Wort des Tages

16. Mai 2020 | Entscheidungen

 

In der vergangenen Woche, rund um den 8. Mai, gab es im deutschen Fernsehen viele Filme zum Thema „Nationalsozialismus“. Ich habe wieder einmal den Film: „Nackt unter Wölfen“ nach einem Buch von Bruno Apitz aus dem Jahre 1958, gesehen. Ich kannte sowohl Buch als auch Film schon, und doch hat mich diese Geschichte um die Rettung eines kleinen jüdischen Jungen, wieder getroffen.

Die Handlung spielt im sog. „Arbeitslager“ Buchenwald, in der Nähe von Weimar in den letzten Monaten des Krieges 1945. Ein jüdischer Häftling schmuggelt – in einem Koffer – ein etwa dreijähriges Kind ins Lager. Das illegale Internationale Lagerkomitee (ILK), eine aus Kommunisten verschiedener Nationalitäten bestehende Widerstandsgruppe, beschließt, das Kind mit einem Transport in ein anderes Lager gehen zu lassen. Zwei Häftlinge jedoch widersetzen sich diesem Beschluss, weil sie es nicht über das Herz bringen, das Kind seinem Tod entgegen zu schicken, und verstecken es. Seine Entdeckung durch die SS hätte unweigerlich die Ermordung des Kindes und auch derer, die sein Leben bewahren wollen, zur Folge. So wird es an verschiedenen Orten des Lagers versteckt. Durch diese Aktionen gerät die gesamte Widerstandsgruppe in Gefahr. Dennoch nehmen mehrere Häftlinge große persönliche Risiken auf sich, um das Kind zu retten, einer wird dafür von der Gestapo ermordet, zwei andere lange gefoltert.

Bruno Apitz hat mit diesem Buch in der jungen DDR kommunistischen Widerstandsgruppen ein Denkmal setzen wollen. Sie seien gerechte und gute Menschen gewesen. Das Buch musste mehrfach durch die Zensur und war jahrelang in den Schulen der DDR Pflichtlektüre. Auch wenn die Leitungsgruppe des Lagerkomitees idealisiert wurde, so hat Apitz doch einen Konflikt konstruiert, der mich sofort an unsere heutigen inneren Konflikte um Leben und Tod erinnerte.

Worum geht es bei dem Kind? Warum ertragen die Männer es nicht, dass inmitten von Bedrohung Ermordung so vieler Menschen dieses Kind dem Tode preisgegeben wird, obwohl damit in der Geschichte eine jahrelange Organisation im Lager-Widerstand riskiert wird? Das Kind steht für Hoffnung und Zukunft, für eine neue gerechte Zeit – aber gleichzeitig auch für Gefahr und Tod für sehr, sehr viele Menschen. Deshalb ringen in der Geschichte des Buches Herz gegen Vernunft. Wer soll gerettet werden? Nach welchen Maßstäben wird entschieden?

Dies ist eine Frage, die sich in vielen europäischen Ländern während der höchsten „Covid 19- Krise“ stellte, ebenso auch in Italien. Es gab zu wenige Betten mit Sauerstoffgeräten. Weniger jedenfalls, als es Menschen gab, die sie brauchten. Ärzte und Klinikpersonal mussten Entscheidungen treffen, die niemand treffen möchte. Nach dem, was ich gehört und gelesen habe, gab es aber keine allgemeinen Regelungen wie „Menschen über 80 Jahre bekommen keine Plätze“. Es wurde immer wieder von Fall zu Fall, je nach Konditionen, entschieden.  Wie würde ich mich in einer solchen Situation entscheiden? Da brauche ich einen Wegweiser in mir, der mich in Richtung der größt-möglichen Humanität weist und mir gleichzeitig Vergebung verspricht, denn so oder so mache ich mich schuldig.

Die Männer im Roman hatten ihre politische Gesinnung und ihren Glauben an eine bessere Zukunft nach dem Faschismus. Auch in ihrer Geschichte beschlossen sie das eine (nämlich das Kind auf einen Transport zu schicken) – und das andere wurde am Ende getan. Wir wissen heute, dass der Kommunismus kein Weg für eine bessere Welt war und ist.

Christen hilft in solchen Situationen, dass sie ihre Entscheidung vor Gott treffen und seine Maßstäbe dabei berücksichtigen können. Dabei sind sie getragen von der Liebe Gottes für alle Menschen und auch für sich selbst. Das bedeutet nicht, eine Entscheidung, die wehtut, nicht treffen zu müssen, aber es hilft, mit der Schuld leben zu können. Denn als Christen können wir auf Gottes Barmherzigkeit hoffen und so auch uns selbst vergeben, nach einer Entscheidung über Leben und Tod. Der gemeinsame Glaube bedeutet auch, dass solche Entscheidungen von allen mitgetragen werden können. Denn, was die Ärzte und alle anderen in den Krankenhäusern tun mussten, das haben sie auch für uns getan.

Gebe Gott, dass wir hoffentlich nicht wieder in diese Situation kommen und vertrauen wir, auch bei allen anderen so schweren Entscheidungen, auf seine Güte und Barmherzigkeit!

Ich grüße Sie herzlich!

 

Magdalena Tiebel-Gerdes, Pfarrerin der Christlich-Ökumenischen Gemeinde Ispra-Varese

 

Foto: Pixabay