Wort zum Tag - Chiesa Evangelica Luterana in Italia

Wort zum Tag

7. Dezember 2020 |Seid nun geduldig…

 

“So seid nun geduldig, Brüder und Schwestern, bis zum Kommen des Herrn. Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen. Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe.

 (Jakobus, 5, 7–11)

 

 

Im Leben brauchen wir einen klaren Bezugspunkt, wir brauchen klare Richtlinien, die es uns ermöglichen, die Ziele, die wir uns gesetzt haben, zu erreichen. Um diese Ziele zu erreichen, müssen wir uns oft auf unvorhergesehene Situationen einstellen, wir müssen versuchen, über unsere eigenen Interessen hinauszuschauen, und wir müssen auch aufhören, um jeden Preis Recht haben zu wollen. Wir müssen daher die Zusammenarbeit suchen und gemeinsame Interessen identifizieren. Wir müssen das Wohl aller anstreben. In diesem Sinne können wir den Brief des Jakobus auch als eine Art Leitlinie oder Bezugspunkt lesen.

 

Jakobus ruft in einem der kürzesten Briefe der Bibel an die ersten Christen auf, nicht von den Problemen dieser Welt wegzusehen, sondern hingegen Stellung zu beziehen, um sie zu lösen. Er warnt davor, an Gott zu zweifeln, weil es in dieser Welt so viel Schmerz, Trauer und Leid gibt. Er zitiert Hiob und seinen Glauben an Gott und ruft sie auf, sich vor Vorurteilen und Neid zu hüten. Er ermutigt sie, daran zu glauben, dass aus dem Glauben gute Taten wachsen: “Willst du nun einsehen, du törichter Mensch, dass der Glaube ohne Werke nutzlos ist?“ (Jakobus 2, 20). Das heißt, schon er ruft die Christen dazu auf, aktive Mitglieder der Kirche zu sein.

 

Jakobus’ Worte “Habt deshalb Geduld” erscheinen heute aktueller denn je, insbesondere im Hinblick auf die Coronavirus-Pandemie. Jeden Tag sind wir mit diesem Notstand konfrontiert und jeden Tag fragen wir uns, wie lange wir uns noch in Geduld fassen müssen. Wir sind mit einer Vielzahl von Maßnahmen konfrontiert. Maßnahmen, die von uns Geduld, Solidarität und Verständnis erforderten und immer noch erfordern. Jetzt, da wir endlich, wie man sagt, das Ende des Tunnels sehen können, wenn der Impfstoff für alle verfügbar sein wird, müssen wir nur noch Geduld haben. Aber diese Geduld fordert uns allen einen hohen Tribut ab. Jedem Einzelnen wurden Opfer abverlangt, jeder hat seinen Alltag, sein gewohntes tägliches Leben aufgeben und viel Mitgefühl und Solidarität aufbringen müssen. Wir alle haben aus Rücksicht auf den Nächsten viele Wünsche und Bedürfnisse aufgeben müssen. Viele von uns waren zu Beginn der ersten Welle der Pandemie der Meinung, dass diese Ausnahmesituation relativ bald beendet sein würde, dass wir, wenn wir alle die Zähne zusammenbeißen, bald wieder zur Normalität zurückkehren würden. Nun, so war es nicht. Im Frühjahr haben wir noch voller Optimismus auf die Ankunft des Sommers gewartet, jetzt hingegen fürchten wir den bevorstehenden Winter und die kalten Tage. All dies raubt uns Energie, und wir werden immer ungeduldiger und gereizter. Und genau aus diesem Grund sind Giacomos Worte “daher sei geduldig” gerade jetzt so notwendig.

Wir sind alle in großer Erwartung. Aber nicht etwa, weil unsere und die Augen der Welt nicht auf die Feier der Geburt unseres Erlösers Jesus Christus gerichtet sind. Nein, wir warten auf die Impfstoffe der Pharmaunternehmen.

 

Die Ermutigung, die aus den Worten des Apostels Jakobus spricht, diese positive Einstellung und Hoffnung sind von grundlegender Bedeutung, um nicht von Ängsten überwältigt zu werden. Diese Worte helfen uns, schwierige Zeiten zu überwinden. Sie helfen uns, auch diese Krise zu überwinden. Sie helfen uns, die Energie zu finden, um geduldig zu sein. Jakobus zeigt uns wie. Gott sei Dank, könnte man sagen. Nichts kommt von nichts. Eine Zeit lang können wir uns auch aus uns selbst heraus motivieren, geduldig zu sein. Aber das hat seine Grenzen. Wir brauchen etwas Greifbareres, etwas, das uns Auftrieb gibt.

 

Die Worte von Jakobus “seid geduldig” gelten umso mehr für all jene, die im Gesundheitswesen arbeiten und Kranke pflegen, für all jene, die sich um alte Menschen in Pflegeheimen kümmern, für all jene, die ehrenamtlich arbeiten und Tag für Tag jenen Mut zusprechen, die täglich traurig sind. Die Geduld schenkt uns Zeit. Und mit unserer Geduld können wir unseren Nächsten Zeit widmen und schenken. Wenn wir uns in Geduld fassen können, inspirieren wir auch andere zur Geduld.

 

Wir sind nicht allein in diesen Momenten der Geduld. Gott begleitet uns auf dieser Reise. Auch wenn wir uns einsam fühlen. Manchmal, wenn wir uns, metaphorisch gesprochen, in einer Zeit der Dürre befinden und nichts uns aufheitern kann, kann es allerdings sehr lange dauern, bis unser Leiden ein Ende nimmt.

 

2020 war ein Jahr, das von vielen “Dürren” geprägt war. Eine Zeit, die uns ermutigt, darüber nachzudenken, worauf es im Leben wirklich ankommt, was wirklich wichtig ist und was wir hinter uns lassen sollten. Eine Zeit, die wir auch nutzen können, um über unseren Glauben nachzudenken und ihn zu vertiefen. Eine Zeit, die uns dazu führt, aufmerksamer und empfänglicher für die Quelle unserer Geduld zu sein. Ich bin davon überzeugt, dass es gerade diese Geduld ist, die uns menschlich macht, so wie ich auch davon überzeugt bin, dass gerade jetzt Geduld von grundlegender Bedeutung ist. Nehmen wir also Geduld als unseren Bezugspunkt, als unseren Leitfaden und machen wir es zu unserem Hauptziel, uns menschlich zu verhalten.

 

 

Aleksander Erniša, Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Gemeinde Triest

 

Übersetzung: nd

Foto: Pixabay