Wort zum Tag - Chiesa Evangelica Luterana in Italia

Wort zum Tag

16. November 2020 | Vergessene Opfer

In jeder Krise, in jedem Krieg und jedem Konflikt gibt es Menschen, die leiden. Darunter sind immer viele, von denen man hört. Opferzahlen gehen durch die Medien, dramatische Fälle werden geschildert. Es gibt Menschen, die in die Geschichtsbücher eingegangen sind als Opfer von Gewalt und Krieg.

Dann aber gibt es immer auch die „vergessenen Opfer“. Das sind diejenigen, von denen keiner spricht. Man nimmt sie nicht wahr und denkt nicht gleich an sie: Da sind die Schwestern, die ihre Brüder in den Kriegen dieser Welt verloren haben – die gemeinsame Jugend plötzlich mit Schlussstrich versehen. Es gibt Männer, die haben im Krieg ihre Freunde sterben sehen, und niemand weiß, was sie wirklich in ihrer Seele tragen. Auf unseren Straßen sitzen die Obdachlosen, die in normalen Zeiten von Passanten immer mal eine Gabe bekommen – aufgrund der Corona-Beschränkungen gibt es kaum noch Passanten.

Die „vergessenen Opfer“ sind die Narben einer Gesellschaft. Und wie bei Narben merkt man auch bei ihnen oft erst viel später, welche Spuren bleiben.

Frieden und Wohlergehen sind mehr als das Ende eines Krieges oder das Überstanden-Haben einer Krise. Sie sind nicht dann schon erreicht, wenn die offensichtlichen Opfer begraben und betrauert sind. Wenn Frieden ist, dann begegnen Güte und Treue einander, Gerechtigkeit und Frieden küssen sich. So ist es bildlich in Psalm 85 beschrieben (Vers 11), dem Psalm für die Woche vor dem Volkstrauertag (15. November).

Unsere Güte ist gefragt, um wahrzunehmen, wo jemand Hilfe benötigt, ob einfach ein gutes Wort oder mehr Unterstützung. Ohne Güte ist der andere nur eine Nummer und Hilfe nur ein Zahlenspiel. Die Welt braucht die Treue eines jeden – Treue, die dranbleibt und immer weiter und immer neu sucht nach einem guten Weg für das Miteinander, bei dem niemand übersehen wird und auf der Strecke bleibt. Damit es am Ende keine „vergessenen Opfer“ mehr gibt.

Wie kann es gelingen, ein von Güte und Treue geprägtes Miteinander zu verwirklichen? Im Bewusstsein, dass wir mit unseren menschlichen Versuchen, dies zu tun, immer wieder an unsere Grenzen kommen. Im Wissen darum, dass wir manchmal Maßstäbe brauchen, die nicht unsere eigenen sind. Den Blick auf den Himmel gerichtet, dann werden wir der Gerechtigkeit ins Auge sehen.

Doch ist ja Gottes Hilfe nahe denen, die ihn fürchten, dass in unserm Lande Ehre wohne; dass Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen; dass Treue auf der Erde wachse und Gerechtigkeit vom Himmel schaue (Psalm 85,10-12).

Pastorin Cornelia Möller, Christlich Protestantische Gemeinde Mailand

Foto: Emilio J. Rodríguez Posada, CC BY-SA 3.0 <http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/>, via Wikimedia Commons