Wort zum Tag - Chiesa Evangelica Luterana in Italia

Wort zum Tag

21. Februar 2021 | Gottes Metamorphose

 

Nein, ich kann mich nicht beschweren. Auf vielen Wegstrecken hat mir schon die Sonne geschienen. Natürlich nicht immer nur gleißend hell – wer würde das auch vertragen? Die ein oder andere Wolke ließ es vorübergehend trübe und kälter werden, manchmal hielt sie sich auch hartnäckiger, als ich es mir gewünscht hätte, aber dass uns kein ununterbrochener Ritt auf einem Sonnenstrahl durchs Leben vergönnt sein würde, das haben wir alle wohl schon früh lernen und uns damit arrangieren müssen. Erleuchtete Wege können viele Lichtquellen haben, nicht zuletzt Gesichter. Die anderen Lichtquellen zu beschreiben, fällt schwer, weil banal und klischeehaft klingen könnte, was alles andere als das ist. Das reicht von einem Moment des zur Ruhe kommen Könnens bis zu einem Gipfelerlebnis, von der auf- oder untergehenden Sonne bis zu der, die auf der Piazza einem das Gesicht wärmt. Ein erhebender Gedanke, das Blättern in Erinnerungen, ein unter die Haut gehendes Kunsterlebnis, eine dürftig beschienene Buchseite, von der ein Glanz ausgeht, als wäre jeder noch so kleine Buchstabe ein ganzes Kraftwerk.

 

Und dann wieder alles wie ausgeknipst. Von einem Augenblick auf den anderen trübe und grau, oder gar schwarz vor Augen und im Herzen. Wenn die Vergangenheit nicht loslässt, die Zukunft genommen wird, oder die Heimat fehlt, wenn die Familie zerbricht, oder ein Lebenstraum zerplatzt, als sei das alles, wem auch immer, nicht schützenswerter als „das Gras auf dem Felde, das am Morgen blüht und sprosst und des Abends welkt und verdorrt“ (Psalm 90,6). Selbst dem Gottessohn war im Garten Gethsemane die Seele bis an den Tod betrübt und er bat seine Jünger, ihn in diesem Moment nicht allein zu lassen. „Bleibt hier und wacht mit mir.“ So bittet der Meister unseresgleichen, einfache Leute, seine Jünger, hauptsächlich Fischer von Beruf.

 

Wo geht es bitteschön nur zum erleuchtenden Weg? Jesus war zuvor auf dem Berg der Erleuchtung, Verklärung, was wohl genauer mit Metamorphose zu übersetzen wäre. Wenn aber nun nicht nur Jesus verwandelt wurde, sondern weiterhin höchst selbst für mich und mir zu liebe die passende Form annehmen will, um mir in mancherlei Betrübnis an Leib und Seele beizustehen und es mir wieder Licht werden zu lassen? Das wäre eine wunderbar tröstliche Botschaft unseres Glaubens. Wir können das nur höchst individuell empfinden und weitersagen, aber so wird es dann ja auch glaubwürdig.

 Gott lasse es uns immer wieder Licht werden.

 

Michael Jäger, Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Gemeinde Bozen

Foto: Pixabay