Wort zum Tag - Chiesa Evangelica Luterana in Italia

Wort zum Tag

26.10.2020 | Wahrheit macht frei!
Johannes 8,31 “Wenn ihr in meinem Wort bleibt, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger, und ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen!”

Die Wahrheit zu erkennen, im allgemeinen Sinn zu kennen, zu wissen, sich zu bilden und dadurch frei zu werden, das kann ein politisches Stichwort von rechts bis links und geografisch universell sein. Wohl ist es auch unsere tiefgegründete und achtenswerte persönliche Überzeugung.

Zu unserer Zeit der “Informationsgesellschaft”, in der es nahezu unbegrenzte Anstöße gibt, riskiert diese Freiheitsversprechung eine Chimäre zu sein. Sie entfernt sich immer weiter, umso mehr wir wahrnehmen, dass es unmöglich ist, eine zuverlässige Wahrheit zu finden. Wieviele “Wahrheiten” es über das Coronavirus gibt, haben wir gar keine Lust mehr, im Internet nachzuschauen. Doch gerade in dieser postmoderner Konfusion brauchen viele eine sichere Führung, welche die “Wahrheit” sagt.

Als Christen müssen wir uns fragen: was ist für uns die Wahrheit und wo können wir sie finden? Wenn wir zu den hebräischen Wurzeln unseres Glaubens gehen, finden wir in der Bibel das Wort

´emet, das, wie viele Wörter der hebräischen Sprache, die pragmatischer und weniger abstrakt als unsere westlichen Sprachen ist, aus einem Verb stammt: ´aman, “fest sein, sicher”. Mehr als unser Begriff “Wahrheit” drückt´emet Zuverlässigkeit und Treue aus. Aus ihm kommt auch das Wort “amen”. Es tritt erstmal in Genesis, 42,1 auf, als Joseph in Egypten seine Brüder versuchte, indem er einen von ihnen aussandte, ihren jüngsten Bruder Benjamin herzuholen, der mit seinem Vater Jakob in Palästina geblieben war, um herauszufinden, “ob ihr zuverlässig seid”. In vielen anderen Texten der Bibel bezieht´emet sich auf Gott selbst; es wird die nicht abnehmende Zuverlässigkeit seiner Versprechung betont, wie z. B. im Psalm 132,11: “Der Herr hat David ‘´emet’ geschworen, davon wird er nicht abgehen”. Im Psalm 91,4 Gottes Zuverlässigkeit ist “Schirm und Schield” für diejenigen, die sich Ihm anvertrauen. Im Psalm 71,22 ist dann Gottes ´emet mit seiner Heiligkeit verbunden: “ich will deine Treue, o mein Gott, besingen, dir auf der Laute spielen, du Heiliger Israels!” In Hosea 2,21-22 will der Herr sich mit seinem Volk Israel “verloben” und ihm damit seine Gerechtigkeit, Mitleid, Zuneigung und Treue zeigen.

Diese ursprüngiche Bedeutung des Wortes ´emet hat sich später im Rahmen hebräischer Apokalyptik geändert. Die “Zuverlässigkeit”, die eine zwischenmenschliche Beziehung voraussetzte, ist eine offenbarte Wahrheit geworden, etwas Objektives, von außen her, das wir lernen sollen. In dieser Hinsicht soll auch der heutige Vers 31 des Johannesevangeliums gelesen werden. Aber es gibt einen wesentlichen Unterschied: Jesus stellt eine Bedingung, um die Wahrheit zu kennen: in seinem Wort zu bleiben und seine Jünger zu sein. Es geht ja darum, sich hinzusetzen – wie die Jünger in der Antike zu den Füßen ihres Lehrers – und ihm zuzuhören, sich zur Beziehung mit ihm zu öffnen. Nur in dieser Bereitschaft zur Begegnung kann Jesus sich seinen Gesprächspartnern als “der Weg, die Wahrheit und das Leben” vorstellen. In der Beziehung mit Jesus, die vom Hören seines Wortes ins Gebet übergeht, kann ich sein, wie ich bin, nicht wissend, konfus. Ich kann dem Herrn sagen: das ist meine Wahrheit; ich weiss aber, dass du Wahrheit, Zuverlässigkeit und Treue bist, so wie du dich deinem Volk in der Wüste geoffenbart hast.

Am 31. Oktober werden wir das Reformationsfest feiern. Wir erinnern uns an die “Entdeckung” der Reformatoren, besonders Luthers: wie die Beziehung des Glaubenden zu Gott einfach und unmittelbar sein kann. Eine immergültige Botschaft, die wir unserer Gesellschaft weitergeben sollen. Ich glaube aber, es ist der Inhalt ihres Zeugnisses, dessen wir gedenken und das wir beleben sollen: das Vertrauen, das Valdes, Hus und Luther ihrem Gott, der “festen Burg” gezeigt haben, der seine Versprechungen einhält. Der böhmische Reformator Jan Hus drückte seine Idee der Kirchenerneuerung im Jahr 1412 mit diesen Worten aus: “Suche Wahrheit, höre Wahrheit, lehre Wahrheit, liebe Wahrheit, halte Wahrheit bis zum Tod. Denn die Wahrheit befreit dich von der Sünde, vom Tod der Seele und endlich vom ewigen Tod.” Dabei sehen wir, dass die Wahrheit nicht so sehr wie eine Lehre, sondern wie ein Prozess dargestellt ist. Er entsteht im Hören, stabilisiert sich im Denken und Fühlen und drückt sich in Worten und in der Haltung aus.

In diesem Sinne möge das Beispiel der Reformatoren uns helfen, Vertrauen zu Gott zu haben. Er bleibt für uns eine “feste Burg” auch in diesen Zeiten der Krisen von Corona, Ökologie und der Migration, der Konfusion, mitten in unseren persönlichen Verzagen und Scheitern.

Alberto Rocchini, Praktikant in der Kirchengemeinde Turin

Foto di Mauricio A. da Pixabay