Mit Christus durch die Wirklichkeit zur Glückseligkeit - Chiesa Evangelica Luterana in Italia

Mit Christus durch die Wirklichkeit zur Glückseligkeit

Passionszeit: Botschaft des Dekans der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Italien, Heiner Bludau

Mit dem Aschermittwoch beginnt die zweite Passionszeit im Zeichen der weltweiten Covid-Pandemie. Eine harte Probe für jeden Einzelnen von uns. Der Dekan der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Italien, Heiner Bludau, lädt in den Wochen der Vorbereitung auf das Osterfest zu einer ganz besonderen, vertiefenden Meditation ein: die Suche nach dem Weg ins Heil, der durch die Wahrnehmung des Leiden Christi führt.

Der Zeitraum vor dem Osterfest, der mit dem Aschermittwoch beginnt, trägt verschiedene Namen, die sich auf verschiedene Facetten dieser Vorbereitungszeit beziehen. Das italienische Wort „Quaresima“ ist in dieser Hinsicht ziemlich neutral; es stammt von dem lateinischen Wort „Quadragesima“, welches „Vierzig Tage“ bedeutet und damit die Länge dieses Zeitraums bezeichnet. In anderen Sprachen ist von „Fastenzeit“ die Rede oder von „Österlicher Bußzeit“. In der lutherischen und in anderen evangelischen Kirchen hingegen hat sich weitgehend der Name „Passionszeit“ durchgesetzt. Dieser Begriff bringt zum Ausdruck, dass nicht nur die Karwoche, sondern die gesamten vierzig Tage dem Leiden und Sterben von Jesus Christus gewidmet sind.

Ist das denn angemessen? Nicht alle evangelischen Christinnen und Christen sind dieser Meinung. Schon die Lektüre der Passionsgeschichten in den Evangelien kann als Zumutung erscheinen. Manche Interpretation des Leidens Jesu aus früheren Jahrhunderten könnte darüber den Eindruck erwecken, das Christentum sei eine grausame Religion. In nicht wenigen lutherischen Kirchenräumen ist deshalb heute auch kein Kruzifix mehr zu sehen. Ein halbnackter ans Kreuz genagelter Mann – wie sollte solch ein Bild zum Glauben daran führen, dass Gott uns liebt?

In der Tat erschließt sich der Sinn des Leidens von Jesus nicht auf den ersten Blick. Es bedarf einer tieferen Auseinandersetzung mit dem in der Bibel beschriebenen Geschehen, um zu verstehen, worum es hier eigentlich geht. Wer sich aber einlässt auf die dabei entstehenden Fragen und Einsichten, dem oder der wird bald klar werden, dass die biblische Botschaft völlig frei von Grausamkeit ist. Sicher: die Passionsberichte transportieren eine große Menge an Grausamkeit. Aber dies ist die Grausamkeit der Wirklichkeit in der Jesus gelebt hat und in der wir bis heute leben. Dieser Aspekt der Wirklichkeit wird nicht ausgeblendet. Im Gegenteil: er wird in aller Schärfe beschrieben. Doch dies geschieht nur darum, weil Jesus uns dadurch einen Weg aus dieser Grausamkeit heraus zeigt. Und dieser Ausweg besteht nicht darin, die bestehende Grausamkeit zu ignorieren und die Augen davor zu verschließen, sondern er führt durch die Wahrnehmung der ganzen Realität hindurch.

Die ganze Wirklichkeit, in der wir leben, wahrzunehmen, ist nicht einfach. Die Folgen der Pandemie, in der wir uns befinden, sind in ihrer Komplexität bisher kaum vollständig erfassbar. Aber Unterschiede in der Wahrnehmung bestehen ja schon darin, ob jemand sich nur für den Umgang mit den Einschränkungen der eigenen Person interessiert oder auch dafür, wie es den Nachbarn geht oder anderen Bevölkerungsgruppen. Das kann die Gesundheit betreffen, aber auch generell die Möglichkeiten, das Leben ökonomisch und sozial zu gestalten. Und dabei können Fragen auftauchen, die noch ganz andere Bereiche berühren, etwa wenn es um erhöhte Gewaltbereitschaft geht oder um die Frage der weltweiten Verbreitung von Impfstoffen. Letzten Endes ist die Lage unserer Welt aber keineswegs ausschließlich von der Pandemie geprägt. Konflikte, Ungerechtigkeiten, Krisen, Kriege, aber auch ganz persönliche individuelle Leidensgeschichten gehören nach wie vor zum Leben auf unserem Planeten.

Die Botschaft vom Leiden und Sterben von Jesus Christus fügt dem nichts Zusätzliches hinzu. Sie macht vielmehr deutlich: Gott nimmt an dieser Wirklichkeit teil. Er liefert uns dieser manchmal sehr quälenden Wirklichkeit nicht aus, jedenfalls nicht so, dass wir ohne Rückhalt mit ihr konfrontiert wären. Er hat uns seinen Sohn Jesus Christus gesandt, der als Mensch unser Bruder geworden ist. In ihm hat Gott die Menschheit nicht nur in Worten belehrt, sondern hat selbst Qualen durchschritten, wie sie schlimmer kaum vorstellbar sind. Gott lässt uns nicht alleine in dieser Welt, in die wir hineingeboren wurden. Er zeigt uns den Weg hindurch, der nicht im Verderben endet, sondern in der Glückseligkeit. Im Blick auf Jesus Christus können wir diesen Weg finden.

Der Apostel Paulus fasst das so zusammen: „Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein? Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?“ (Römer 8,31b.32)

Darüber nachzudenken in der Passionszeit, könnte uns frei machen und froh.

 

16.02.2021 – Bludau, Dekan der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Italien

Foto von Mabel Amber aus Pixabay