Wort zum Tag - Chiesa Evangelica Luterana in Italia

Wort zum Tag

14 Dezember 2020 | Sich öffnen für das Kommen des Herrn

 

 „Bereitet dem HERRN den Weg“ heißt es im Buch des Propheten Jesaja, „denn siehe, der HERR kommt gewaltig.“ (Jes 40,3.10)

 

Johannes der Täufer hat diese Aufforderung zu seiner Zeit umgesetzt. Bei seiner Geburt lobt sein Vater Zacharias Gott mit dem „Benediktus“ und sagt zu seinem neugeborenen Sohn: „Und du, Kindlein, wirst Prophet des Höchsten heißen. Denn du wirst dem Herrn vorangehen, dass du seinen Weg bereitest und Erkenntnis des Heils gebest seinem Volk in der Vergebung ihrer Sünden“.

 

Ist das nur biblische Geschichte, oder kann uns das auch heute etwas sagen?

 

Den Weg für das Kommen Gottes zu uns zu bereiten, wird hier so beschrieben, dass Johannes die Gabe der „Erkenntnis des Heils“ im Volk Gottes verbreitet. Was aber ist das Heil? Was ist der Sinn unseres Lebens? Wie können wir richtig mit dem Leben umgehen? Welche Ziele sollten wir anstreben und was müsste geschehen, damit wir an diesen Zielen wirklich ankommen?

 

Besteht das „Heil“, besteht der Sinn und das Ziel unseres Lebens darin, dass wir gesund sind, dass wir einigermaßen im Wohlstand leben, dass wir uns wohl fühlen, dass wir Erfolg haben mit dem, was wir tun?

 

Die „Erkenntnis des Heils“, die Johannes verbreitet, geht in eine andere Richtung. Bei ihm ist sie verbunden mit der „Vergebung der Sünden“. In der Bibel ist Sünde nicht einfach ein mehr oder weniger schlimmes Vergehen oder Verbrechen. Die Sünde beginnt vielmehr nach biblischem Verständnis bei Adam und Eva. Die erste Sünde besteht darin, dass die beiden eine Frucht vom „Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen“ essen, obwohl Gott ihnen das untersagt hat. Der entscheidende Punkt dabei ist dabei nicht das Essen der Frucht, sondern die Übertretung von Gottes Gebot bzw. Verbot. An diesem Punkt vollzieht sich in der Geschichte der Menschheit eine Trennung zwischen Mensch und Gott. Der Mensch lässt sich in seinem Denken und Handeln nicht mehr von seinem Schöpfer leiten, sondern will selbst beurteilen, was gut ist und was böse, und orientiert sich an diesem eigenen Urteil. Die Folge davon ist, so erzählt es die Bibel, dass Adam und Eva aus dem Garten Eden hinausgeworfen werden. Unter ihren Nachkommen breitet sich die Sünde aus. Sehr bald geht es nicht mehr nur um das Essen von verbotenen Früchten, sondern bereits unter den Söhnen des Paares, Kain und Abel, ereignet sich der erste Mordfall.

 

Durch die „Vergebung der Sünden“ wird die Trennung zwischen Gott und Mensch aufgehoben. Der Mensch wird wieder von Gott aufgenommen. Statt von den Früchten des Baumes der Erkenntnis zu essen und auf diese Weise seine Lebensziele selbst festzulegen, ist er eingeladen, die Gabe der „Erkenntnis des Heils“ anzunehmen, die Johannes der Täufer anbietet und damit den Weg des Herrn bereitet.

 

Das Streben nach Gesundheit, Wohlstand, Wohlbefinden, Erfolg ist nicht verkehrt. Aber es sollte nicht unser letztes Ziel sein, sagt Johannes. Sich auf das Kommen des Herrn vorzubereiten könnte deshalb bedeuten, die Bereitschaft zu entwickeln, die eigenen Lebenskonzepte loszulassen und aufmerksam dafür zu werden, was Gott von uns will. Wie der Vater den Sohn wieder aufnimmt, der sein eigenes Lebenskonzept verfolgt hatte (Lukas 15), so kommt Gott uns mit offenen Armen entgegen.

 

In einem Weihnachtslied heißt es: Heut schließt er wieder auf die Tür / zum schönen Paradeis; / der Cherub steht nicht mehr dafür, / Gott sei Lob, Ehr und Preis. (ELKI-Gesangsbuch 113,6)

 

Noch gut zehn Tage sind es bis zum Weihnachtsfest. Wir könnten diese Zeit nutzen, um darüber nachzudenken, wie wir uns öffnen können für das Kommen Gottes in unser Leben.

 

Dekan Heiner Bludau, Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Gemeinde Turin

Foto: Pixabay