Wort zum Tag - Chiesa Evangelica Luterana in Italia

Wort zum Tag

5. Juli 2020 | Petrus und Paulus

Am 29. Juni gedenkt die Kirche – und besonders die Kirche in Rom – der beiden großen Apostel Petrus und Paulus. Wenn wir heute noch an sie denken, dann nicht nur an ihre Leistungen, sondern auch daran, dass sie von Gott zu völlig neuen Menschen gemacht wurden.

Den Paulus hat Gott radikal von jetzt auf nachher umgedreht, als ihn das Licht Jesu vor den Toren von Damaskus vom Pferd stürzen ließ. Der Mann war von jetzt auf nachher ein anderer.

Das ist beim großen Paulus beeindruckend.

Da würden wir schon alle beim Zuschauen sagen: Klar, Gott kann Menschen verändern!

Aber bei mir? Nun erleben wir alle aber wohl kaum so eine heftige Lebenswende – und auch keine so tiefe Krise wie Paulus.

Und deshalb bin ich froh, dass die Kirche nicht nur an Paulus denkt, sondern mit ihm zusammen immer auch an Petrus.

Und bei dem sah es ganz anders aus.

Der Petrus war nicht nur ein anderer Charakter, sondern der Weg, den Jesus mit Petrus ging, war auch ganz anders.

Das war viel länger, viel unspektakulärer. Das war ein langer Prozess. Mehrfaches Versagen und Rückschläge eingeschlossen.

Die erste vorsichtige Nachfolge Jesu am Anfang, das immer tiefere Verstehen, wer Jesus ist, als Petrus seine Worte über Jahre immer wieder hörte, das Versagen im Leiden und trotzdem die Annahme durch Jesus nach der Auferstehung.

Und wir würden doch keine Sekunde zögern, zu sagen, dass Gott dem Petrus durch diesen Prozess auch ein neues Herz geschenkt hat.

Es gibt dafür eben das Petrus-Modell und das Paulus-Modell.

Den langen Prozess und das spektakuläre Wunder.

Unser Problem ist nur, dass wir meistens als Christen das Paulus-Modell wollen: Heute, hier und gleich!

Durch Jesus so vom hohen Ross runtergeholt werden, dass es gar keine Raum mehr für Zweifel gibt.

Solche Glaubenserfahrungen kann es geben.

Es kann aber eben auch sein, dass Gott das Petrus-Modell für uns vorgesehen hat:

Einen längeren Weg. Ein längeres Hören auf Jesus. Kleinere, aber viele Erfahrungen mit Jesus. Sünde und Vergebung.

Aber im Laufe der Zeit eben doch: Ein neues Herz.

Ein starkes Herz, ein fester Glaube, der uns durch Krisen trägt und ein Herr, der uns am Ende – trotz Versagens – in die Arme schließt.

Gott verändert Menschen. Das tut er ganz sicher mit jedem, der sich darauf einlässt.

Aber den Weg, auf dem das passiert, den müssen wir schon Gott überlassen.

Ob er nun eine Sekunde Licht vor Damaskus bedeutet oder eine jahrelange Wanderung durch Berg und Tal von Galiläa, das entscheidet Gott für uns.

 

Pfarrer Michael Jonas, Rom