„Eine Fakultät angewandten protestantischen Lebens“ - Chiesa Evangelica Luterana in Italia

„Eine Fakultät angewandten protestantischen Lebens“


9. bis 11. Oktober 2020 | 1. Sitzung der XXIII Synode | “Scegliere = Wählen”
Interview mit dem scheidenden Präsidenten der Synode, Georg Schedereit

Vom 9. bis 11. Oktober 2020 wird die XXIII Synode der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Italien in Rom zu ihrer ersten Sitzung zusammentreten. Eine Synode in einem reduzierten Format und geprägt von Sicherheitsmaßnahmen, aber gerade deshalb ein starkes Signal in diesen schwierigen Zeiten der Pandemie. Im Zentrum stehen, wie der Titel auch sagt: “Scegliere = Wählen”, die Wahlen des Synodalpräsidiums und der Laienmitglieder des Konsistoriums. Aber auch wenn die Zeit knapp ist, wird die Synode zukunftsweisende Entscheidungen treffen müssen. Ein letztes Interview vor Beginn der Synode mit dem scheidenden Präsidenten, Georg Schedereit.

Neben dem Motto Scegliere = Wählen haben Sie noch ein ganz aktuelles Motto für die Synode 2020.

Georg Schedereit: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst!“ Denn das heißt für mich ganz konkret und radikal: Alle Synodalen und mich selbst zu schützen durch ständiges Tragen einer FFP2/FN995- Hygienemaske über Nase und Mund und durch MEHR als einen Meter Respektabstand auch und gerade bei den informellen Begegnungen in den Pausen und am Abend, innen wie außen.

Ernst zu nehmende gesundheitliche Gründe haben sie bewogen nicht mehr zu kandidieren, Sie werden der Synode aber als Synodaler Ihrer Gemeinde Meran erhalten bleiben. Was nehmen Sie aus den vergangenen vier Jahren oder besser, viereinhalb Jahren mit?

Georg Schedereit: Ich habe mich 2016 zur Wahl gestellt aus Dankbarkeit für alles, was mir im Leben bisher beschieden war. Ich war gespannt auf das Lernen-Können und ich habe diese „Fakultät des angewandten protestantischen Lebens“ doch sehr intensiv genutzt. Ich war in der Vergangenheit nicht unbedingt kirchennah, habe mich dieser Kirche aber auch aufgrund der Geschichte meiner Familie im mitteleuropäischen Spannungsfeld zwischen Katholizismus und Protestantismus, zwischen Ostpreußen, (Süd)Tirol und Friaul-Julisch-Venetien immer verbunden gefühlt, auch gemäß der Devise „Glauben ist ohne Zweifel nicht möglich“. Ich habe in diesen Jahren, auch mit Zweifel, an Spiritualität gewonnen.

Spannungsfeld ist ein Wort, das in Ihrem Vokabular einen wichtigen Platz einnimmt…

Georg Schedereit: In gewissem Sinn ja und Synode – Kirche sind ein Spannungsfeld par excellence! Das bewusste Leben des synodalen Weges wie wir ihn im Unterschied zu anderen, autoritäreren Strukturen verstehen und die sprichwörtliche, für mich sehr befruchtende, protestantische Streitkultur.  Ich habe in diesen Jahren vielleicht mehr als es das Konsistorium bisher gewohnt war, an die Unabhängigkeit und Souveränität der Synode erinnert: die Synode ist das statutarisch höchste beschließende Organ der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Italien! Ich bin stolz auf die Arbeit der Synodalen in diesen Jahren. Auf ihre Energie, auf das Beharren, auf die Nachtsitzungen… Wir Protestanten sind Weltverbesserer und Selbstverbesserer. Dazu gehören Debatte, Streitkultur und die Bereitschaft, Fehler einzugestehen.

Was war Ihnen besonders wichtig in diesen Jahren?

Georg Schedereit: An erster Stelle steht hier die Synode zum 500jährigen Bestehen der Reformation in unserer ältesten Gemeinde Venedig, nebenbei auch meine Geburtsstadt. Dann das Vorantreiben einer zweisprachigen Kommunikation. Das ist unsere Visitenkarte, und da haben wir uns gewaltig gebessert. Auch Last-Minute-Anträge werden jetzt umgehend übersetzt, so dass jeder Synodaler in seiner Sprache Einsicht halten kann. Das ist in meinen Augen eine Grundvoraussetzung synodalen Lebens. Die ELKI ist vom Statut her zweisprachig, aber wir sind eine Kirche italienischen Rechts. Die ELKI ist nicht Gast in Italien, Gäste sind unsere Pastoren, die in ihren deutschen Landeskirchen sozialisiert sind, die Neues bringen und uns bereichern, sowie wie umgekehrt die ELKI und ihre Gemeinden in Italien auch sie bereichern. Ich habe in meiner Amtszeit alle Gemeinden besuchen wollen, auch auf eigene Kosten. Das hat mir Einblick in das Alltagsleben der Kirche verschafft! Und ich habe die Zeit genutzt, um Kontakte mit anderen Kirchen und Vereinigungen zu vertiefen. Ebenso wie ökumenische und grenzüberschreitende Kontakte, die in meinen Augen von großer Bedeutung sind.

Was wünschen Sie Ihrem bisherigen Stellvertreter und Kandidaten für ihre Nachfolge, Wolfgang Prader?

 Georg Schedereit: Ich habe mich immer darum bemüht, dass er als mein Stellvertreter alles Material zur Verfügung hatte, über alles auf dem Laufenden war, was ich gemacht und gedacht habe. Er ist gut eingeführt. Ich wünsche ihm ein gutes Zeit-Management; wenn man es ernst nimmt, ist der Zeitaufwand in der Tat erheblich! Ich wünsche ihm und der gesamten neuen Kirchenleitung viel Erfolg und protestantische Prinzipientreue. Und dann erlauben Sie mir zum Schluss noch eine kleine Provokation…

Eine Provokation?

Georg Schedereit: Ja, eine Art Mindmap, auch bezüglich des Mottos unserer Synode, Scegliere = Wählen. Ich sehe die Synode als eine Art Dachverband, die ELKI ist für mich nicht eine kompakte Kirche mit einer Lehrmeinung und einer Vision. Viele, die dieser Lutherwelt beigetreten sind, sind nicht hundertprozentige Lutheraner. Die ELKI lebt von dieser Grenzen und Lehre überschreitenden evangelischen Vielfalt. Wir haben Südamerikaner, Niederländer, Schweizer, Reformierte, Lutheraner, Calvinisten, Anhänger Zwinglis, ehemalige Katholiken in unseren Reihen… „Christsein heißt nicht, von Jesus Christus zu schwätzen, sondern zu leben, wie er gelebt hat“, sagte schon Zwingli. Jedem seine Façon. Und apropos „Scegliere = Wählen“, dies werde ich auch in meinem rückblickenden Bericht bei der Synode sagen, wählen wir doch auch zwischen

  • Hoffnung und Verzweiflung
  • Vertrauen und Misstrauen
  • Menschenfreundlichkeit und Misanthropie
  • Wahrhaftigkeit und Scheinheiligkeit
  • Selbstironie und Selbsterhöhung
  • Humor und Narzissmus
  • Verschlossenheit und Weltoffenheit
  • Glauben und Sich-Fürchten

Nicole Dominique Steiner