Technologie hilft, aber der direkte Kontakt ist etwas anderes

Wolfgang Prader, neuer Präsident der Synode der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Italien über die lutherische Präsenz in Italien
Vom 9. bis 11. Oktober 2020 hat die Evangelisch-Lutherische Kirche in Italien in Rom die 1. Sitzung der XXIII Synode abgehalten. Mit fünfmonatiger, covid-bedingter Verspätung und in reduzierter Form, aber in Präsenz. Alberto Corsani, Riforma.it, im Gespräch mit dem neugewählten Präsidenten der Synode, Wolfgang Prader, über Themen wie die digitale Kirche und die Situation der Lutheraner in Italien. Nachstehend die übersetzte Fassung.

Während der Sitzung der Lutherischen Synode, die am Sonntag, den 11. Oktober endete, wurden Wolfgang Prader, Mitglied der Gemeinde Bozen und Ingrid Pfrommer, aus der Gemeinde Turin zum Präsidenten bzw. zur Vizepräsidentin der Synode gewählt. Beide bekleideten bereits vorher Ämter in der Kirchenleitung. Prader war Vizepräsident der Synode, Pfrommer war als Schatzmeisterin Mitglied des Konsistoriums der ELKI.

 Wir wenden uns an den neuen Präsidenten und fragen ihn, auch aufgrund seiner beruflichen Tätigkeit im IT-Bereich, welche Rolle die digitale Kommunikation in der Kirche heute und in der Kirche der Zukunft spielen wird?

Der Lockdown hat die digitale Kommunikation in Gang gesetzt und beschleunigt, ein Prozess, den die Kirche bereits vorher begonnen hatte. Es wurden verschiedene digitale Formate angeboten, um die Gläubigen zu erreichen, um ein Gemeinschafts-Erleben in der Zeit der sozialen Distanzierung zu ermöglichen, um den Kontakt zu allein lebenden Menschen und besonders gefährdeten Menschen aufrechtzuerhalten. Dieser Schritt war für die Kirche sehr wichtig und wird es in Zukunft noch mehr sein. Die Digitalisierung hat aber auch Grenzen, sie kann und wird den direkten und zwischenmenschlichen Kontakt nicht ersetzen.

Gewiss. Und wie beurteilen Sie die Synode, die aufgrund von Vorsichtsmaßnahmen verkürzt und mit reduziertem Programm abgehalten werden musste?

Meiner Meinung nach war allein die Tatsache, dass wir in der Lage waren, eine Präsenz-Synode abzuhalten (unter strikter Einhaltung der Anti-Covid-Maßnahmen), bereits ein sehr wichtiges Zeichen: Synode und Kirche leben von Gemeinschaft. Trotz eingeschränkter Zeit für das Programm haben wir die Tagesordnung durchziehen können und hatten sogar noch Zeit für Debatte und Diskussionen. Wir konnten über Anträge beraten, die für die Zukunft unserer Kirche wichtig sind. Und, immer unter Beachtung der Abstandsregeln, gab es auch die Gelegenheit zu persönlichen Begegnungen.

Die ELKI ist nicht nur Mitglied des Bundes der Evangelischen Kirchen in Italien, FCEI, sie ist auch maßgeblich an Institutionen, wie z. B. den  beiden evangelischen Krankenhäusern in Genua und Neapel beteiligt. Inwieweit fühlen die Lutheraner sich als Teil der kleinen protestantischen Welt Italiens?

Wir sind eine kleine Gemeinschaft, und wir fühlen uns mit all unseren Besonderheiten als eines der integralen Teile dieses bunten Puzzles, das die evangelische Welt in Italien bildet und das FCEI genannt wird. Wir empfinden die Begegnung mit unterschiedlichen Glaubenserfahrungen als sehr stimulierend und begrüßen sie. Wir sind direkt in viele Initiativen eingebunden, nicht nur finanziell, z. B. im Projekt „Dublinati“ oder im Projekt „Rosarno“. Eine eigene Kommission der Synode befasst sich mit der FCEI. Unsere ehemalige Synodalpräsidentin, Christiane Groeben, ist derzeit Vizepräsidentin des Bundes der Evangelischen Kirchen in Italien und die gesetzliche Vertreterin der ELKI, Cordelia Vitiello, ist Präsidentin des Evangelischen Krankenhauses Bethanien in Neapel. Während des Lockdowns haben wir eine Spendenaktion für die beiden evangelischen Krankenhäuser in Neapel und Genua sowie für das Krankenhaus “Giovanni XXIII” in Bergamo ins Leben gerufen und dabei mehr als 135.000 Euro plus weitere 20.000 Euro für die Spendenaktion der FCEI sammeln können.

Sie kommen aus der ELKI-Gemeinde Bozen, der vorherige Präsident der Synode, Georg Schedereit, aus der Gemeinde Meran: Wie leben die Protestanten in dieser ganz besonderen Region Italiens? Wie leben Sie in diesem bereits zweisprachigen Gebiet Ihre Identität?

Was die religiöse Identität betrifft, so leben wir vielleicht noch mehr als im übrigen Italien die Situation der Diaspora. Südtirol, das alte Tirol, hat eine sehr katholische Seele. Abgesehen von uns gibt es in Südtirol nur wenige und sehr kleine evangelikale Gruppen. Sie sind in der öffentlichen Wahrnehmung nicht sehr präsent. Es ist nicht wie in den anderen italienischen Städten, wo es neben den Lutheranern auch Waldenser, Baptisten, Methodisten usw. gibt. Wir LutheranerInnen sind die einzige strukturierte evangelische Konfession in Südtirol, in dem Sinne, dass wir unsere eigenen Kirchen, unsere Friedhöfe haben. Wir erwecken immer noch Neugierde, weil unsere Pfarrer heiraten und Familie haben können, weil wir Pfarrerinnen haben. Wir sind sehr stark in die verschiedenen ökumenischen Aktivitäten integriert. Auch diese beiden Gemeinden empfinden sich als Teil der Welt der ELKI, und als Teil der Evangelischen Kirchen in Italien, mit dem kleinen Unterschied, dass hier die Zweisprachigkeit Alltag ist und Deutsch auch außerhalb unserer Gemeinden gesprochen wird.

19.10.2020/ Riforma.it/ Alberto Corsani

Übersetzung: nd