Wort zum Tag - Chiesa Evangelica Luterana in Italia

Wort zum Tag

6. September 2020 | Ein heikles Unterfangen

Ich hätte dieses soziale Experiment nie initiiert. Es wäre mir viel zu riskant gewesen. Für ein Spiel – zugegeben, ein unglaublich reizvolles und spannendes – Freundschaften riskieren? Wäre ich gefragt worden, mitzumachen, hätte ich mich natürlich nicht entzogen. Wie gesagt, das hat was, und als Pfarrer dazu „Nein“ zu sagen, wäre schlechterdings gar nicht gegangen. Da hängt ja auch die eigene Glaubwürdigkeit dran.

Worum geht es? Eine Journalistin wird von einer großen Rundfunkanstalt dafür bezahlt, fünfzehn ihrer Freunde anzufragen, sich an einem Planspiel zu beteiligen. Für einen Monat sollen alle ihr Einkommen in einen großen Topf werfen, um gleichmäßig viel daraus zur Bestreitung des Lebensunterhalts ausgezahlt zu bekommen. Eine Umverteilung also. Es fängt schon gut an. Die Initiatorin muss dieses Projekt erst einmal ihren Freunden vorstellen, danach sie bitten mitzumachen und schließlich nach ihrem Monatsverdienst fragen, alles vor laufendem Mikrophon. Immerhin zehn sind dabei, andere sagen mit technisch verfremdeter Stimme ab, um weder bei der Begründung noch bei etwaiger Benennung des Einkommens erkennbar zu sein.

Das Spiel, das keines bleibt, und immer erkennbarer in Konflikte, Krisen und schlaflose Nächte führt, nimmt seinen Lauf. Regeln werden festgelegt. Etwa die, dass nicht das gesamte Monatseinkommen eingezahlt und geteilt wird, sondern nur das tatsächlich verfügbare Geld, ohne die bereits abgezogenen monatlichen Fixkosten, wie etwa Schulgeld der Kinder, Yoga-Kurs, Kirchensteuer, Mitgliedschaft bei St. Pauli und und und – sonst wäre es nicht mehrheitsfähig gewesen. Endlose Diskussionen in stundenlangen Videokonferenzen, Versuche, die einzuzahlende Summe möglichst klein zu rechnen, Fragen, wer eigentlich all die dafür investierte Zeit bezahlt, die natürlich unterschiedlich teuer ist, oder was mit dem Lohn der Journalistin für dieses Feature passiert.

Ich fühlte mich während des neutralen Zuhörens mal angezogen, dann wieder angewidert. Und doch. Corona hat die Welt und auch unsere Gesellschaft unterschiedlich stark getroffen. Was ist unsere Antwort darauf und was tut Kirche? Bräuchte es nach dem Digitalisierungsschub nun auch einen Umverteilungsschub? Aber ob sich jemand findet, der dazu eine Videokonferenz initiiert …

 

Michael Jäger, Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Gemeinde Bozen

Foto di angelo luca iannaccone da Pixabay