„…kein Mensch ist gemein oder unrein“ - Chiesa Evangelica Luterana in Italia

„…kein Mensch ist gemein oder unrein“

Die Geschichte des Apostels Petrus und des Zenturios Kornelius aus der Apostelgeschichte, Kapitel 10, Vers 21–35, ist – vor allem angesichts der neuen kritischen Welle von Migranten an der Grenze zwischen Türkei und Griechenland und der Notsituation des Corona-Virus    von einer betroffen machenden Aktualität. Auch unsere Gesellschaft wird immer mehr von Vorurteilen bestimmt, weil wir immer mehr Wert auf die äußere Erscheinung und die Herkunft der Menschen legen als auf anderes. Von Vorurteilen erzählt auch die folgende Bibelgeschichte:

So wie wir, hatte auch Petrus seine Vorurteile. Vorurteile gegenüber Personen, die einer anderen Religionsgemeinschaft angehörten oder andere Meinungen vertraten. Nach dem Motto, wer nicht unserem Glauben angehört und wer nicht die gleichen Meinungen vertritt wie wir, der kann doch gar nicht im Recht sein. Diese Bibelgeschichte erzählt uns wie Petrus seine Meinung und seine Art zu denken ändert. Auch wir Christen müssen bereit sein, unsere Denkweise in Frage zu stellen. Auch in Bezug auf unseren Glauben. Kein Zweifel: auch wir Christen sind nicht gegen Fehler gefeit!  Wer kennt nicht diese Versuchung:  der Meinung der Mehrheit zu folgen, auch wenn wir tief in unserem Herzen eigentlich nicht davon überzeugt sind. Auch Petrus ist dieser Versuchung erlegen, auch er hat sich verleiten lassen, zu denken wie die anderen, sich Vorurteile der anderen zu eigen zu machen. Und so hat er begonnen zu trennen und auszuschließen, zu unterscheiden zwischen Hebräern und Heiden, zwischen Gläubigen und Ungläubigen. Bevor er Kornelius kennenlernte, war auch Petrus davon überzeugt, dass man mit Heiden besser nichts zu tun haben sollte. Überzeugt? Vielleicht ahnte er insgeheim, dass dieser Weg nicht der richtige sein konnte.  Als Petrus nun Kornelius begegnete, dem Römer, dem Heiden, konnte er nicht umhin, ihn dennoch zu schätzen. Petrus hat seine Denkweise mit folgenden Worten zusammengefasst:  “Gott hat mir gezeigt, dass kein Mensch gemein oder unrein anzusehen ist. Nun erfahre ich in Wahrheit, dass Gott die Person nicht ansieht; sondern in jedem Volk, wer ihn fürchtet und Recht tut, der ist ihm angenehm. (Apostel 10,35) In Wahrheit verstehe ich, dass Gott niemanden vorziehen will.”

Ich bin überzeugt davon, dass diese Geschichte mit ihrem freudigen Ende kein Einzelfall ist. Und es handelt sich auch nicht einfach nur um einen individuellen Standpunkt. Um eine Vorstellung der Denkweise Petrus’. Diese Geschichte zeigt uns vor allem, was der Wille Gottes ist. Es geht hier um viel mehr als das freudige Erlebnis von Kornelius. Wir müssen uns vor allem über die Entschlossenheit Gottes freuen. Eigentlich ist es das, was uns diese Geschichte erzählt: Gottes Initiative. Oder mit anderen Worten, wie Gott die Vorurteile der Einzelnen zerstört.

Liebe Schwestern und Brüder. Es ist eine sehr schöne Geschichte, aber man darf nicht nur an ihre humane Botschaft denken, sondern man sollte sich auch auf ihren tiefen religiösen Aspekt konzentrieren. Wir müssen die göttliche Wahrheit darin erkennen, die da sagt: “Die Dinge, die Gott geläutert hat, sollst du nicht unrein werden lassen.”  Menschen aller Nationen, Klassen und Glaubensrichtungen sollten über diese Geschichte nachdenken. Diese Geschichte geht uns alle an. Wir sollten keine Unterschiede machen, wir dürfen keine Urteile fällen, nicht etikettieren, ausschließen oder uns für besser als andere halten. Wir dürfen uns nicht verleiten lassen, Unterschiede zwischen uns und den anderen zu machen.  Die Dinge, die Gott geläutert hat, sollst du nicht unrein werden lassen.” Diese Geschichte geht allerdings noch einen Schritt weiter. Es handelt sich nicht um eine Geschichte, in der einfach nur am Ende alles geglättet, alles auf dasselbe Level gebracht wird. Petrus sagt nicht nur, dass wir alle vor Gott gleich sind. Er sagt auch, dass wer Gott fürchtet und richtig handelt, der wird Ihm nahe sein. Und das soll nichts anderes heißen, als dass wir als Christen, besonders in diesen Zeiten von großen sozialen, kulturellen und nationalen Unterschieden, dazu stehen müssen, was richtig und was falsch ist. Wir müssen dazu stehen und sagen, was uns unser Glaube beibringt, in Bezug auf Liebe und Respekt. Wir müssen also die Menschen suchen, die Gott fürchten und die ehrlich sind und unsere Aufmerksamkeit auf sie lenken. Unabhängig, von dem, was sie sind. So wie Petrus gesucht und schließlich Kornelius gefunden hat.

Liebe Schwestern und Brüder. Die Worte der Bibel fordern uns auf, nach dem Guten zu suchen. Aufzeigen, was falsch ist und gleichzeitig nicht von vornherein verurteilen. Die Worte der Bibel laden uns ein, die Hürde zu überwinden, die die Vorurteile darstellen.

Ich wünsche Ihnen alles Gute.

Euer Pastor in Triest,
Aleksander Erniša

Foto: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Rembrandt_Harmensz._van_Rijn_034.jpg