Wort zum Tag - Chiesa Evangelica Luterana in Italia

Wort zum Tag

28. September 2020 | Ponyhof oder Mysterium?

Das Leben ist kein Ponyhof, alternativ kein Kinderfasching. Abgesehen davon, dass ich mir einen Ponyhof gar nicht so ohne vorstelle und vom Kinderfasching sagen kann, dass ich als Vater immer nur froh war, wenn es vorbei war – die Botschaft der Redewendungen ist klar. Das Leben ist nicht immer lustig und leicht zu leben. Es ist Herausforderung und manchmal Zumutung. Den einen trifft es mehr, den andern weniger und wie der einzelne das dann empfindet, mag noch einmal anders sein. Und alles kann sich sowieso schlagartig ändern.

 Walter Jens gehört zu den Personen, deren Namen ich nie überlesen würde. Ein großer Intellektueller der deutschen Nachkriegszeit, Philologe, Schriftsteller, Demokrat, Christenmensch und gelernter Professor für Rhetorik in Tübingen. Seine Übertragung des Lukas-Evangeliums ist mir stets griffbereit und seine sogenannten „zeitgenössischen Betrachtungen zu den 7 letzten Worten unseres Erlösers am Kreuze“ haben mir schon in mancher Passionszeit den Blick gelenkt. Er hat seine Frau Inge, eine dieser beeindruckenden Frauen, die man hinter großen Männern verlässlich finden kann, gebeten, ihm im Falle des Schwindens seiner geistigen Fähigkeiten behilflich zu sein, aus diesem von ihm dann als unwert empfundenen Lebens vorzeitig auszuscheiden. Sie, die schließlich 62 Jahre mit Walter Jens verheiratet war, hat nicht Wort gehalten, dafür ihren Mann fast 10 Jahre in seiner Demenz betreut und diese Entscheidung nicht bereut. In beeindruckender Weise erzählt sie davon, wie ihr Mann, der es gewohnt war, sich mit Größen wie Sophokles und Tacitus auseinander zu setzen nun vor einem Bauernhof saß und den Tieren beim Weiden zusah. Dabei habe er eine Heiterkeit und Freude im Gesicht gehabt, die sie all die Jahre zuvor bei ihm nicht zu finden vermochte. Sie meint, es wären wohl die glücklichsten Jahre ihres Mannes gewesen.

 Unsere Maßstäbe, Leben zu beurteilen sind nie im Leben ausreichend. Manche Beeinträchtigungen sieht man auf den ersten Blick – Trisomie 21, Rolli-Fahrer … – andere ahnt man nur, wenn man einen Menschen über die Jahre besser kennen gelernt hat. Das Leben ist sicher weniger Ponyhof als vielmehr ein Mysteriumgöttlichen Ursprungs, das oft genug demütig macht und am besten gelingt, wenn man liebe Menschen zur Seite hat.

 Michael Jäger, Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Gemeinde Bozen