Passionszeit – Hinleben auf die Befreiung - Chiesa Evangelica Luterana in Italia

Passionszeit – Hinleben auf die Befreiung

Der Dekan der ELKI Heiner Bludau über die sieben Wochen vor Ostern

Am Aschermittwoch beginnt die Passionszeit; von Mittwoch 26. Februar bis Samstag, 11. April, Karsamstag, vergehen genau 46 Tage.  In der Umgangssprache und von den Katholiken wird diese Zeit auch Fastenzeit genannt. In der Tat nutzen viele Menschen diese sieben Wochen, diese 40 Tage (die Sonntage sind als Tag des Herrn ausgenommen), zum Fasten. Das heißt, sie verzichten bewusst auf etwas. Kein Fleisch, keine Süßigkeiten, kein Alkohol, heutzutage auch kein Handy. Die Evangelische Kirche Deutschlands ruft seit mehreren Jahren zur Aktion „7 Wochen ohne“ auf, wobei „Ohne“ jedes Jahr unter einem anderen Begriff steht. 2019 war es Lügen. Sieben Wochen ohne Lügen. Dieses Jahr hingegen soll auf Pessimismus verzichtet werden. Angesichts von politischer Unsicherheit, Vormarsch von Rechtsradikalismus, Rassismus und Antisemitismus, von den unübersehbaren Folgen des Klimawandels gar nicht so einfach. Und deshalb umso wichtiger. Wenn ich mich dem Leiden ergebe, bin ich gelähmt. Sich dem Leben, der Auferstehung zuwenden, ist Bewegung, Handeln.

Das Wort Passion leitet sich von „pati“ ab, lateinisch für leiden oder erdulden. Der von Luther geprägte christliche Glauben ruht auf der Grundlage, dass Christus uns durch sein Leiden und sein Sterben befreit hat. Für mich ist deshalb die Passionszeit nicht eine Zeit, in der das Leiden, auch mein Leiden, mein Verzicht, im Vordergrund stehen, sondern der Weg Christi ans Kreuz. Und ich, wir machen uns auf den Weg mit ihm. Ich sehe die Passionszeit weniger als eine Leidenszeit, als vielmehr als eine Zeit, die auf die Grundlage des Lebens hinweist. Auf unsere Befreiung, durch Christus. Durch das Leiden von Christus.

Uns Protestanten wird oft vorgeworfen, wir seien pessimistisch, wir seien zu leidensorientiert. Aber sind wird das wirklich? Ist nicht vielmehr das bewusste Begleiten des Weges Christi ans Kreuz, ein bewusstes Hinleben auf die Frohbotschaft, auf die Befreiung? Der Tod Christi bringt uns Befreiung und er nimmt uns in die Pflicht. „Ihr seid teuer erkauft“, schreibt der Apostel Paulus im Brief an die Korinther (1,Kor, 7,23). Und da hat er wahrlich Recht. Ein Grund mehr, die Passionszeit als Zeit zu nehmen, um uns bewusst zu werden, um aufzuräumen. In unserem Leben. In unseren Beziehungen, in unseren Vorhaben. Und dabei die Augen nicht zu verschließen vor dem Leid. Die Passionszeit ist mir persönlich Auftrag, nicht nur als Geschöpf Gottes zu leben, sondern als Mensch, der durch Gott befreit wurde. Und der als solcher in der Lage ist, auch die Abgründe wahrzunehmen, ohne in den Pessimismus abzurutschen. „Teuer erkauft.“ Und gerade deshalb so wertvoll.

Ich möchte damit nun beileibe nicht Fasten-Vorsätze ins Wanken bringen. Verzicht üben hilft uns, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren. Hilft uns, Ballast über Bord zu werfen. Aufzuräumen. Platz zu schaffen, für das Wesentliche. Platz zu schaffen, für das, was wirklich Sinn macht im Leben. Sinn für mich und Sinn für andere. Platz für andere, für den anderen. „Das wahre Fasten“, sagt der Prophet Jesaja, „ist sein Brot mit dem Nächsten teilen.“ In der freudigen Gewissheit, dass wir alle „teuer erkauft“ sind.

Heiner Bludau/ nd