Wort zum Reformationstag - Chiesa Evangelica Luterana in Italia

Wort zum Reformationstag

02.11.2020 | Gedanken zur Reformation

Gestern war der wohl symbolische Tag, an dem daran erinnert wird, dass Martin Luther seine 95 Thesen für eine neue Versöhnungspraxis in der Kirche am Tor der Wittenberger Schlosskirche angeschlagen hat. Heute denkt man eher, dass Luther die Thesen nicht angeschlagen, sondern veröffentlicht hat, um eine theologische Diskussion anzuregen.

Wie immer: Die Wirkung der Veröffentlichung der Thesen war enorm. Sie löste bei Theologen und Klerikern, beim einfachen Volk wie bei den politischen Akteuren gewaltige – positive und negative – Reaktionen aus.

Luther hatte eine enorme Sprachkompetenz, eine große theologische Schärfe, eine tiefe Spiritualität und Liebe zur Kirche. Das Charisma der großen Persönlichkeiten der Geschichte besteht nicht nur darin, dass sie neu dachten und Neues taten, sondern dass sie das wahrnahmen, was tief im Herzen der Menschen lag, was Leid verursachte und Sehnsüchte auslöste und diesen Worte und Bilder gaben.

Was in den Herzen anderer etwas bewirkt, muss zunächst im Herzen dessen, der es kommuniziert, verkündet oder predigt, erlebt, manchmal auch erlitten werden. Dies war auch in Luthers Biographie der Fall. Die neue Kirche, die neue Form des christlichen Lebens, die von Ängsten und vom Schuldgefühl, das die begangenen oder eingebildeten Sünden auslösten befreite und auf die bedingungslose Barmherzigkeit und Liebe Gottes baute, erlebte Luther nach langem inneren Ringen zunächst selbst: er änderte in sich selbst, was er später verkündete; er träumte von der neuen Kirche, nach der Hinwendung zum einem barmherzigen Gott; nach der ‚Reformation‘ seines Herzens predigte und bezeugte eine neue Kirche; eine Kirche, die er nicht spalten, sondern erneuern wollte.

Wie viel Leid wäre uns erspart geblieben, wie viel Glaubwürdigkeit hätte es dem Christentum gebracht, wenn Luthers Ideen als Sauerteig der Erneuerung verwendet worden wären?

Heute können wir dies sagen, ohne diejenigen zu verurteilen, die die Reform verhindert haben und diejenigen zu preisen, die sie um jeden Preis wollten. Heute erkennt fast jede/r dankbar Luthers Ideen und Mut an, und wir erinnern uns an die Anfänge der Reformation nicht nur als ein historisches Ereignis, sondern als den Beginn einer Idee, die uns durch unser theologisches, existentielles und spirituelles Leben begleiten muss: als Einzelne, als Gemeinschaften und als Kirchen.

Am Ende des Films “Luther” von Eric Till wird ein Text projiziert, eine Art Schlussfolgerung oder Interpretation von Luthers Leben und der Reformation: “Die Reformation öffnete die Tür zur Religionsfreiheit und veränderte die Welt“.

Sie öffnete nicht nur die Tür zur Religionsfreiheit, sondern auch zur Freiheit und Befreiung der Menschen, der Kirchen und Gesellschaft. Freiheit als Lebensqualität ist eine Verpflichtung, eine Herausforderung, die den Respekt vor der Freiheit anderer und das Engagement für die Befreiung von Mann und Frau ja der ganzen Schöpfung fordert.

Pfarrer Georg Reider, Verona

Foto: ELKI-Archiv