21 Geschichten über (Zivil)Courage - Chiesa Evangelica Luterana in Italia

21 Geschichten über (Zivil)Courage

Winterhaus – Ein Buch, das aufrüttelt und betroffen macht

Einundzwanzig Geschichten erzählen von einem warmen Haus in Bozen im kalten Winter. Dreiundfünfzig Betten für obdachlose Frauen, Kinder und Männer. Siebentausend Nächtigungen in fünf Monaten. Dreiundneunzig Freiwillige mit Mut zur Eigenregie und zum Handeln ohne Unterstützung von öffentlicher Seite. Kurz Winterhaus. Ein Courage-Projekt der Südtiroler Zivilgesellschaft im Winter 2019/2020.

 Ein Jahr, nachdem das Winterhaus seine Türen geöffnet hat, am 10. Dezember 2019, ist ein Buch über dieses humanitäre Abenteuer vorgestellt worden. Das Blau des Buchdeckels erinnert an die Kälte, der obdach- und wohnungslose Menschen vor allem im Winter ausgesetzt sind, ein illustrierter Rucksack an ihre Lebensgeschichten. Die Zeichnungen im Inneren des 84 Seiten umfassenden Buches sind rötlich gehalten und sollen Wärme, reale und menschliche, symbolisieren. Das Winterhaus.

Geschichten, die Mut machen, die zum Handeln und Nachahmen auffordern. Ein Bozner Unternehmer hat das vierstöckige Gebäude im Bozner Stadtzentrum kostenlos zur Verfügung gestellt und die Betriebskosten getragen. Die Freiwilligen, die um die Kerngruppe herum gewirkt haben, kamen aus allen Teilen der Südtiroler Gesellschaft. Entstanden ist das Winterhaus aus der Schutzhütte – Rifugio, eine Bewegung, die im Frühjahr 2015 aus dem Flüchtlingsnotstand in Bozen entstanden ist, als hunderte von Menschen auf dem Weg nach Norden von Österreich immer wieder abgewiesen und zurückgeschickt wurden und aller Hoffnung beraubt in Bozen am Gleis 1 des Bahnhofs strandeten. Eine der treibenden Kräfte von Schutzhütte und auch Winterhaus ist Caroline von Hohenbühel, ehemalige Schatzmeisterin der ELKI und Kuratorin der Evangelisch-Lutherischen Gemeinde in Bozen. Sie ist auch zusammen mit Maria Lobis, Marion Maier und Rudolf Nocker Herausgeberin des Buches.

Das Prinzip von Winterhaus und Schutzhütte (die nebenbei im selben Gebäude untergebracht war) ist dasselbe: Ein Weckruf für die politischen Entscheidungsträger, ein Zeichen, dass in einer Wohlstandsgesellschaft wie Südtirol, aber nicht nur, nicht hinnehmbar ist, dass Menschen auf der Straße leben oder frieren müssen.

Tatsächlich hat das Beispiel der engagierten Bürger etwas bewirkt, aber nicht genug. Provisorische Schlafplätze sollen in aufgelassenen Wirtschaftsarealen zur Verfügung gestellt werden, aber noch sind es lange nicht genug und auch in diesem Winter müssen Menschen auf der Straße, unter Brücken notdürftig geschützt, um ihr Überleben kämpfen – und das bei Minustemperaturen. 120 sind es in diesen Dezembertagen laut offiziellen Schätzungen.

Corona hat die Situation der obdachlosen Menschen noch verschärft; viele Hilfsstellen der öffentlichen Hand wurden geschlossen oder reduziert aus Angst vor der Ansteckung. Wohnen, so die Erfahrung der Freiwilligen, die im letzten Winter das Winterhaus mit Leben erfüllt haben, ist noch vor einer festen Arbeit  die erste Voraussetzung, um ein aus dem Gleis geratenes Leben wieder in eine Bahn zu bringen. Es braucht dringend Wohnraum und Schlafplätze, um die dramatische Situation zu entschärfen, sagen die Freiwilligen des Winterhauses: Wer friert, nutze alle Mittel, um es warm zu bekommen. Dazu gehörten häufig auch Alkohol und andere Drogen, was wiederum zu Beschaffungskleinkriminalität führe. Wenn die Menschen nachts einen warmen Schlafplatz haben, müssen sie nicht Parkanlagen unsicher machen.  95 Prozent der wohnungs- und obdachlosen Menschen in Bozen sind Männer. Ein großer Teil sind EinwandererInnen und Flüchtlinge, die Corona bedingt ihre Arbeit verloren haben oder im Asylverfahren sind.

Die Gruppe um das Winterhaus und Ex- Schutzhütte ruft dazu auf, dauerhafte und nachhaltige Lösungen zu schaffen. Caroline von Hohenbühel: „Es braucht menschenwürdige Unterkünfte, eine Tagesstätte zum Aufwärmen, einen Aufbewahrungsort für Rucksäcke, Duschen und Toiletten, außerdem einen Ort im Stadtzentrum, wo mittags und abends warmes Essen verteilt werden kann. Nur so kann das Problem der Wohnungs- und Obdachlosigkeit langfristig gelöst und kontrolliert werden.

ELKI und die Evangelisch-Lutherische Gemeinde Bozen haben Schutzhütte und Winterhaus sowie das Buchprojekt mit Mitteln aus dem 8xMille-Fonds unterstützt, die EKD und der Lutherische Weltbund, haben in der Vergangenheit das Projekt Schutzhütte unterstützt.

Nach Schutzhütte und Winterhaus sind die Freiwilligen um Caroline von Hohenbühel nun mit einem neuen Projekt befasst: Dorea, zwei Wohneinheiten in einem alten Bauernhof in Bozen für obdachlos gewordene Frauen. Der Erlös des Winterbuch-Verkaufs fließt in das Projekt Dorea.

Informationen: winterbook1012@gmail.com

 

nd