Wort zum Tag

20. Juli 2020 |Urlaub im Corona – Jahr.

„Nicht das Judentum hat den Sabbat gerettet, sondern der Sabbat das Judentum“

Elie Wiesel

Was die diesjährigen Ferien leisten sollten, wäre etwas Abstand von der Corona – Erfahrung. Wieder mal machen können, was man möchte, weniger Einschränkungen und nicht immer vorsichtig sein müssen; durchatmen und sagen können, „Das ist jetzt hoffentlich vorbei“.

Ich möchte uns aber dennoch einladen, eine mögliche Corona – Erfahrung mit in den Urlaub zu nehmen: Von heute auf morgen keine Termine mehr zu haben und eine Zeit lang so etwas zu erleben wie den Sabbat.

Heute wissen wir, wie wichtig der Abstand von allem, das buchstäbliche Nichtstun für unsere Entwicklung und Gesundheit wären. Denn Ferien und Urlaub haben ja nicht nur die Funktion, für eine Zeit in einer anderen Umgebung zu leben, sondern vor allem, dass wir uns erholen, aufholen oder nachkommen lassen was wir übersehen, überhört, überfühlt haben. Die beste Gelegenheit dies zu tun, ist das buchstäbliche Nichtstun bzw. die Muße.

Ich glaube, nur wenige von uns machen bewusst die Erfahrung der Muße. Aber wenigstens im Urlaub sollten wir Muße erfahren und lernen.

Wer sich auf die Kunst des Nichtstuns versteht, wird bald erleben, wie gut das tut. Wir lernen zu arbeiten, zu leisten, zu entwerfen, durchzuhalten, aber wir lernen und erleben nicht mehr was wirkliche Muße ist und was sie bewirkt.

Muße, einmal wirklich gar nichts tun – auch nicht mit dem Handy spielen, lesen, reden, zuhören oder fernsehen, sondern einfach nur dasitzen, träumen, in die Landschaft schauen, den Wolken zusehen, die Wellen beobachten, dem Wind im Acker oder im Gras zuschauen: das tut etwas mit uns; probiert es einfach aus, für den Anfang  fünf bis zehn Minuten; dann vielleicht etwas länger.

Im Judentum gibt es die Sabbattradition. Streng praktizierende Juden machen am Sabbat wirklich nichts, sie kochen nicht, verwenden keine technischen Geräte und machen, nur wenn es nötig ist, kurze Wege – maximal zweitausend Schritte. Diese absolute Ruhe an einem Tag in der Woche gehört wohl zum inneren Geheimnis des Judentums, zu dem, was dieses Volk so einmalig, so kreativ und so genial macht.

Der KZ – Überlebende und Schriftsteller Elie Wiesel wurde einmal gefragt, wie es möglich ist, dass das Judentum den Sabbat über all die Jahrhundert in der ursprünglichen Form retten konnte. Seine Antwort war: „Nicht das Judentum hat den Sabbat gerettet, sondern der Sabbat das Judentum.“

Wir denken und glauben immer, dass Arbeit und Leistung das Entscheidende sind. Was diese aber erst fruchtbar macht und gelingen lässt, ist die Pause, die Ruhe, der Abstand.

Dies ist auch die Zeit, in der uns Gott besuchen kann, weil wir da eventuell ‚zu Hause sind‘; nur dort kann er uns nämlich antreffen.

In diesem Sinn allen einen erholsamen Urlaub; mindestens in dieser Zeit zehn Minuten nichts tun? Einmal am Tag?

Georg Reider, Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Gemeinde Verona – Gardone.