Wort zum Tag - Chiesa Evangelica Luterana in Italia

Wort zum Tag

9. November 2020 | Lutherisch sein

Ich bin ein Lutherischer. Das ist vielleicht mancherorts noch etwas Besonderes, aber nicht mehr gefährlich. Für mich auch ein paar Tage nach dem Reformationstag am 31.10. ein guter Anlass, mit ein paar weiteren und sowieso immer einseitig persönlichen Gedanken an den großen Reformator zu erinnern.

Wer war dieser Martin Luther? Vermutlich würde man 95 verschiedene Antworten darauf geben können, genauso viele also, wie die Zahl der Thesen seinerzeit, die Luther 1517 ans Schwarze Brett der Universitätskirche von Wittenberg klopfte. Sie sollten eine Diskussion über Sinn und Unsinn kirchlicher Ablass-Briefe anzetteln. Das Bild, das sich aus den 95 Beschreibungen Luthers ergeben würde, würde wohl irgendwo in der Mitte zwischen Held und Holzklotz liegen.

Immerhin, ich verdanke Luther sehr viel. Vermutlich bin ich sogar nur, weil es Luther gab. Er hat mit seiner Käthe zusammen das evangelische Pfarrhaus begründet, in das wiederum ich hineingeboren wurde und nun selbst mit meiner Frau und unseren Kindern bewohne. Auch wenn für dessen Bedeutung als zentrale Institution der Kulturgeschichte meinen Kindern heute wie mir damals etwas der Sinn fehlt.

Da orientieren wir uns allesamt leichter an der lutherischen Freiheit. Die „Freiheit eines Christenmenschen“, so heißt eine zentrale Schrift Martin Luthers. Wir sind frei, weil Gott selbst uns in Jesus Christus gerecht macht, ohne dass wir dies erst durch “gute Werke” erarbeiten müssten. Das verändert natürlich auch den Blick auf Kirche. Sie kann nun nicht mehr für sich eine unhinterfragbare Autorität beanspruchen, die sich etwa in der Verwaltung der göttlichen Heilsgaben begründen würde. So geht es nicht nur in lutherischen Pfarrfamilien, sondern auch auf evangelischen Synoden gelegentlich turbulent zu. Die ELKI bietet hier natürlich keine Ausnahme.

Dass Kirche sich immer reformieren muss, die Bibel für jedermann lesbar wurde und die Kirchenmusik eine herausragende Bedeutung bekam, sind nur drei weitere Beispiele des Verdienstes dieses einen Mannes, der den Papst herausforderte und vor dem Reichstag nichts anderes zu sagen wusste als „hier stehe ich, ich kann nicht anders“.

Aber genau so kann man nicht anders, als sich seines Schlachtrufes in den Bauernkriegen und seines Judenhasses entsetzt zu schämen. Die dunkelschwarze Seite des Reformators. Und der Papst als Antichrist, das hätte es auch nicht gebraucht.

So will ich mich unterm Strich vielleicht – wieder in Anlehnung an die 95 Thesen – mit 48 zu 47 guten Gewissens als Lutheraner bezeichnen, vor allem aber mit ihm den Gott bekennen, der sich uns gnädig zuwendet.

 

Michael Jäger, Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Gemeinde Bozen

Foto di plugrafico da Pixabay