie oft aus Dankbarkeit weinte.

“Wenn ich in einer Ecke des Lagers stehe, die Füße auf deiner Erde, das Gesicht zu deinem Himmel erhoben, dann laufen mir manchmal die Tränen über das Gesicht, entsprungen aus einer inneren Bewegtheit und Dankbarkeit, die nach einem Ausweg sucht. Auch abends, wenn ich im Bett liege und in dir ruhe, mein Gott, rinnen mir manchmal die Tränen der Dankbarkeit übers Gesicht, und das ist mein Gebet“ (aus, ‚Das denkende Herz, E. Hillesum).

Wandelt euch und erneuert euch durch ein neues Denken

Für mich ist die Vorstellung davon, wie Gott wirkt, eben nur in dem was ‚heute‘ im konkreten Alltag passiert eine anregende Herausforderung. Gott ist nicht dazu da, um meine Wünsche zu erfüllen, sondern damit ich in seiner Sache – eine gerechtere und schönere Welt für alle aufzubauen – an seiner Seite stehe.

Am 8. Oktober 1942 schreibt Etty in ihr Tagebuch: „Trotz allem bin ich überzeugt‚ das Leben ist schön.“ Dieser Gedanke hallt weiter im Song der israelischen Sängerin Noa ‚‘Life is beautiful this way“ und im Film von Roberto Benigni „Das Leben ist schön“.

Eine andere Form Fastenzeit zu leben und zu erleben?

Georg Reider, Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Gemeinde Verona