14. Mai 2020: „Dein Wille geschehe“

Weltweiter Gebetsaufruf: Erklärung des Dekans der Evangelisch Lutherischen Kirche in Italien, Heiner Bludau

Ein Aufruf, der in 13 Sprachen rund um die Welt gegangen ist: Der 14. Mai soll Menschen aus aller Welt und aller Glaubensrichtungen im gemeinsamen Gebet um ein Ende der Coronavirus-Pandemie vereinen. Ergangen ist der Aufruf von dem am 4. Februar vergangenen Jahres in Abu Dhabi von Papst Franziskus und dem Großimam der Al-Azhar-Moschee Ahmad Al-Tayyeb gegründeten „Hohen Komitee für menschliche Geschwisterlichkeit für ein friedliches Zusammenleben in aller Welt“. Der Dekan der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Italien, Heiner Bludau, schließt sich dem Aufruf an und nimmt ihn zum Anlass für einen Denkanstoss über die Natur der Gebete. Jeder solle sich in der Art, die ihm am nächsten liege an Gott wenden und sich dabei bewusst sein, nicht alleine zu sein. Nachstehend die Erklärung des Dekans im Wortlaut.

„Auf Initiative von Papst Franziskus und des Großimams der Al-Azhar-Moschee Ahmad Al-Tayyeb wird für Donnerstag, 14. Mai zu einem weltweiten interkonfessionellen und interreligiösen Gebet aufgerufen. Begleitet werden soll das Gebet, zu dem auch ein Vorschlag für konkrete Fürbitten vorliegt, von Fasten und Werken der Barmherzigkeit. Viele kirchliche und religiöse Institutionen unterstützen den Aufruf, unter anderem der Ökumenische Rat der Kirchen, der Lutherische Weltbund und in Italien die Föderation der Evangelischen Kirchen.

Wird Gott sich dazu überreden lassen, die Pandemie zu beenden, wenn die ganze Menschheit ihn gemeinsam darum bittet? Diese Frage könnte sich jeder und jedem stellen, der über diese Initiative nachdenkt. Auf den ersten Blick wirkt sie vielleicht provokativ. In der Tat denke ich, dass es nicht die Aufgabe des Gebets ist, Gott von unseren Wünschen zu überzeugen und ihn zu deren Verwirklichung zu nötigen. Aber bei näherer Betrachtung könnte die Frage in eine andere Richtung weisen. Wenn wir uns über die Grenzen der Konfessionen und der Religionen hinweg im Schauen und im Hören auf Gott auf ein gemeinsames Ziel verständigen – könnte das nicht wirklich helfen, die Pandemie samt ihrer wirtschaftlichen, sozialen und politischen Folgen zu überwinden? Und könnte nicht umgekehrt der Wunsch, die Pandemie und ihre Folgen zu überwinden, im Schauen und Hören auf Gott helfen, die Grenzen zwischen den Konfessionen, den Religionen und den Nationen zu überwinden?

In diesem Sinn lade ich herzlich alle dazu ein, dem Aufruf zu folgen. Wir können uns nicht versammeln um der Gemeinsamkeit Ausdruck zu verleihen. Aber vielleicht ist das auch gar nicht so wichtig. Unsere Formen zu beten sind unterschiedlich – nicht nur zwischen den Religionen, auch zwischen den Konfessionen und sogar in derselben Kirche gibt es persönliche Unterschiede. Lasst uns in der Art, die uns am nächsten liegt, uns an Gott wenden, aber mit dem Bewusstsein, dass wir dabei nicht alleine sind. Formulierte Bitten können dabei vielleicht helfen. Die entscheidende Bitte aber scheint mir zu sein: Dein Wille geschehe! Denn der Wille Gottes ist nicht irgendein Schicksal, sondern unsere Rettung.“

Heiner Bludau, Dekan der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Italien